Israel-Krieg: Israel zögert mit Einmarsch in Gaza
Die israelische Armee ist deutlich besser ausgestattet als die Hamas.
Foto: ReutersBerlin, Frankfurt, Tel Aviv. Der innenpolitische Druck auf Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu steigt, die Bodenoffensive in Gaza zu beginnen. Die Vorbereitungen dazu sind weitgehend abgeschlossen. Das Militär hat Hunderttausende Reservisten einberufen und seine Truppen an der Grenze zum Gazastreifen in Stellung gebracht. Aus den USA ist Material zum Schutz der Soldaten eingetroffen, 50.000 Schutzwesten, 20.000 Helme sowie Schutzbrillen und Knieschützer. Und die Rüstungsfabriken produzieren rund um die Uhr Munition.
Westliche Regierungschefs dagegen versuchen, Israel von den Plänen abzubringen. Viele fürchten einen größeren Krieg in der Region. Zudem gibt es die Hoffnung, das Leben weiterer Geiseln zu retten, erst am Wochenende hatte die Hamas zwei US-Amerikanerinnen freigelassen.
Die vom Libanon aus agierende Miliz Hisbollah drohte derweil, in den Konflikt einzugreifen. Israel werde für einen Einmarsch in Gaza einen hohen Preis zahlen, sagte ihr Vizechef Scheich Naim Kassem. Die gegenseitigen Angriffe zwischen Israel und der vom Iran unterstützten Hisbollah hatten in den vergangenen Tagen zugenommen.
„Wir sehen jeden Tag mehr und mehr Angriffe“, sagte Armeesprecher Jonathan Conricus. Die Hisbollah-Miliz „eskaliert die Situation“ und spiele ein „sehr, sehr gefährliches Spiel“: Die Hisbollah greife an und ziehe den Libanon in einen Krieg hinein, „bei dem er nichts gewinnen, aber viel verlieren wird“.
Mit jeder dieser Nachrichten vergrößert sich die Sorge, dass Israel mit einer Bodenoffensive eine Kettenreaktion auslösen könnte. Beim von Ägypten anberaumten „Friedensgipfel“ in Kuwait stand für viele der Teilnehmer vor allem das Leid der Palästinenser im Gazastreifen im Vordergrund. Auf eine gemeinsame Erklärung konnte man sich trotz intensiver Verhandlungen am Ende nicht einigen.
>> Lesen Sie hier: Alle Entwicklungen im Israel-Krieg in unserem News-Blog
„Wir alle wissen, dass sich unsere Sichtweisen auf den Konflikt durchaus unterscheiden“, sagte die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne). „Uns alle eint jedoch, dass ein Flächenbrand in der Region verhindert werden muss für die ganze Welt.“ Vertreter Israels hatten die ägyptischen Veranstalter nicht eingeladen.
Warum zögert Israel mit der Offensive?
Verzögert wurde die Aktion in der vergangenen Woche unter anderem durch diplomatische Besuche auf höchster Ebene. US-Präsident Joe Biden warnte Israel davor, sich von der Wut leiten zu lassen, wie es die USA nach dem 11. September getan hätten: „Wir haben zwar Gerechtigkeit gesucht und bekommen, aber wir haben auch Fehler gemacht“, sagte Biden.
Um weitere Gruppen von Angriffen auf Israel abzuhalten, haben die USA ihre Kräfte in der Region verstärkt und zwei Flugzeugträger dorthin verlegt. US-Verteidigungsminister Lloyd Austin erklärte am Samstagabend, dass weitere Luftabwehrsysteme in den Nahen Osten geschickt und weitere Truppen in Bereitschaft versetzt würden.
Die Vereinigten Staaten demonstrieren ihre Unterstützung für Israel mit zwei Flugzeugträgern im östlichen Mittelmeer.
Foto: dpaEin Angriff könnte auch dazu führen, dass Ägypten den Grenzübergang Rafah wieder schließt, über den am Wochenende erste Hilfslieferungen für die Zivilbevölkerung in den Gazastreifen kamen. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier forderte bei einer Kundgebung in Berlin mit rund 10.000 Teilnehmern humanitäre Hilfe sowie humanitäre Korridore.
Demonstrationen in Europa: Kaum Hoffnung auf Frieden in Nahost
Innerhalb Israels ist der Druck auf Premier Netanjahu aber hoch, den Einmarsch bald zu befehlen. „Je länger die Offensive hinausgeschoben wird, desto geringer sind die Chancen, dass die Hamas besiegt wird“, schrieb etwa der Journalist und Militärexperte Avi Issacharoff beim Kurznachrichtendienst X. Das Zeitfenster, das Israel für den Angriff hat, sei beschränkt: „Die internationale Gesellschaft wird uns bald stoppen“, meint Issacharoff. „Wenn die Invasion nicht bald beginnt, wird sie nicht mehr realisierbar sein.“
Und wenn die Offensive abgeblasen wird?
Darüber wird in israelischen Medien spekuliert. Denn neben der Gefahr, einen großen Krieg zu provozieren, gibt es weitere Risiken. Mit Sicherheit würde eine Bodenoffensive vielen israelischen Soldaten das Leben kosten. „Wir gehen davon aus, dass die Hamas das Schlachtfeld vorbereitet hat“, sagte Oberstleutnant Conricus dem US-Sender Fox. Die Hamas würde „den israelischen Streitkräften schwere Verluste zufügen“.
Auch die Wirtschaft würde mit Sicherheit unter der Offensive leiden. Die Reservisten, die sich aus einem Querschnitt der israelischen Gesellschaft zusammensetzen, bestehen aus etwa 450.000 Mitgliedern. Bisher wurden rund 350.000 Reservisten aufgeboten, darunter Lehrer, Techniker, Unternehmer, Landwirte, Anwälte, Ärzte, Krankenschwestern, Tourismus- und Fabrikarbeiter.
>> Lesen Sie hier: Das Weltbeben – Wie viele Krisen erträgt die Welt?
„Die ökonomischen Auswirkungen sind beträchtlich“, sagt der Ökonom Eyal Winter von der Hebräischen Universität in Jerusalem, der die wirtschaftlichen Auswirkungen der israelischen Kriege untersucht hat. So ist etwa der Tourismus seit dem 7. Oktober eingebrochen.
Die frei gewordenen Zimmer werden mit Israelis besetzt, die aus dem Süden und Norden des Landes evakuiert werden, wo heftige Kämpfe erwartet werden.
Wie würde die Besetzung ablaufen?
Immer wieder dringen israelische Truppen für jeweils ein paar Stunden in den Gazastreifen ein, um Leichen zu finden, die die Hamas bei ihrem Rückzug zurückgelassen hat. „Es wurden viele Tote gefunden“, sagte ein ehemaliger Offizier. Die Armee lässt sich dabei von Hamas-Terroristen führen, die sie bei den Anschlägen festgenommen hat.
Israel drohen bei einer Bodenoffensive in Gaza schwere Verluste.
Foto: APLaut Verteidigungsminister Joaw Galant wird Israel in drei Stufen vorgehen. In einer ersten würden die Terroristen neutralisiert sowie die Infrastruktur der Hamas zerstört. In einer zweiten Phase würden Widerstandsnester bekämpft und in einer dritten würde Israel die Verantwortung für den Landstrich aufgeben und sich auf die Sicherheit seiner Bürger konzentrieren.
Der Widerstand wird allerdings enorm sein. Die Hamas verfügt über Panzerabwehrhandwaffen sowie Scharfschützen, die schon beim Überfall auf die israelischen Stellungen und Siedlungen zum Einsatz kamen. In den vergangenen 20 Jahren hat die Terrorgruppe ein weit verzweigtes Tunnelsystem unter dem Gazastreifen angelegt. Dieses ist mit Minen gesichert. Aus den Tunneln heraus kann die Hamas die israelische Armee angreifen.
Wie würde die Zukunft Gazas aussehen?
Darüber ist wenig bekannt. Der Militärhistoriker Danny Orbach von der Hebräischen Universität Jerusalem sagte: „Entweder wird ein internationales Konsortium oder eine andere Palästinenserorganisation die Geschicke des Gazastreifens übernehmen.“