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SitzherstellerRecaro richtet sich neu aus

Die Auto- und Flugzeugsitze von Recaro sind fast Kult; dennoch will der Konzern den Neuanfang wagen. Die Holding verlegt ihren Sitz nach Stuttgart, die Marke soll gestärkt werden. Es gibt viele Ideen für den Neuanfang. 29.04.2013 - 10:01 Uhr Artikel anhören

Der geschäftsführende Gesellschafter von Recaro, Martin Putsch (r), präsentiert gemeinsam mit den Recaro Geschäftsführern Hartmut Schrüg (M) und Bernd Gaiser einen Kindersitz.

Foto: dpa

Stuttgart. Ein wenig paradox ist es schon. Mehr als 100 Jahre stand Recaro für Auto- und Flugzeugsitze, jetzt kehrt die Firma an ihren Gründungsort Stuttgart zurück - um eine neue Strategie zu entwickeln. Erklärtes Ziel: Die Marke Recaro zu Geld zu machen. „Wir schlagen gerade ein neues Kapitel unserer Firmengeschichte auf“, sagt der geschäftsführende Gesellschafter Martin Putsch.

Anfang Mai verlagert die Recaro Holding ihren Sitz vom Produktionsstandort in Kaiserslautern zurück nach Stuttgart. Dorthin, wo alles begann. 1906 gründet der Sattlermeister Wilhelm Reutter dort die „Stuttgarter Carosserie- u. Radfabrik“, baute später mit an den Prototypen des Volkswagens. In den 60er Jahren verkauft Reutter sein Karosseriewerk in Zuffenhausen an Porsche und spezialisiert sich auf die Sitzproduktion. In den 70ern kommen die Flugzeugsessel hinzu, 20 Jahre später Auto-Kindersitze.

Nun soll das Geschäft neu erfunden werden - Recaro will sich als „Markenunternehmen“ positionieren, sagt Putsch. „Wir werden neue Geschäftsfelder entwickeln“, erklärt der für Finanzen und Entwicklung zuständige Geschäftsführer Bernd Gaiser das Vorhaben.

Was gute Autositze ausmacht

Nicht bloß Einstellungssache

Eine schlechte Idee ist erst einmal das nicht. Firmen mit einer starken Marke, so eine Studie der Unternehmensberatung McKinsey, haben die Chance, dank höherer Preise auch höhere Gewinnmargen zu erzielen. In den weltweiten Marken-Ranking großer Konzerne kommt das Unternehmen aber bislang nicht vor. Vor allem aber unter Autofans ist der Name ein Begriff. Gut 90 Prozent der Leser von „auto motor und sport“ erklärten jüngst Recaro zu ihrem Lieblingssitz.

„Eine solche Strategie muss nicht scheitern, ganz im Gegenteil“, sagt Jesko Perrey, Leiter der Marketing-Beratung von McKinsey. Im Geschäftskundenbereich hätten das erst wenige Unternehmen versucht. „Aber es gibt auch einige Beispiele, die ihre Marke wirksam eingesetzt haben“ Ein Beispiel ist der Baumaschinen-Hersteller Caterpillar, der inzwischen auch Schuhe verkauft. Ein anderes der Chipzulieferer Intel, der auch Endkunden seinen Namen einbrannte.

Die innovativsten Autostandorte
In der Studie „European Automotive Survey 2013“ haben die Wirtschaftsprüfer von Ernst&Young 300 europäische Unternehmen der Automotive-Branche befragt, wie sie die Innovationskraft der Automobilstandorte bewerten.
SpanienDie Spanier verlieren im Innovationsranking satte 12 Prozentpunkte. Drei Prozent halten das Land in punkto Innovationskraft für sehr wettbewerbsfähig, 14 Prozent für eher wettbewerbsfähig. Damit sind die Spanier Schlusslicht in Europa.
UngarnMit Daimler und Audi haben zwei deutsche Hersteller große Werke in Ungarn. In punkto Innovationskraft hat das osteuropäische Land enormen Nachholbedarf. Ein Prozent halten die Ungarn in diesem Feld für sehr wettbewerbsfähig, 17 Prozent für eher wettbewerbsfähig.
TürkeiGleichauf mit Ungarn sind die Türken in punkto Innovationskraft. Auch die Türkei ist für ein Prozent der befragten Unternehmen sehr wettbewerbsfähig, für 17 Prozent eher wettbewerbsfähig.
PolenDer Nachbar ist ein wichtiger Produktionsstandort für deutsche Autokonzerne, doch nicht sonderlich innovativ. Drei Prozent halten die Polen für sehr wettbewerbsfähig, 17 Prozent für wettbewerbsfähig. Das sind acht Prozentpunkte weniger als im Vorjahr.
SlowakeiDie Heimat von VW-Tochter Skoda schneidet im Innovationsranking ebenfalls eher schlecht ab. Zwei Prozent halten das Land für sehr wettbewerbsfähig, 23 Prozent für eher wettbewerbsfähig.
ItalienSatte neun Prozentpunkte haben die Italiener im Innovationsranking eingebüßt. Die Heimat von Fiat und Ferrari halten mittlerweile nur noch vier Prozent aller befragten Unternehmen für sehr wettbewerbsfähig,  24 halten Italien für eher wettbewerbsfähig.
EnglandDas Vereinigte Königreich war einst eine stolze Autonation. In punkto Innovation ist davon wenig geblieben. Erneut büßen die Briten 11 Prozentpunkte ein – und rutschen damit im Ranking ab. Sieben Prozent bewerten UK als sehr wettbewerbsfähig, 23 Prozent als eher wettbewerbsfähig.
TschechienUnter Osteuropas Ländern belegen die Tschechen einen Spitzenplatz, insgesamt reicht das aber nur fürs Mittelfeld. Vier Prozent halten Tschechien für sehr wettbewerbsfähig, 27 Prozent für eher wettbewerbsfähig.
RusslandDie große Wachstumshoffnung in Europa, doch in punkto Innovationskraft besteht Nachholbedarf. Sieben Prozent halten das Land für sehr wettbewerbsfähig, 24 für eher wettbewerbsfähig.
FrankreichDer große Verlierer im Innovationsranking. 21 Prozentpunkte büßt der Standort Frankreich ein. Nur noch sechs Prozent aller befragten Unternehmen halten das Land in punkto Innovationskraft für sehr wettbewerbsfähig, 28 für eher wettbewerbsfähig.
SchwedenDie Heimat von Volvo gehört zu den großen Gewinnern des Innovationsrankings. Neun Prozentpunkte haben die Skandinavier im vergangenen Jahr hinzugewonnen. 13 Prozent aller befragten Unternehmen halten Schweden für sehr wettbewerbsfähig, 30 Prozent für eher wettbewerbsfähig.
IndienAuf Indiens Automarkt regieren die Billigmodelle. Trotzdem wird das Land von den Automobilunternehmen als relativ innovativ angesehen. Zehn Prozent bewerten den Standort als sehr wettbewerbsfähig, 35 als eher wettbewerbsfähig.
BrasilienDen zweitgrößten Sprung im Ranking macht das südamerikanische Land (+13 Prozentpunkte). Zuletzt haben mehrere Autokonzerne in Brasilien investiert. Die Innovationskraft bewerten zehn Prozent als sehr wettbewerbsfähig, 39 als eher wettbewerbsfähig.
USAVolkswagen feiert in Amerika immer neue Wachstumsrekorde, auch in punkto Innovationskraft hat das Land zugelegt. 13 Prozent halten den Standort USA für sehr wettbewerbsfähig, 43 für eher wettbewerbsfähig.
ChinaObwohl der chinesische Automarkt sich zuletzt wieder abgekühlt hat, belegt das Land im Innovationsranking einen der Spitzenplätze. 18 Prozent halten China für sehr wettbewerbsfähig, 42 für eher wettbewerbsfähig.
SüdkoreaHyundai und Kia sorgen auf dem europäischen Automarkt für Wirbel. Das liegt vor allem an der Innovationskraft der südkoreanischen Konzerne. Der Standort gewinnt im Innovationsranking satte 21 Prozentpunkte – mehr als jedes andere Land. Für 20 Prozent aller befragte ist das Land sehr wettbewerbsfähig, für 41 Prozent eher wettbewerbsfähig.
JapanDie japanische Autoindustrie hat sich erholt und greift nun wieder nach der Weltspitze – auch in punkto Innovationskraft. 24 Prozent bewerten Japan als sehr wettbewerbsfähig, 41 als eher wettbewerbsfähig.
DeutschlandGeht es nach der Einschätzung der europäischen Automotive-Unternehmen ist kein Land in Europa innovativer als Deutschland. Satte 44 Prozent halten den Standort für sehr wettbewerbsfähig in punkto Innovationskraft, 37 bewerten die Deutschen als eher wettbewerbsfähig

„Wichtig ist ein klares Wertversprechen für einen relevanten Markt“, sagt Perrey. Im Falle von Recaro könnten das sportinteressierte Autofahrer sein. Schließlich schöpft die Firma immer noch aus seiner Bekanntheit bei Autoliebhabern.

„Wir haben unsere eigene Identität geschaffen“, sagt Hartmut Schürg, in der Geschäftsführung für Marke und Design zuständig. Attribute wie markant, erstklassig oder verlässlich schreibt er der Marke zu. Die Produktion für Luftfahrtindustrie sei eine gute Schule. „Reduktion auf das Wesentliche ist eine der wichtigsten Lektionen.“ 2012 wurde ein Flugzeugsitz mit einem Designpreis ausgezeichnet.

In welche Richtung es letztlich gehen soll, ist nicht entschieden. Mehr als hundert Ideen liegen auf dem Tisch, ausgegoren ist noch keine. In den nächsten Monaten sollen Marktstudien erstellt werden, Vertriebskanäle getestet und Business Cases errechnet „Entweder wir gründen ein neues Unternehmen, investieren in geeignete Firmen oder suchen Lizenzpartner“, sagt Gaiser. Damit hat Recaro bereits Erfahrung. Die Autositz-Produktion hat die Firma 2011 an den US-Zulieferer Johnson Controls verkauft und verdient nun nur noch an der Nutzung ihres Namens mit.

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Wie viel Geld dem Unternehmen in die Expansion stecken wird, sagt Gaiser nicht. Die Gruppe macht mehr als 350 Millionen Euro Umsatz im Jahr - vor allem mit den Flugzeugsitzen. Kunden sind die großen Airlines wie Lufthansa, Quantas, KLM oder Air China. Dass der Übertrag einer erfolgreichen Marke allein kein Erfolgsgarant ist, weiß man auch bei Recaro. Die Firma hat einige Jahre Relax-Sessel produziert. Jetzt wurde die Sparte eingestampft. Das Marktpotenzial sei am Ende zu klein gewesen, um profitabel wirtschaften zu können, erklärt Schürg.

Er ist überzeugt, dass Stuttgart der richtige Ort für den Neustart ist. Nicht nur die Nähe zur Flugzeugsitzproduktion in Schwäbisch Hall spiele eine Rolle. Er erhofft sich Impulse aus der Design- und Kulturszene. „Stuttgart ist für uns eine Design-Hochburg“, sagt Schürg. „Diesen Ruf hat die Stadt zwar in den letzten Jahren etwas verloren, aber die Kompetenz ist noch da.“

dpa
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