Kommentar: Der Kahlschlag bei der Postbank ist riskant

Die Strategie der Deutschen Bank bei der Postbank ist riskant.
Foto: IMAGO/Michael GstettenbauerEs ist ein radikaler Strategiewechsel, den die Deutsche Bank bei der Postbank durchsetzen will: Fast jede zweite Filiale soll verschwinden, das Nebeneinander von Post- und Bankgeschäft zurückgedrängt werden und das Mobiltelefon zum wichtigsten Kanal für die Kundinnen und Kunden aufsteigen. Und das alles in den nächsten zwei Jahren.
Dass sich bei der Postbank etwas ändern muss, ist unbestritten. Gemessen an den Erträgen sind die Kosten des Instituts zu hoch, die Privatkundensparte ist insgesamt nicht profitabel genug.
Auf den ersten Blick wirkt der Vorstoß von Privatkundenchef Claudio de Sanctis daher logisch: Digitalere Prozesse können die ohnehin zu hohen Kosten senken, die Warteschlangen in den Filialen gehen vielen Kunden auf die Nerven, und der Deutschen Bank fehlte bislang ohnehin ein überzeugendes Angebot, das sich mit Digitalbanken wie der ING oder der Comdirect messen kann.
Dennoch sind der strategische Kurs und das Tempo, das der Deutschen Bank vorschwebt, riskant. Bislang zählte die Postbank zu den wenigen deutschen Marken, die in Städten und selbst in ländlichen Regionen eine fast flächendeckende Präsenz haben, ähnlich wie Volksbanken und Sparkassen. Diesen Vorteil wird die Bank zumindest teilweise aufgeben, und zwar in einem Tempo, das Kurskorrekturen schwierig macht.
Denn dass die Kundinnen und Kunden der Postbank diesen Weg mittragen, ist längst nicht ausgemacht. Es gibt zwar viele, die die digitalen Angebote der Postbank fleißig nutzen und schätzen. Und wie zu hören ist, findet derzeit auch nur jeder vierte Postbank-Kunde den Weg in eine Filiale. Das klingt erst einmal nach wenig. Bei rund zwölf Millionen Kunden bedeutet das aber auch, dass drei Millionen Kundinnen und Kunden die Präsenz vor Ort zu schätzen wissen.
Die Filiale bleibt wichtig
Sparkassenpräsident Helmut Schleweis hat vor Kurzem davor gewarnt, es mit Filialschließungen zu übertreiben. „Eine Filiale mag für sich nicht mehr rentabel sein. Wenn sie in Größenordnungen, die Menschen nicht mehr verstehen, geschlossen werden, weckt das Zweifel, ob wir noch die Interessenvertreter der breiten Bevölkerung sind“, warnte Schleweis die Geldhäuser seiner Organisation. Diese Botschaft hätte er auch an die Adresse der Postbank richten können.
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Die radikale Ansage der Postbank könnte bisherige Kunden verschrecken. Die gravierenden Probleme im Service haben deren Nerven ohnehin strapaziert – und strapazieren sie zum Teil noch immer.
Daher ist auch der Zeitpunkt für diese Ankündigung schlecht gewählt. Zum einen kann die Bank damit treue Kunden endgültig abschrecken, zum anderen ist die Bank auf die Motivation ihrer Beschäftigten besonders angewiesen.