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Skandal beim DiscounterSexistische Filmaufnahmen am Aldi-Kühlregal

In Filialen von Aldi Süd sollen laut einem Medienbericht Kundinnen heimlich gefilmt worden sein. Der Discounter soll zudem Kameras installiert haben, die Pin-Nummern aufzeichnen können. Aldi Süd dementiert die Vorwürfe. 29.04.2012 - 19:37 Uhr aktualisiert Artikel anhören

Aldi-Süd-Filialleiter sollen heimlich Kundinnen an Kühltheken gefilmt haben.

Foto: dpa

Hamburg. In Filialen des Discount-Riesen Aldi Süd haben Manager nach „Spiegel“-Informationen heimlich Kundinnen beim Einkauf gefilmt. Filialleiter hätten vor allem Frauen in kurzen Röcken oder mit ausgeschnittenen Tops gefilmt, sobald sie sich über Kühltheken beugten oder vor Regalen bückten.

Dann hätten die Aldi-Mitarbeiter sie mit der Kamera herangezoomt, berichtete das Magazin unter Berufung auf ihm vorliegende Bilder. Danach seien die Filme auf CD gebrannt und untereinander ausgetauscht worden. Die Vorfälle ereigneten sich demnach in Frankfurt am Main, Dieburg und anderen hessischen Filialen. Zudem sollen das Unternehmen selbst auch eigene Mitarbeiter überwacht haben.

Warum Aldi billig ist
Es ist eine Gretchenfrage: Wie viele Artikel biete ich meinen Kunden an? 1946 ging es um nichts mehr als ums Sattwerden. Die Aldi-Brüder schauten auf ihren Tages- und Wocheneinkauf. Erst im Laufe der Jahre kamen Non-Food-Artikel hinzu – anfangs waren sie verpönt.
Mit der Zeit pendelte man sich bei 400 Artikeln ein. Inzwischen – in Zeiten der feiner werdenden Nuancen – ist die Zahl auf 900 Artikel gewachsen. Der Stellplatz in den Filialen hat natürliche Grenzen. Zudem ist Produktpflege ein aufwändiges Geschäft.
Von Beginn an galt bei den Albrechts das Gebot der Warengleichheit: In allen Filialen sollten die Kunden dieselben Produkte finden. Schnell ging es soweit, dass sie es sogar an derselben Stelle fanden.
Eine echte Revolution war die Einführung von Kühlware in den 70er-Jahren. Sowohl bei Aldi Nord als auch bei Aldi Süd gingen Grundsatz-Diskussionen voraus. Entgegen der Behauptungen gab es darüber aber keinen brüderlichen Zwist. Allerdings musste der vorpreschende Karl Überzeugungsarbeit leisten beim abwägenden Theo. Doch die Kühltruhe kam, erst im Kleinformat, dann immer mehr.
Seit Jahren macht andere Discounter wie Netto (vorher Plus) gute Geschäfte mit Markenartikeln. Aldi hat stets eine Aversion gegen sie gehabt. Auf der anderen Seite taten sich die Hersteller von Markenartikeln anfangs auch sehr schwer, bei einer Billigkette zu listen, als die Aldi galt.
Vereinfacht gesagt besteht Aldis größtes Problem darin, die erforderlichen Liefermengen von mehreren Anbietern zu beziehen. Bei vergleichenden Qualitätsstandards heißt es immer wieder: Bedarfsdeckung versus Preis. Gerade zu Ostern und Weihnachten ist es eine Sisyphusarbeit in Planung und Organisation, für ausreichend Waren zu sorgen und sie auf die Filialen zu verteilen.
Die Preisfindung in diesem „Wettkampf“ ist das eigentliche Erfolgsrezept Aldis. Als Marktführer, ausgestattet mit dem Hebel der Mengemacht, hat man hier natürlich Vorteile. Dabei bündeln Aldi Nord und Aldi Süd ihre Einkaufsstrategie in vielen Sortimenten. Auf der anderen Seite hat Aldi auch kein Interesse, die Lieferanten so sehr zu schröpfen, dass sie in den Ruin gehen.
Lieferanten unterliegen leicht der großen Verlockung, mit Aldi so zu verhandeln, dass die eigentlichen Kapazitätsgrenzen überschritten werden. Zwar kann man mit Aldi vermögend werden, aber das Risiko, sich zu sehr abhängig zu machen, ist groß. Denn Aldi streicht durchaus schnell einen Lieferanten. Fachleute raten dazu, maximal 50 Prozent seiner Produkte an Aldi zu verkaufen.
Die Wettbewerber sind dem Preisdiktat ausgesetzt. In den vergangenen Jahres war gut zu beobachten, was passiert, wenn Aldi die Preise für Alltagsprodukte wie Milch senkte: Die Konkurrenz zog innerhalb weniger Stunden nach. Preisvergleich und Preispolitik sind Tagesaufgaben.
Doch warum agieren die Discounter eigentlich so nah am „gerechten Preis“? Die Frage ist durchaus berechtigt, denn die Durchschnittskunde ist eigentlich sehr wenig mit den Preisen vertraut. Er stellt seinen Warenkorb den Bedürfnissen und Gepflogenheiten zusammen. Die meisten gehen nicht mit offenen Augen durch die Läden. Angebote werden auch bei Aldi sehr deutlich mit andersfarbigen Schildern gekennzeichnet, damit sie überhaupt auffallen. Umso wichtiger ist also, dauerhaft der Preisführer zu sein – und dieses Image zu pflegen.

In einer Stellungnahme dementierte die Unternehmensgruppe die systematische Überwachung der Mitarbeiter. In Ausnahmefällen könne eine Videoüberwachung eines verdächtigen Mitarbeiters aber vorkommen. Zu den heimlichen Aufnahmen der Kunden sagte Aldi Süd, dass dieses Verhalten der Mitarbeiter „von uns keinesfalls geduldet“ werde.

„Sollte ein missbräuchlicher Umgang den Vorgesetzten bekannt werden, wird ein solches Vorgehen umgehend untersucht, unterbunden und zieht entsprechende disziplinarische Konsequenzen nach sich“, zitierte das Nachrichten-Magazin aus der Aldi-Stellungnahme. Am Sonntag war Aldi Süd für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Der Konzern ging dem Bericht zufolge offenbar wieder dazu über, nicht nur die Filialen allgemein, sondern auch den Kassenbereich zu überwachen. Detektive würden „in Verdachtsfällen“ beauftragt, zusätzliche mobile Minikameraanlagen zu installieren. Zudem seien bei Aldi Süd mobile Miniaturkameras nicht nur in den Verkaufsräumen zum Einsatz gekommen, sondern auch dort, wo es keinerlei Kundenkontakt gibt. In seinen Zentrallagern habe Aldi seine Lagermitarbeiter und Speditionsbeschäftigte überwacht, berichtet das Magazin.

Der Datenschutzbeauftragte des Bundes, Peter Schaar, kritisierte die Überwachung: „Wenn etwa Diebstähle durch offene Maßnahmen verhindert oder aufgeklärt werden können, ist eine heimliche Überwachung jedenfalls unzulässig.“ Aldi Süd argumentiert, dass bei dem Videoüberwachungskonzept des Unternehmens eine Erfassung von Pin-Nummern „praktisch ausgeschlossen“ ist. Der „Spiegel“ betonte dagegen, die ihm vorliegenden Bilder zeigten eindeutig das EC-Karten-Terminal.

Im Jahr 2008 war der Discounter-Konkurrent Lidl wegen des Umgangs mit seinen rund 50.000 Mitarbeitern in Deutschland in die Kritik geraten. So wurden in mehreren hundert Supermärkten der Kette die Mitarbeiter von Detektiven überwacht.

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Nach einem Bericht der „Süddeutschen Zeitung“ (Montagausgabe) soll Aldi Süd im vergangenen Jahr zudem systematisch die Gründung eines Betriebsrats für mehrere Filialen im Rhein-Main-Gebiet untergraben haben. Nach Recherchen der Zeitung hätten drei Kassierer aus Frankfurt versucht, wie im Betriebsverfassungsgesetz vorgeschrieben, einen Wahlvorstand für eine Betriebsratswahl aufzustellen.

Mit zahlreichen Abmahnungen und mehreren arbeitsgerichtlichen Prozessen habe Aldi versucht, die Gründungsversuche zu ersticken. Als dies nicht geklappt habe, habe das Unternehmen die Wahl geduldet, allerdings seien in den Aldi-Betriebsrat nur Filialleiter gewählt worden.

afp, dapd
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