Auktionsvorbericht: Rarissima und eine kleine Sensation
München. Mehr als die Hälfte der Arbeiten stammt aus einer Privatsammlung, die unter dem Titel „Impressions of Genius“ gesondert zum Aufruf kommt. Hervorgehoben werden im Katalog die besondere Signifikanz, Seltenheit und Druckqualität der bestens dokumentierten und erhaltenen Lose, die im Wesentlichen die thematischen Schwerpunkte in Rembrandts druckgrafischem Schaffen abbilden: das Selbstporträt, Szenen aus dem Alten und dem Neuen Testament, Heiligen- und Genredarstellungen sowie Landschaften.
Mit der Datierung 1631 fällt das „Selbstporträt mit buschigem Haar“ möglicherweise bereits in die Amsterdamer Schaffenszeit des Künstlers, der im gleichen Jahr die gemeinsame Werkstatt mit Jan Lievens in Leiden aufgab und in die Hauptstadt übersiedelte. Dort kaufte er sich bei dem Kunsthändler Hendrick van Uylenburgh ein, der ihm auch Atelier und Unterkunft zur Verfügung stellte. Es ist eines der frühen Beispiele seiner lebenslangen Selbstbeobachtung. Freude bereitete ihm der Blick in den Spiegel an diesem Punkt seines Lebens aber offenbar nicht, denn er fixierte sein Konterfei unter skeptisch zusammengezogenen Augenbrauen. Nur sieben Blätter sind in den letzten dreißig Jahren auf internationalen Auktionen aufgetaucht. Das Haus rechnet mit 40.000 Euro.
Deutlich freundlicher gestimmt ist das „Selbstporträt mit Saskia“ von 1636, das seine veränderten Lebensumstände spiegelt. Der Umzug nach Amsterdam hatte den erhofften Erfolg gebracht, zudem war die abgebildete Tochter eines vermögenden Patriziers mittlerweile seine Ehefrau – was nicht nur als Indiz für privates Glück, sondern auch für seinen sozialen Aufstieg zu werten ist. Das rare Doppelbildnis ist darum auch das selbstbewusste Statement eines Arrivierten, der seinen federgeschmückten Hut auch in häuslicher Umgebung nicht absetzen mochte. Angeboten wird ein seltener Lebzeit-Abzug des ersten Zustands, der mit 50.000 Euro veranschlagt ist. Wer nicht so viel investieren möchte, kann auf zwei Exemplare aus dem dritten Zustand mit Taxen zu 4000 beziehungsweise 7000 Euro ausweichen, die allerdings nicht aus der Sammlung stammen.
Im Radierwerk gibt es nur eine Darstellung des Sündenfalls
Das Hochformat „Adam und Eva“ ist die einzige Darstellung des Sündenfalls in Rembrandts Radierwerk. Ihre Geschichte ist aus der Genesis bekannt: Gezeigt sind in ungeschöntem Naturalismus die beiden ersten Menschen neben dem Baum der Erkenntnis; um dessen Stamm windet sich wie gewohnt ihre große Verderberin, die hier allerdings in Gestalt eines furchterregenden Drachens vorgestellt ist. Das Blatt stammt aus der ersten Auflage des zweiten Zustands, was Erik Hinterding im Werkverzeichnis der Radierungen innerhalb der New-Hollstein-Reihe anhand des Wasserzeichens nachwies. Die noch unverminderte Druckqualität legt nahe, dass es sich um einen der ersten Abzüge handelt; der frühe Verlust der Platte erklärt seine Seltenheit, die mit vorgeschlagenen 80.000 Euro ihren Preis hat.
Die Passion Christi beschäftigte Rembrandt wiederholt. Die vielfigurige Szene „Christus vor Pilatus“ von 1635 gehört thematisch allerdings nicht in die Reihe von Reproduktionen, die er seit 1632 nach den fünf Gemäldefassungen im Auftrag des niederländischen Statthalters Prinz Friedrich von Oranien anfertigte. Der Lebzeit-Druck zeigt den zweiten Zustand, für den eine kleine kompositionelle Änderung vorgenommen wurde. Die Schätzung beläuft sich auf 40.000 Euro.
Der Entwurf für das berühmte „Hundertguldenblatt“ mit der Darstellung „Christus heilt die Kranken“ stammt aus dem Jahr 1648. Seinen populären Namen verdankt es einer Erzählung, wonach Rembrandt es gegen eine Mappe von Radierungen von Marcantonio Raimondi im Wert von 100 Gulden eingetauscht haben soll. Vom Originalzustand existieren vermutlich nur noch neun Exemplare; der hier vorliegende zweite Zustand mit den intensivierten Schatteneffekten auf der rechten Bildhälfte wurde zwischen 1650 und 1655 gedruckt. Die Platte ging nach Rembrandts Tod an den Verleger Clement de Jonge und gelangte 1760 schließlich nach England, wo ein „Kenner“ sie zerschnitt. Die Taxe liegt bei 80.000 Euro.
Zu den Highlights der Auktion gehört die 1646 datierte Radierung „Das französische Bett“. Unverblümt erotische Darstellungen sind von Rembrandt auch im Kontext alttestamentlicher oder mythologischer Bildthemen durchaus geläufig, doch für die ungeschminkte Drastik, mit der die hier gezeigte Beischlafszene im Himmelbett inszeniert ist, gibt es in seinem Werk kaum Beispiele. Für eine breite Streuung war dieses Motiv nicht intendiert; die wenigen bekannten Exemplare befinden sich sämtlich in Museumsbesitz. Es ist mithin eine kleine Sensation, dass nun eines davon auf eine Versteigerung gelangt. Die Münchener stellen dafür 120.000 Euro in den Raum.
Unter den vertretenen Landschaften ragt ein Beispiel heraus: Die um 1641 datierte „Landschaft mit Bauernhaus und großem Baum“ gehört zu den frühesten Landschaftsmotiven im grafischen Werk. Vermutlich handelt es sich um ein Capriccio, das aus verschiedenen Versatzstücken komponiert ist. Die Inspiration lieferte die ländliche Umgebung Amsterdams, dessen Häuser auf der linken Bildhälfte am Horizont zu sehen sind. Die Taxe beläuft sich auf 60.000 Euro.
Doch auch außerhalb der Sammlung werden hochwertige Blätter angeboten: Zu nennen sind hier etwa die Passionsszene „Der gekreuzigte Christus zwischen den zwei Dieben (Die drei Kreuze)“, deren Schätzwert bei 100.000 Euro liegt, oder auch die mit jeweils 30.000 Euro geschätzten Blätter „Auferweckung des Lazarus“, „Studienblatt mit einer kranken Frau im Bett“ und „Die Kreuzabnahme“.
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