Anshu und Ajit: Die Jains regieren die Welt
Ajit Jain ist der Cousin von Anshu Jain.
Foto: ReutersWashington. Es ist rund zehn Jahre her, da hatte Anshu Jain eine schicksalhafte Begegnung in Omaha, Nebraska. Jain war zu Gast bei Berkshire Hathaway, jener legendären Investmentgesellschaft und ihrem noch legendäreren Chef, Warren Buffett. Jain und Buffett also aßen gemeinsam zu Mittag und redeten mehrere Stunden. Später war der alte Multimilliardär begeistert.
„Dieser Junge”, soll Buffett gesagt haben, „wird über kurz oder lang eine Investmentbank leiten”. Mit dem heutigen Freitag, wenn Anshu Jain gemeinsam mit Jürgen Fitschen seinen neuen Job als Chef der Deutschen Bank antritt, sollte das „Orakel von Omaha“ wieder einmal Recht behalten haben.
Erzählt hat die Geschichte Ajit Jain im vergangen Jahr im „Spiegel“. Er ist Anshus älterer Cousin, bei Berkshire Chef des Versicherungsgeschäfts – und er hatte das Treffen in Omaha persönlich eingefädelt. Anders als seinen jüngeren Vetter kennt Ajit Jain außerhalb der Branche allerdings kaum jemand.
Und doch könnte der untersetzte, als unscheinbar beschriebene 60-Jährige bald mächtiger sein als Anshu: Jain gilt bei Berkshire als aussichtsreicher Nachfolgekandidat des 81-jährigen, krebskranken Buffett.
Die beiden Jains verbindet neben ihrer Wurzeln in einer indischen Mittelschichtsfamilie ihre Religion, der Jainaismus. Für die Anhänger dieser mehr als zweitausend Jahre alten Glaubensgemeinschaft haben Bildung, Aufstieg, Askese und Selbstdisziplin einen hohen Stellenwert. Viele haben es deshalb zu Spitzenpositionen in der Wirtschaft gebracht.
Besonders erfolgreich war dabei Ajit Jain. Der gebürtige Inder studierte Ingenieurwesen und legte Ende der 70er Jahre noch einen MBA der US-Eliteuni Harvard drauf. Nach Stationen bei IBM in Indien und McKinsey in den USA heuerte er 1986 bei Buffett an – und übernahm schließlich dort die Verantwortung über die Versicherungsbeteiligungen.
Gestartet als ein unscheinbares Nebengeschäft, gehört die Sparte nach Vermögenswerten inzwischen zu den größten Assekuranzen der Welt. Jains Stil beschrieb das „Wall Street Journal“ einmal so: Er sei ein harter Verhandler, und wenn er ein gutes Geschäft wittere, verzichte er am liebsten auf die üblichen Scharen an Beratern und Anwälten.
„Jain ist ein Rockstar in der Versicherungsbranche“, schrieb das Blatt über den Manager, der sich selten in den Medien äußert. Chefs von Weltkonzernen stehen Schlange, um sich beim jährlichen Treffen der Rückversicherer in Monte Carlo mit Jain unterhalten zu können.
Mit seinem 30 Mitarbeiter kleinen Team hat Jain viele Milliarden aus den Versicherungsprämien seinem Chef Buffett für neue Investments herausgeholt. Nicht zuletzt durch spektakuläre Deals wie die millionenschwere Lebensversicherung für den Boxer Mike Tyson.
Kein Wunder, dass ihn Buffett so oft lobte wie kaum einen anderen seiner Manager. „Seine Operationen kombinieren Kapazität, Geschwindigkeit, Entschiedenheit und – am wichtigsten – Köpfchen in einer Weise, die einzigartig ist in der Versicherungswirtschaft“, schrieb Buffett im vergangenen Jahr in seinem Brief an die Aktionäre. An keine einzige Entscheidung Jains könne er sich erinnern, sagte Buffett auf der Hauptversammlung 2011, die er selbst nicht genauso getroffen hätte.
Der Alte hat sich mittlerweile für einen Nachfolger entschieden, allerdings ist der Name noch geheim. Beobachter schließen aber aus dem überschwänglichen Lob des Altmeisters, dass Jain die besten Chancen hat. Oder wie sagte Buffett einmal in Bezug auf seinen Co-Chef Charlie Munger über Jain: „Wenn Charlie, ich und Ajit jemals in einem Boot sitzen sollten, das sinkt, und Du nur einen von uns retten kannst – schwimm zu Ajit“.