Energie: Warum Big Oil jetzt doch wieder mehr auf Öl setzt
Die Ölkonzerne setzen wieder auf ihr Kerngeschäft.
Foto: Moment/Getty ImagesDüsseldorf. Nach Rekordergebnissen im vergangenen Jahr bleiben die großen Ölkonzerne bislang hinter den Erwartungen der Analysten zurück: Mehr als 50 Milliarden Dollar schrumpften die Gewinne in den ersten neun Monaten im Vergleich zum Vorjahr.
Zusammengenommen kommen die US-Konzerne Exxon Mobil, Chevron und ihre europäischen Wettbewerber Shell, BP und Total Energies, auch Big Oil genannt, damit trotzdem noch auf fast 94 Milliarden Dollar Profit. Ein Jahr zuvor waren es allerdings noch fast 145 Milliarden. Grund für den Gewinnrückgang sind die gesunkenen Energiepreise. Trotzdem setzen die Ölkonzerne wieder verstärkt auf ihr altes Geschäftsmodell.
Die US-Wettbewerber Exxon Mobil und Chevron machten zuletzt sogar mit zwei der milliardenstärksten Deals der vergangenen Jahrzehnte von sich reden, um ihr Ölangebot auszuweiten: Exxon Mobil kauft für 59,5 Milliarden Dollar den heimischen Konkurrenten Pioneer Natural Resources und Chevron sichert sich seinen Rivalen Hess für 53 Milliarden Dollar.
Alle fünf Big-Oil-Konzerne haben außerdem die Ausgaben für die Exploration neuer Öl- und Gasprojekte trotz gesunkener Gewinne in diesem Jahr deutlich gesteigert.
Damit sind die Unternehmen in die exakt andere Richtung unterwegs, die es laut dem Chef der Internationalen Energieagentur (IEA), Fatih Birol, eigentlich bräuchte. „Angesichts der anhaltenden Spannungen und der Volatilität auf den traditionellen Energiemärkten sind die Behauptungen, dass Öl und Gas eine sichere Alternative für die Energie- und Klimazukunft der Welt darstellen, schwächer denn je“, sagte Birol vor Kurzem bei der Vorstellung des aktuellen „World Energy Outlooks“ des internationalen Analysehauses.
Ende des Ölbooms schon 2030 möglich
Der alljährliche Bericht sieht das Ende des Ölzeitalters näher denn je. Demnach könnte der Nachfrageboom von Öl, Erdgas und Kohle seinen Höhepunkt sogar schon vor 2030 erreichen. Wenn alle von den Ländern angekündigten Zusagen und Ziele eingehalten werden, könnte die Ölnachfrage laut den IEA-Experten bis 2030 auf 92,5 Millionen Barrel pro Tag und bis 2050 auf 54,8 Millionen Barrel pro Tag zurückgehen.
Aktuell liegt der Verbrauch bei knapp 100 Millionen Barrel pro Tag. Wenn die Regierungen ihre Klimaziele verfehlen, sinkt die Ölnachfrage laut IEA zwar auch, aber bis 2050 dann nur noch auf 97,4 Millionen Barrel pro Tag.
Aber selbst das pessimistischste Szenario ist meilenweit entfernt von den Annahmen der Produzenten. Die Vereinigung der erdölfördernden Länder, Opec, prognostizierte Anfang des Monats, dass die Ölnachfrage bis 2045 auf 116 Millionen Barrel pro Tag steigen wird.
Fatih Birol, Chef der Internationalen Energieagentur. rechnet mit einem Ende des Ölzeitalters.
Foto: REUTERSEntsprechend schroff reagierte die Industrie auf die Äußerungen Birols: „Ich glaube nicht, dass das auch nur annähernd richtig ist“, sagte Chevron-CEO Mike Wirth zu dem von der IEA vorhergesagten Ende des Ölzeitalters in den nächsten sechs Jahren. „Man kann Szenarien entwerfen, aber wir leben in der realen Welt und müssen Kapital bereitstellen, um den Anforderungen der realen Welt gerecht zu werden“, sagte der Manager in einem Interview mit der „Financial Times“.
Die IEA geht hingegen davon aus, dass der Anteil der fossilen Brennstoffe an der weltweiten Energieversorgung 2050 bestenfalls nur noch 32 Prozent betragen wird, verglichen mit 80 Prozent im Jahr 2022. Erneuerbare Energien, Biomasse, Kernenergie sowie Kohle- und Gaserzeugung, bei denen die Kohlenstoffemissionen aufgefangen und gespeichert werden, würden in der Zukunft 66 Prozent der weltweiten Energieerzeugung ausmachen.
Noch sorgen Öl und Gas für hohe Gewinne
Schon mehrmals betonte IEA-Chef Birol, dass es keine Investitionen mehr in neue Öl- und Gasprojekte mehr geben dürfe, wenn man das 1,5-Grad-Ziel des Pariser Klimaabkommens einhalten wolle. Überinvestitionen seien außerdem ein Geschäftsrisiko, heißt es im World Energy Outlook.
Noch sind Öl und Gas allerdings die Gewinnbringer schlechthin. Im Vergleich zum Vorjahr sind die Erlöse von Big Oil zwar massiv gesunken, im Jahresverlauf zeichnet sich jedoch schon ein anderes Bild ab. So konnte Exxon Mobil seinen Gewinn im dritten Quartal auf 9,1 Milliarden Dollar steigern. Drei Monate zuvor waren es noch 7,9 Milliarden.
Auch Chevron verdiente im dritten Quartal zwar nur die Hälfte, verglichen mit 2022. Aber im Vergleich zum zweiten Quartal dieses Jahres konnte das Unternehmen aus Kalifornien sein Ergebnis deutlich steigern. Das liegt auch an den volatilen Preisen.
>> Lesen Sie hier: Ein Preisschock beim Öl ist wahrscheinlicher geworden
Kostete ein Barrel der Nordseesorte Brent im vergangenen Herbst noch an die 100 Dollar, sank der Kurs in der ersten Jahreshälfte zwischenzeitlich auf bis zu 73 Dollar. Aktuell liegt der Preis bei 87 Dollar je Barrel, getrieben vor allem durch den Konflikt in Nahost.
Auch der Gaspreis schwankt stark. Laut der niederländischen Gashandelsbörse TTF kostet eine Megawattstunde des fossilen Rohstoffs derzeit 48 Euro. Zum Vergleich: Vor einem Jahr lag der Preis für dieselbe Menge noch bei 126 Euro. Aber trotz der gesunkenen Kurse: Die Preise für fossile Energien bleiben auf einem vergleichsweise hohen Niveau.
Aktien der Energiekonzerne sind noch auf Höhenflug
Auch in Zukunft auf Erdöl zu wetten ist jedoch riskant. Der Nahostkonflikt stellt den globalen Energiemarkt vor die nächste geopolitische Herausforderung, und je nachdem wie die verschiedenen Länder in ihrem Versuch vorankommen, die eigenen Klimaziele zu erreichen, könnte sich die Erdölnachfrage schneller reduzieren, als Big Oil sich heutzutage vorstellen kann.
Noch sind die Aktien der Ölkonzerne allerdings im Höhenflug. Fast alle konnten ihren Kurs im Verlauf der vergangenen zehn Jahre deutlich steigern, teilweise sogar verdreifachen. Nur die Londoner BP hinkt gerade etwas hinterher.
Seit im September der ehemalige BP-Chef Bernard Looney aufgrund von früheren Beziehungen zu Kollegen überraschend abtreten musste, leitet der bisherige Finanzchef Murray Auchincloss den Ölkonzern. Auchincloss bemüht sich seitdem, die von Looney vorangetriebene, aber dann abgebremste grüne Transformation weiterzuverfolgen.