Zalando-Manager im Interview: „Wir sind nicht perfekt“
Mitarbeiter im Zalando-Logistikzentrum in Erfurt: 120.000 Quadratmeter für Schuhe und Mode.
Foto: dpaSeit 2012 sorgt das Online-Kaufhaus Zalando immer wieder für Schlagzeilen wegen niedriger Löhne und schlechter Arbeitsbedingungen in seinen Logistikzentren. Jetzt sprechen Personalchefin Frauke von Polier und Logistik-Chef David Schröder über die Vorwürfe.
Frau von Polier, Herr Schröder, eineinhalb Jahre nach den ersten Vorwürfen, Sie würden Ihre Mitarbeiter ausbeuten, wollen Sie erstmals ausführlich Stellung beziehen. Ist das nicht ein bisschen spät?
Schröder: Sich so lange bedeckt zu halten war eine natürliche Reaktion – wenn auch nicht die beste. Als die ersten kritischen Berichte kamen, sind wir nicht öffentlich in die Offensive gegangen. Das war falsch. Wir werden immer größer, es gibt ein berechtigtes Interesse an Zalando. Deshalb wollen wir offener werden; aber auch, weil wir nichts zu verstecken haben.
David Schröder ist Zalando-Logistikchef und Frauke von Polier Personalchefin des Online-Kaufhauses.
Foto: PRIm Juli 2012 hat das ZDF über miserable Arbeitsbedingungen in einem Logistikzentrum von Zalando und sieben Euro Stundenlohn für Leiharbeiter berichtet. Was hat sich seither getan?
Schröder: Wir setzen weniger auf Dienstleister, betreiben inzwischen die Standorte Brieselang, Erfurt und Mönchengladbach selbst. Fast 80 Prozent der Logistik liegen direkt bei uns. Aber es reicht nicht, nur Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen. Das haben wir lange geglaubt, und das war sicher naiv. Deswegen haben wir mit jedem Dienstleister vertraglich Sozialstandards vereinbart, deren Einhaltung die Dekra vierteljährlich unangekündigt überprüft.
von Polier: Außerdem gilt bei uns: gleicher Lohn für gleiche Arbeit. Bei Zalando wird kein Mitarbeiter – ob Festangestellter oder Zeitarbeiter – anders bezahlt.
Aber mit 8,79 Euro die Stunde bekommen die Mitarbeiter in den Versandlagern von Zalando deutlich weniger als die von Amazon.
von Polier: Damit liegen wir immer noch über dem im Koalitionsvertrag vereinbarten Mindestlohn von 8,50 Euro. Und: Wir haben die Löhne seit 2011 um 17 Prozent erhöht. Dass mehr Geld immer besser ist, ist uns natürlich auch klar.
Und die Dienstleister, zahlen die auch 8,79 Euro die Stunde?
Schröder: Es gibt schon noch Unterschiede zwischen dem Gehalt in den eigenen Zalando-Standorten und in denen der Dienstleister.
Also doch weniger?
Schröder: Ja, auch weniger. Wir können zwar Sozialstandards festlegen, aber den Dienstleistern nicht vorschreiben, was sie zahlen sollen. Dann müssten wir tatsächlich alles in Eigenregie machen.
Und das wollen Sie nicht?
von Polier: Nein. Es wird immer eine Zusammenarbeit mit Transportdienstleistern wie DHL geben. Wir sind weder in der Lage noch haben wir vor, einen deutschlandweiten Lieferdienst aufzubauen. Im Gegensatz zu den Logistikzentren.
Für deren Bau Zalando mehrere Millionen Euro an öffentlichen Fördergeldern bekommt.
Schröder: Wir wählen unsere Standorte nach Lage aus. Erfurt liegt in der Mitte Deutschlands, von da aus können wir jeden Kunden innerhalb von 24 Stunden beliefern. Sicher ist es hilfreich für den Start, wenn wir dort die Möglichkeit haben, Subventionen zu bekommen.
von Polier: Ja, wir kriegen Subventionen. Aber wir schaffen auch Jobs für Geringqualifizierte – und solche Stellen gibt es immer weniger in Deutschland. Wir merken das in Regionen wie dem Ruhrgebiet, in denen es einen Strukturwandel gibt. In Mönchengladbach bewerben sich viele Bergbaumitarbeiter.
Die Zalando Gründer David Schneider, Rubin Ritter und Robert Gentz (v.l.n.r.). Der 2008 gegründete Online-Shop beschäftigt in Berlin mehr als 1 000 Mitarbeiter und in den Logistikzentren in Erfurt, Brieselang und Mönchengladbach rund 3 300 Menschen. 2012 hat Zalando bei einem Umsatz von 1,15 Milliarden Euro einen Verlust von fast 80 Millionen Euro eingefahren.
Foto: Annette Hauschild
Zalando ist dank des Slogans „Schrei vor Glück“ zwar überall bekannt, aber dem Unternehmen fehlt Charakter, eine Seele. Warum lassen Sie es nicht menscheln?
von Polier: Das tun wir. Zalando ist ein Unternehmen, das sich was traut – mit viel Energie. Wir geben unseren Mitarbeitern, obwohl mit durchschnittlich 29 sehr jung, viel Verantwortung. Jeder – vom Praktikanten bis zum Geschäftsführer – kann seine Meinung sagen und wird auch gehört. Die besten Ideen zählen. Das ist unser Charakter.
Schröder: Wir wandeln uns gerade vom Start-up zum etablierten Unternehmen. Wir schaffen Ordnung und Strukturen, auch Hierarchie. Das ist unsere größte Herausforderung momentan, denn gleichzeitig wollen wir den Start-up-Geist, die Durchlässigkeit, behalten. Das ist wie mit dem Erwachsenwerden.
Sind Ihre Mitarbeiter ebenso glücklich wie die schreienden Kunden?
von Polier: Seit 2010 führen wir jedes Jahr eine anonyme Mitarbeiterbefragung durch. Die Ergebnisse für 2013 liegen seit ein paar Wochen vor. Sie sind gut, gerade im Logistikbereich. Mehr als 80 Prozent sagen, dass sie zufrieden bei uns sind und sich Zalando als langfristigen Arbeitgeber vorstellen können.
Wie viele haben teilgenommen?
von Polier: Dieses Jahr hatten wir eine Quote von 68 Prozent.
Sie sind längst nicht mehr nur für Supermärkte und Discounter, sondern auch für Fashion-Händler wie den Berliner Kult-Shop Zalando das Salz in der Suppe: Eigenmarken. Der Vorteil im extrem wettbewerbsintensiven E-Commerce: Mit den eigenen Labels, die bei Zalando als Eigenmarke gar nicht zu erkennen sind, ist die Marge viel höher als bei externen Markenprodukten. Auch die Abhängigkeit von Markenherstellern lässt sich reduzieren. Der Berliner haben mindestens zwölf Eigenmarken in ihrem Portfolio. Ein Überblick.
Foto: DAVIDS/DarmerZign
Unter dem Label Zign verkauft Zalando Schuhe und Accessoires; es ist das größte eigene Label im Unternehmen. Hergestellt beziehungsweise kreiert werden die Produkte – laut Zalando etwa 170 Styles pro Saison – von einem jungen Designer-Team unter dem Dach der Berliner zLabels GmbH, die zum Zalando-Imperium gehört.
(Quelle: Screenshot Zalando.de)
Foto: Handelsblattmint&berry
Mit dem Label mint&berry zielt Zalando auf „selbstbewusste junge Frauen, die wissen wo es lang geht.“ Praktisch: Der Chef von zLabels ist gleichzeitig auch einer der Zalando-Geschäftsführer: Robert Gentz.
(Quelle: Screenshot Zalando.de)
Foto: HandelsblattPier One
Auch das etablierte Schuh-Label Pier One wird unter eigener Flagge für Zalando kreiert. Im Handel sind Eigenmarken nicht neu und schon länger ein Kernelement vieler Geschäftsmodelle. Der insolvente Versandriese Neckermann hatte unzählige davon, der Quelle-Versand war bekannt für seine Labels Privileg und Universum und auch die Elektronik-Riesen Media Markt und Saturn, die zum Metro-Konzern gehören, produzieren Fernseher und Blueray-Player unter der Marke PEAQ in Eigenregie.
(Quelle: Screenshot Zalando.de)
Foto: HandelsblattStups
Der große Vorteil dieser Strategie ist, dass Zalando im Endeffekt an jedem eigenen Produkt, dass verkauft wird, mehr verdient, als wenn es ein Produkt der etablierten Markenanbieter ist.
Eine ausgedachte Beispielrechnung: Bei einem Marken-Snowboot, der 100 Euro kostet und für 50 Euro eingekauft wird, beträgt die Marge 50 Euro. Wenn ein Anbieter wie Zalando nun ein ähnliches Produkt als Eigenmarke für 90 Euro verkauft und die Erstellungs- und Produktionskosten nur bei 15 Euro liegen, ist die Marge wesentlich höher und beträgt satte 75 Euro.
Unter dem Label Stups kreiert Zalando Schuhe für Kinder und junge Teenager.
(Quelle: Screenshot Zalando.de)
Foto: HandelsblattMai Piu Senza
Ein weiterer Vorteil, der sich Zalando durch die Eigenmarken bietet: Im Online-Store werden z.B. Schuhe von Mai Piu Senza als „das könnte Ihnen auch gefallen“ angeboten, wenn Kunden zum Beispiel nach Schuhen von Hugo Boss suchen. Unter dem italienisch klingenden Label Mai Piu Senza präsentiert Zalando „aufregende Silhouetten, hohe Absätze und gewagte Plateaus“.
(Quelle: Screenshot Zalando.de)
Foto: HandelsblattTwintip
Besonders clever: Für ihre eigenen Labels können die Zalando-Maketer Anzeigen im hauseigenen Zalando-Fashion-Magazin schalten und sie in einem hochwertigen Umfeld direkt vor der Nase ihrer Zielgruppe platzieren.
Das Zalando-Label Twintip versammelt sportliche Bekleidung von Beachwear bis hin zu robusten Snowboardoutfits.
(Quelle: Screenshot Zalando.de)
Foto: HandelsblattYour Turn
Aber was taugen die Eigenmarken wie Your Turn & Co.? Ein Zalando-Sprecher weist darauf hin, dass die Qualität der Labels mit den etablierten Marken durchaus mithalten kann. „Uns geht es nicht darum, einfach die tausendste No-Name-Marke zu sein. Zalando will sich mit den eigenen Labels an alle Kunden richten, egal ob weiblich, männlich, sportlich oder klassisch“, so der Sprecher. Ein weiterer Vorteil liegt auf der Hand...
(Quelle: Screenshot Zalando.de)
Foto: HandelsblattEven&Odd
„Wir bekommen über die Eigenmarken auch viel mehr von den Präferenzen unserer Kunden mit und können dementsprechend unsere Kollektionen an die Wünsche unserer Kunden jede Saison anpassen“, erklärt der Sprecher. Die hauseigenen Labels, darunter auch Even&Odd, das „lässige Styles“ und „rockige Outfits“ bietet, „wachsen durch die Nachfrage und sollen andere Marken nicht künstlich verdrängen.“
(Quelle: Screenshot Zalando.de)
Foto: HandelsblattTaupage
Schuhe, Schuhe, Schuhe: Das Label Taupage steht laut der Beschreibung auf der Webseite von zLabels „für den natürlich französischen Lebensstil.“ Hat sich eine Eigenmarke etabliert, bekommt sie mit der Zeit sogar eine eigene Homepage und einen Facebook-Auftritt.
(Quelle: Screenshot Zalando.de)
Foto: HandelsblattAnna Field
Die feminine Eigenmarke Anna Field ist so ein Fall. Aber auch auf der Zalando-Seite wird ordentlich für das Label und um die Gunst der Kundschaft geworben: „Noch ganz jung ist dieses deutsche Trendlabel, das wirklich Potenzial hat, ganz hoch in den Modehimmel aufzusteigen“, heißt es dort. Dass es sich dabei um eine Eigenmarke handelt, erfahren die Online-Shopper jedoch nicht.
(Quelle: Screenshot)
Foto: HandelsblattMagnificint
Mit dem relativ neuen Übergrößen-Label magnificent richtet sich Zalando „an modebewusste Frauen, die zu ihren Rundungen stehen und wissen, dass Stil nicht in erster Linie mit der Silhouette zusammenhängt.“ Wie erfolgreich die Eigenmarken sind, verrät der Sprecher nicht. Nur so viel sei gesagt: „Der Anteil in wenigen Kategorien ist schon zweistellig.“
(Quelle: Screenshot magnificent)
Foto: Handelsblattfullstop
Der E-Commerce-Experte Alexander Graf schätzt, dass Zalando in jeder Kategorie inzwischen einen Anteil an Eigenmarken von mindestens 25 Prozent hat. Mindestens. Einige Experten, so schreibt Graf, gehen sogar von einem Eigenmarkenanteil (gemessen am Umsatz) von bis zu 55 Prozent aus. Sein Urteil: „Das widerspricht auf den ersten Blick erst einmal dem Image von Zalando (Marken, Marken, Marken), aber es spricht nur für eine kluge Markenpositionierung des Zalando Teams.“
(Quelle: Screenshot Zalando.de)
Foto: HandelsblattUnd trotzdem gibt es immer wieder Mitarbeiter in Logistikzentren, die von einem System der Kontrolle und des Drucks erzählen; von Sitzverboten und Kilometer-Märschen.
Schröder: Dafür gibt es zwei Erklärungen. Erstens: Wir sind nicht perfekt. Wir machen eine Entwicklung durch, verbessern uns. Wir sind auf dem richtigen Weg, aber nicht am Ziel. Zweitens: Bei einer so großen Belegschaft – in den Logistikzentren arbeiten gut 3 300 Menschen – gibt es immer den einen oder anderen, der sich schlecht behandelt fühlt. Das lässt sich nicht vermeiden.
von Polier: Der Job in den Logistikzentren ist anstrengend und für manche, die aus der Langzeitarbeitslosigkeit kommen, auch nur eine Durchgangsstation. Deswegen müssen wir daran arbeiten, die Belastung – lange Strecken, viel Stehen – so gut es geht abzufedern. So dass die Arbeit, die gemacht werden muss, gemacht wird, aber möglichst schonend für die Mitarbeiter.
Zalando hat in keinem der drei Logistikzentren in Deutschland einen Betriebsrat. Warum nicht?
von Polier: In der Kultur von Zalando ist die Mitbestimmung stark verankert. Wir haben Mitarbeiterforen und im Logistikbereich einen wöchentlichen Round Table. Dort holen wir Feedback ein und geben Themen wie Schichtmodelle rein. Wir sind für Mitbestimmung – aber eine organisierte Mitbestimmung muss von den Mitarbeitern kommen. Die Mitarbeiter müssen sagen: Wir wollen einen Betriebsrat.
Und das tun sie nicht?
von Polier: Bis jetzt nicht, nein.
Leidet das Geschäft bei Kritik?
von Polier: Was wir schon merken, ist, dass unsere Kunden in solchen Situation mit uns diskutieren wollen – über Facebook, E-Mails, Anrufe. Und sie sind nicht immer freundlich gestimmt. Das nehmen wir ernst. Aber das Vertrauen in Zalando als Marke und das dahinterstehende Team ist groß.
Gibt es nun Umsatzeinbußen?
Schröder: Wenn, dann haben wir sie nicht gespürt. Man muss fairerweise sagen, dass wir gleichzeitig stark wachsen. Von daher ist es relativ schwierig, das herauszufinden.
Der Börsengang, über den spekuliert wird, kommt 2014 trotzdem, oder? Immerhin haben Sie jüngst mit der Umwandlung in eine AG die theoretische Voraussetzung erfüllt.
Schröder: Der Gang an die Börse ist aktuell kein Thema. Er ist natürlich immer eine Option, deswegen schließen wir nichts aus. Aber wir konzentrieren unsere Kraft momentan auf drei Dinge: die Zufriedenheit von Kunden und Mitarbeitern sowie die Profitabilität.
Frauke von Polier (37) verantwortet seit knapp drei Jahren die Bereiche Personal und interne Kommunikation bei Zalando. Sie hat einen MBA in Madrid abgeschlossen und vorher bei Otto gearbeitet. David Schröder (31) ist seit gut drei Jahren Geschäftsführer der Logistik-, Customer-Service-, und Content-Gesellschaften. Er hat an der WHU Betriebswirtschaftslehre studiert.