Georg Büchners 175. Todestag: Wie ein Revolutionär von gestern das Heute prägt
Georg Büchners Schreibtisch nachgestellt: Der Schriftsteller und Naturwissenschaftler hatte vor seinem frühen Tod schon drei Dramen geschrieben.
Foto: dpaBerlin. Was hätte aus dem jungen Mann noch werden können! Als Georg Büchner am 19. Februar 1837 im Alter von nur 23 Jahren an Typhus starb, hatte er schon drei Dramen geschrieben, die bis heute zum festen Repertoire deutscher Bühnen gehören. Nicht weniger Strahlkraft besitzt seine Flugschrift „Der Hessische Landbote“, auf die sich zuletzt die Occupy-Bewegung berief. Und Büchners Erzählung „Lenz“ veranlasste Arnold Zweig zu der Bemerkung, mit diesem Text beginne die moderne europäische Prosa.
Zum Vergleich: Goethe hatte mit 23 Jahren gerade mal den „Götz von Berlichingen“ und einige Gedichte zu Papier gebracht. Darauf weist die Literaturwissenschaftlerin Ariane Martin hin. In ihrem Buch über Büchner würdigt sie seine „fast zeitlos anmutende Aktualität“, seine bilderreiche und witzige Sprache und seinen scharfen Blick auf die soziale Realität. „Ich meine für menschliche Dinge müsse man auch menschliche Ausdrücke finden“, hatte der Dichter selbst gesagt. Nebenbei war er auch Mediziner, der seine Doktorarbeit über die Schädelnerven einer Karpfenart verfasste. Gerade hatte er seine erste Stelle als Privatdozent an der Universität Zürich angetreten hatte, als ihn der Tod ereilte.
Zu dieser Zeit lagen nervenaufreibende Jahre als politisch Verfolgter hinter ihm. Anlass für Büchners Probleme mit der Obrigkeit war „Der Hessische Landbote“. Die Flugschrift verfasste Büchner als Reaktion auf die Not der Landbevölkerung in seiner Heimat Hessen. In einer einmaligen Mischung aus Rechenaufgabe und Agitation zeigt der Autor, wie viel Steuereinnahmen die Reichen verprassen, während die Armen hungern.
Zwar milderte Büchners Mitverschwörer Friedrich Ludwig Weidig den Ausdruck „die Reichen“ in „die Vornehmen“. Die Behörden, die damals äußerst scharf gegen jegliche „politische Umtriebe“ vorgingen, erkannten die Brisanz des Textes natürlich trotzdem. Allein die Überschrift „Friede den Hütten! Krieg den Palästen!“ musste sie auf den Plan rufen.
Zwtl.: Begeisterung für die Französische Revolution Georg Büchners späteres Aufbegehren deutete sich schon während der Schulzeit an. Geboren wurde er 1813 in Goddelau, heute ein Stadtteil von Riedstadt, wo eine Ausstellungen in seinem Geburtshaus an ihn erinnert. Später zog die Familie ins benachbarte Darmstadt, wo Georg als Ältester von sechs Kindern aufwuchs. Der Vater wird als äußerst streng, die Mutter als musisch und einfühlsam beschrieben. Die Eltern schickten ihren Sohn auf das Pädagog, ein humanistisches Gymnasium mit gutem Ruf. Gegen Ende der Schulzeit begrüßten sich Büchner und seine Freunde nur noch mit „Bonjour, citoyen“ („Guten Tag, Bürger“) und brachten damit ihre Begeisterung für die Französische Revolution zum Ausdruck.
Eine Zeichnung des Schriftstellers Georg Büchner.
Foto: dpaNach dem Abitur ging Büchner als Medizinstudent nach Straßburg, wo er sich mit der Pfarrerstochter Wilhelmine Jaeglé verlobte. Länger als zwei Jahre durfte er dort nicht bleiben, ohne das Recht auf einen Studienabschluss in Hessen zu verlieren. So kehrte er nach Darmstadt zurück, um später in Gießen sein Studium fortzusetzen. Einer seiner Professoren wurde später Vorbild für den menschenverachtenden Doktor in „Woyzeck“.
Es ist Büchners letztes, Fragment gebliebenes Drama nach „Dantons Tod“ und „Leonce und Lena“. In dem Stück kommt Büchners humanistisches, an der Menschenrechtserklärung der Französischen Revolution geschultes Denken, noch einmal zum Ausdruck. Erzählt wird die Geschichte des Soldaten Woyzeck, der als Laufbursche für einen Hauptmann arbeitet. Um Geld für seine Freundin Marie und ihr gemeinsames Kindes zu verdienen, lässt sich Woyzeck von dem Doktor zu Versuchszwecken auf Erbsendiät setzen. Hauptmann und Arzt demütigen Woyzeck immer wieder. Die Tragödie dieses einfachen Menschen, der am Ende Marie ermordet, schreit förmlich nach der Abschaffung der zugrunde liegenden „skandalösen gesellschaftlichen Verhältnisse“, so die Literaturwissenschaftlerin Ariane Martin.
Als nach dem Erscheinen des „Hessischen Landboten“ mehrere Freunde Büchners ins Gefängnis kommen werden, flieht er nach Straßburg. Er ist glücklich, „der beständigen geheimen Angst vor Verhaftung und sonstigen Verfolgungen“ enthoben zu sein. Endlich ist er wieder mit seiner Verlobten zusammen.
In der Heimat wird Büchner nun steckbrieflich gesucht. In Straßburg aber schließt er sein Studium ab und reist bald darauf mit dem Woyzeck-Manuskript im Gepäck nach Zürich. Kurz vor Beginn seiner tödlichen Krankheit meint er, er werde das Drama „in längstens acht Tagen erscheinen lassen“. Dazu kommt es nicht mehr. Am 17. Februar 1837 trifft Wilhelmine Jaeglé noch rechtzeitig für ein letztes Wiedersehen in Zürich ein. Zwei Tage später ist Georg Büchner tot.
Seit 1923 wird ein nach ihm benannter Preis verliehen. Zuerst ein Kulturpreis, widmet man ihn nach dem Krieg in einen Literaturpreis um. Der Georg-Büchner-Preis ist heute die bedeutendste literarische Auszeichnung in Deutschland und damit eine würdige Ehrung auch für den großen Dichter.