Kommentar: Der Ölpreiscrash hat seinen Ursprung an der Zapfsäule

Marktentwicklungen sind derzeit schwer vorhersehbar.
Foto: IMAGO/Martin WagnerKlassische volkswirtschaftliche Modelle nehmen der Einfachheit halber an, dass alle Marktteilnehmer über ein vollständiges Wissen verfügen. Dass sie also wissen, welchen Wert all ihre Mitmenschen einem Gut zumessen, und zwar im Vergleich zu allen möglichen anderen Gütern, die sie stattdessen nutzen könnten.
Das ist natürlich unrealistisch. Wenn dem so wäre, dann wäre der Preis die Lösung einer einfachen, logischen Gleichung. Doch jeder einzelne Marktteilnehmer verfügt nur über unvollständige Informationen – die sich oft sogar widersprechen. Und welche Folgen das hat, zeigen die derzeitigen Verwerfungen am Ölmarkt.
Innerhalb von einer Woche sanken die Ölpreise von Jahreshöchstständen auf das Niveau, das sie zuletzt Ende August hatten. Vergangene Woche schien es noch so, als sei es nur eine Frage der Zeit, bis der Ölpreis die 100-Dollar-Marke übersteigt. Nun ist der Brent-Preis sogar zeitweise unter 85 Dollar gesunken.
Was hat sich geändert? Im Prinzip wenig: Saudi-Arabien und Russland haben am Mittwoch wie erwartet verkündet, ihre Förderkürzungen bis Ende des Jahres fortzuführen. Der Markt ist Prognosen der Internationalen Energieagentur (IEA) zufolge wegen der künstlichen Verknappung des Angebots weiterhin unterversorgt.
Zugleich schien die Nachfrage bisher robust zu sein: Die schwächelnde chinesische Wirtschaft erholt sich, die Menschen fliegen wieder mehr, und die USA scheinen einer Rezession noch einmal knapp entkommen zu sein. Die kalte Jahreszeit steht vor der Tür, bald wird wieder mehr geheizt. In wenigen Wochen beginnt die Weihnachtszeit, inklusive langer Autofahrten oder sogar Flüge zur Verwandtschaft. Wieso sollte der Ölpreis also nicht steigen?
Doch Preise bilden vor allem Erwartungen ab – und diese haben sich geändert, ausgerechnet wegen der gestiegenen Ölpreise. Die spüren nämlich die US-Verbraucher schmerzlich an der Zapfsäule. Energiepreise sind einer der wichtigsten Treiber der Inflation. Die US-Notenbank Federal Reserve schaut zwar vor allem auf die Kerninflation, in deren Berechnung Energiepreise nicht einfließen. Ignorieren kann die Fed aber diese Entwicklung dennoch nicht, zumal Zweitrundeneffekte drohen.
Höhere Zinsen sorgen für ein höheres Rezessionsrisiko
Und so wächst unter Anlegern die Befürchtung, dass die US-Notenbank womöglich doch die Zinsen weiter erhöhen könnte. Höhere Zinsen sorgen zugleich auch für ein höheres Rezessionsrisiko. Und das würde sich wiederum negativ auf die Ölnachfrage auswirken.
Diese Zinsängste, kombiniert mit schwachen Benzinnachfrage-Daten, haben für den Einbruch der Ölpreise gesorgt. Ob die Opec-plus-Staaten diese Entwicklung vorausgesehen haben, ist fraglich. Doch genauso fraglich ist es, ob der aktuelle niedrigere Preis wirklich die weiterhin bestehenden Angebotsknappheiten widerspiegelt.
Marktentwicklungen sind derzeit schwer vorhersehbar – und deshalb könnte der Ölpreis mittelfristig sehr schwankungsanfällig bleiben.