Streit um Grippemittel Tamiflu: Arznei für den Abfluss
Das Grippemittel Tamiflu steht in der Kritik.
Foto: ReutersDüsseldorf. Tamiflu sollte die Welt vor Pandemien retten: 96 Länder deckten sich mit dem Medikament ein, um die Ausbreitung von Grippewellen einzudämmen. Bis heute ist das Mittel vielerorts einsatzbereit, auch in Deutschland. Doch die Welt retten, das kann Tamiflu offenbar gar nicht.
Zu dieser Erkenntnis kommen das Wissenschaftler-Netzwerk Cochrane in einer aktuellen Studie. Demnach ist der Wirkstoff Oseltamivir nicht annähernd so effektiv wie vom Pharmahersteller Roche versprochen. Ähnliches gilt auch für das Medikament Relenza, das Konkurrent GlaxoSmithKline (GSK) verkauft. Brisant: Für diese beiden Pharmamittel haben Regierungen auf der ganzen Welt Milliarden ausgegeben – und können nun kaum noch etwas damit anfangen. Für die Pharmakonzerne ist die Erkenntnis ein Desaster.
Die echte Grippe, nicht zu verwechseln mit dem grippalen Infekt, kann für ältere und kranke Menschen sowie Schwangere gefährlich werden. Weil sie das Abwehrsystem schwächt, wird der Körper für schwere Infektionen anfälliger. Jedes Jahr sterben allein in Deutschland Tausende Menschen an den Folgen.
Tamiflu versprach Abhilfe: Der Konzern Roche stellte den Regierungen in Aussicht, das Medikament könne unter anderem die Zahl der Krankenhausaufenthalte durch Grippeinfektionen sowie die Zahl ernsthafter Komplikationen verringern. Es soll ein Hauptgrund dafür gewesen sein, dass sich überhaupt so viele Länder für das Medikament Tamiflu entschieden haben.
Die Studie, publiziert im British Medical Journal (BMJ), zeigt nun, dass die bisherigen Annahmen zu Tamiflu den Fakten nicht standhalten. Demnach wurden der Nutzen über- und die Risiken unterbewertet. Zwar verringert das Medikament die Zeit, in der Symptome auftreten um knapp 17 Stunden. Die Autoren rund um den Wissenschaftler Tom Jefferson haben aber keine eindeutigen Belege dafür gefunden, dass das Arzneimittel die Risiken von Grippewellen verringern kann.
So könne nicht nachgewiesen werden, dass der Wirkstoff die Ausbreitung der Grippe stoppe, heißt es in der Studie. Auch Beweise dafür, dass Tamiflu Lungenentzündungen hemmt oder zu weniger Krankenhausaufenthalten führt, haben die Forscher nicht gefunden. Stattdessen habe das Medikament stärkere Nebenwirkungen als bisher angenommen: Die Risiken für psychische Störungen sowie Kopfschmerzen steigen nach Angaben der Autoren durch die Einnahme des Medikaments.
Aufsteiger 1: Valeant (Kanada)
Der kanadische Pharmariese wächst und wächst – hauptsächlich durch Zukäufe. Im Jahr 2013 kaufte Valeant den Kontaktlinsenhersteller Bausch & Lomb aus den USA für 8,7 Milliarden Dollar. Im Bereich Augengesundheit wollen die Kanadier ganz vorne mitmischen. Beim Umsatz hat es der Konzern zumindest schon einmal in die Top 30 der Welt geschafft. Die Pharma-Erlöse stiegen um 62,4 Prozent auf 5,8 Milliarden Dollar.
Quellen: Unternehmen, HB-Schätzungen
Foto: apAufsteiger 2: Biogen Idec (USA)
Erst Ende März 2013 wurde das Multiple-Sklerose-Mittel Tecfidera in den USA zugelassen. Doch die Tablette ist eine Goldgrube für das aufstrebende US-Biotech-Unternehmen Biogen Idec. Im Jahr 2013 steigerte es dank Tecfidera den Umsatz um gut ein Viertel auf 6,9 Milliarden Dollar.
Foto: apAufsteiger 3: Actavis (Irland/USA)
Das Unternehmen ist der weltweit zweitgrößte Hersteller von Nachahmerpräparaten. Doch allzu großes Wachstum verspricht dieses Geschäftsfeld nicht unbedingt, da der Preisverfall oft das Mengenwachstum aufzehrt. Actavis wächst daher vor allem mit Übernahmen: In den vergangenen drei Jahren steckte der Konzern mehr als 14 Milliarden Dollar in Zukäufe. Der Konkurrent Forest Laboratories soll nun für 25 Milliarden Dollar ebenfalls geschluckt werden. Im Jahr 2013 legte der Umsatz um 46,7 Prozent auf 8,7 Milliarden Dollar zu.
Foto: PRDeutsche Unternehmen: Merck
Der Darmstädter Pharma- und Chemiekonzern wächst im Jahr 2013 moderat. Der Umsatz legt um 2,6 Prozent auf umgerechnet 7,9 Milliarden Dollar zu (Schätzung). In der Rangliste der größten Pharmaunternehmen der Welt schafft es Merck damit auf Platz 23. Das könnte sich aber ändern, denn das Unternehmen plant einen Zukauf: Die Darmstädter bieten rund zwei Milliarden Dollar für die britische Spezialchemiefirma AZ Electronic Materials – eine ehemalige Hoechst-Tochter, die unter anderem Komponenten für Apples iPad liefert.
Foto: dpaDeutsche Unternehmen: Boehringer Ingelheim
Das Familienunternehmen ist der zweitgrößte deutsche Pharmakonzern. Im Jahr 2013 hielt Boehringer Ingelheim die Umsätze stabil und landet mit umgerechnet 14,7 Milliarden Dollar (Schätzung) auf Platz 17 der Rangliste. Aktuell ist Boehringer in den USA mit einer Klagewelle konfrontiert. Mehr als 2000 Kläger werfen dem Unternehmen vor, für schwere und zum Teil tödliche Blutungen nach einer Behandlung mit dem Gerinnungshemmer Pradaxa verantwortlich zu sein.
Foto: dpaDeutsche Unternehmen: Bayer
Bayers Pharma-Umsätze wachsen, die Leverkusener legen zum sieben Prozent zu und rücken in der Rangliste mit umgerechnet 14,9 Milliarden Dollar Umsatz auf Platz 16 vor. Gerade Bayers neue Medikamente wie das Schlaganfallmittel Xarelto laufen prächtig. Die Umsatzziele für die fünf stärksten Medikamente wurden erhöht.
Foto: ReutersPlatz 10: Teva (Israel)
Der weltgrößte Generika-Hersteller kommt aus Israel: Teva. Im Jahr 2013 stagnierte der Umsatz des Konzern allerdings bei gut 20 Milliarden Dollar. Große Hoffnungen ruhen auf dem neuen Chef Erez Vigodman. Teva ist auch in Deutschland aktiv – so gehört seit 2009 die Ulmer Ratiopharm zum Konzern.
Foto: Pressefoto Teva PharmaceuticalPlatz 9: Eli Lilly (USA)
Anfang 2014 machte der US-Konzern mit einer Übernahme von sich reden: Eli Lilly kaufte dem Geflügel-Produzenten Wiesenhof (PHW-Gruppe) die Tiermedizin-Tochter Lohmann Animal Health ab. Der Umsatz des Unternehmens wird dadurch weiter zulegen. 2013 wuchsen die Erlöse um knapp zwei Prozent auf 21 Milliarden Dollar.
Foto: PRPlatz 8: Astra Zeneca (Großbritannien)
Patenabläufe und eine Schwäche bei Innovationen machen dem Pharmariesen Astra Zeneca zu schaffen. Im Jahr 2013 schrumpfte der Umsatz um mehr als acht Prozent auf 25,7 Milliarden Dollar. Und der Gegenwind nimmt weiter zu: Im Mai 2014 läuft in den USA der Schutz für Nexium ab, ein Mittel gegen Sodbrennen.
Foto: apPlatz 7: Johnson & Johnson (USA)
Das US-Unternehmen Johnson & Johnson – im Bild die Zentrale in New Brunswick – ist einer der wenigen Großen, die in 2013 gewachsen sind. Die Erlöse stiegen um 10,9 Prozent auf 28,1 Milliarden Dollar. Die Pharmasparte sorgte für einen Gewinnschub beim Konsumgüterriesen. Auch dank eines deutschen Medikaments: Als US-Partner von Bayer beim Schlaganfall-Mittel Xarelto profitiert Johnson & Johnson von steigenden Umsätzen.
Foto: apPlatz 6: Glaxo-Smith-Kline (Großbritannien)
In Deutschland kämpfte der Pharmariese zuletzt mit Lieferengpässen bei wichtigen Impfstoffen für Kinder. Dabei haben die Briten erst ein enttäuschendes Jahr 2013 hinter sich. Der Umsatz ging um 1,3 Prozent auf 33,5 Milliarden Dollar zurück – Platz sechs im Ranking.
Foto: apPlatz 5: Sanofi (Frankreich)
Auch das Geschäft der Franzosen stagniert: Die Erlöse gingen 2013 um fast drei Prozent auf 37,1 Milliarden Dollar zurück. Zum Jahresende lief aber es besser beim Pharmakonzern. Dabei machte sich ein Zukauf im Biotech-Sektor bezahlt: Die Medikamente der 2012 übernommenen US-Firma Genzyme sorgten für viele Verkäufe.
Foto: dpaPlatz 4: Merck (USA)
Das US-Pharmaunternehmen musste 2013 großer Umsatzverluste hinnehmen. Mit einem Minus von knapp acht Prozent büßte Merck Rang drei in der Rangliste ein. Günstige Nachahmer-Präparate setzen dem Konzern zu. Merck benötigt dringend einen neuen Verkaufsschlager.
Foto: apPlatz 3: Roche (Schweiz)
Mit einem Umsatzzuwachs von knapp vier Prozent auf 39 Milliarden Dollar erobern die Schweizer den dritten Platz der Rangliste. Beim Gewinn ist das Unternehmen sogar führend in der Pharmawelt. In 2013 erwirtschaftete Roche ein Betriebsergebnis von 17,6 Milliarden Dollar (inklusive pharmafremder Erträge). Der Konzern profitiert vor allem von der wachsenden Nachfrage nach Krebsmedikamenten. Blockbuster sind Mab-Thera gegen Blutkrebs, Herceptin gegen Brustkrebs oder das breit eingesetzte Avastin.
Foto: AFPPlatz 2: Novartis (Schweiz)
Auch den Silberrang belegt ein Schweizer Unternehmen: Der Umsatz des Pharmakonzerns Novartis wuchs in 2013 leicht um 1,6 Prozent auf 47,5 Milliarden Dollar. Allerdings leidet das Unternehmen ebenfalls unter günstigen Nachahmerpräparaten. In 2014 rechnet Novartis mit Umsatzeinbußen beim Blutdrucksenker Diovan – die Erlöse des Konzerns sollen dennoch steigen.
Foto: dapdPlatz 1: Pfizer (USA)
Trotz des Ablaufs des Viagra-Patents und eines Umsatzverlustes von 15 Milliarden Dollar in nur drei Jahren bleibt Pfizer an der Spitze. Mit 47,9 Milliarden Dollar Umsatz (minus 6,5 Prozent) verteidigt der Pharma-Champion aus den USA knapp Platz eins der Rangliste. Die Erlöse soll in Zukunft vor allem das neue Brustkrebs-Medikament Palbociclib ankurbeln.
Foto: apDie bisherige Pandemieplanung sämtlicher Regierungen dürfte durch diese Erkenntnisse hinfällig sein. Und das ist nicht nur aus gesundheitspolitischer Sicht ärgerlich, sondern auch aus finanzieller. Allein die Bundesregierung hat knapp 70 Millionen Euro für Tamiflu ausgegeben, wie aus einer Antwort einer Kleinen Anfrage der Linken von 2013 hervorgeht.
Großbritannien zahlte mehr als 600 Millionen Euro für seine Reserve aus Tamiflu und Relenza, die Vereinigten Staaten sollen sogar 1,3 Milliarden Dollar (etwa 940 Millionen Euro) investiert haben. Geld, das nun verloren ist. Oder, wie Studienautor Carl Heneghan es bezeichnet: Investitionen, die „einen Abfluss heruntergespült“ worden seien.
Die Profiteure auf dem Papier: die Pharmakonzerne. Allein Roche hat nach eigenen Angaben rund 13 Milliarden Schweizer Franken (etwa 10,68 Milliarden Euro) Umsatz mit dem Medikament gemacht, seitdem der Wirkstoff 1999 auf den Markt kam. 2009, auf der Spitze des Tamiflu-Hypes, soll der Anteil der Medikamenten-Verkäufe am Gesamtumsatz von Roche bei acht Prozent gelegen haben. Vergangenes Jahr war es nur noch ein Prozent, wie der Konzern gegenüber Handelsblatt Online schreibt.
Auch das Medikament Relenza hat seinem Hersteller ordentliche Erträge beschert. GSK soll rund 2,3 Milliarden Dollar (etwa 1,7 Milliarden Euro) durch den Wirkstoff Zanamivir eingenommen haben. Im Vergleich zu Roche ist der Betrag gering. Das liegt auch daran, dass der Pharmakonzern GSK sein Produkt nicht ganz so überzeugend beworben hat wie die Konkurrenz. Trotzdem ist es für den Konzern eine ordentliche Einnahmequelle gewesen.
Haben die Pharmakonzerne Rendite vor Nutzen gestellt? Die Unternehmen selbst bestreiten das. „Roche widerspricht klar den Schlussfolgerungen der Cochrane-Gruppe“, erklärt der Konzern. Das Pharmaunternehmen stehe hinter seinem Medikament. Die Daten aus den klinischen Studien, die die Forscher untersucht haben, würden die Wirkung von Tamiflu belegen. Der Konzern wirft den Studienmachern vor, nicht die „Gesamtheit“ der Daten berücksichtigt zu haben.
Falsch ist das nicht: Von den 77 vorliegenden klinischen Studien haben die Cochrane-Wissenschaftler nur 20 analysiert. Doch über die Herangehensweise streiten sich die beiden Seiten. Daniel Thurley, Medical Director bei Roche in Großbritannien, schrieb in einer Stellungnahme, die Methodologie sei oft „unklar“ und „nicht geeignet“. Im Gegenzug kritisieren die Autoren der Untersuchung, dass keiner der Versuche unabhängig von den Pharmakonzernen erstellt wurde.
Doch die Kritik der Wissenschaft beschränkt sich nicht nur auf die Konzerne, sondern auf das System der Medikamentenzulassungen. Das British Medical Journal sieht den Fehler auch in der bisherigen Handhabe von Studien zu Medikamenten. Im Fall von Tamiflu gab es bereits 2009 erste Zweifel an der Wirksamkeit des Arzneimittels. Doch die Öffentlichkeit kannte nur einen kleinen Teil der Daten. Den Rest hielt der Pharmakonzern unter Verschluss. Ganz legal.
Die Cochrane-Gruppe begann bereits damals, die komplette Einsicht zu fordern. Doch die Pharmakonzerne weigerten sich. Erst viereinhalb Jahre später erhielten die Forscher Einsicht – nach langem Kampf, aber am Ende ohne Einschränkungen.
Die Wissenschaftler fordern deshalb generell mehr Transparenz bei klinischen Studien – auch im Sinne der Politik. Die Europäische Union hat bereits reagiert und in der vergangenen Woche neue Regularien beschlossen. Künftig müssen alle klinischen Studien registriert und alle Ergebnisse veröffentlicht werden.
Für viele Länder kommt diese Erkenntnis zu spät. Sie sitzen nun auf einem Arzneivorräten, die in dieser Menge wohl nie zum Einsatz kommen werden. Es hilft wenig, dass ausgerechnet der Wirkstoff von Tamiflu nicht nur fünf Jahre – wie bislang angenommen – sondern sogar sieben Jahre haltbar ist.