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Christie’s Europa-Chef Dirk Boll„Bikinis von Liz Taylor bieten wir online an“

Christie’s Europa-Präsident spricht über das teuerste Gemälde aller Zeiten, raffinierte Verträge und die kommende Rockefeller-Auktion in New York mit Werken von Picasso, Matisse und Seurat.Susanne Schreiber, Peter Brors 08.02.2018 - 18:43 Uhr Artikel anhören

„Christie‘s Website muss einzigartig sein. Darum versteigern wir dort Nachlässe von Stars.“

Foto: Bert Bostelmann für Handelsblatt

Frankfurt. Zum Interview mit dem Handelsblatt kommt Dirk Boll in die Räumlichkeiten der Galerie Knaus Fine Art nahe des Frankfurter Hauptbahnhofs. Hier sollen vor drei Dutzend geladenen Stammgästen am Abend zwei Vorstellungen zelebriert werden: die der neuen Repräsentantin von Christie’s in Hessen, Natalie Radziwill, sowie ausgewählter Werke aus den kommenden Frühjahrsauktionen in London und Amsterdam mit Werken von Polke, Uecker und Schlemmer. Dem feierlichen Anlass entsprechend erscheint Boll im dunkelblauen Zweireiher mit blauem Einstecktuch. Zum blütenweißen Hemd trägt er eine rot-grün karierte Krawatte und rote Manschettenknöpfe im Art-Déco-Stil.

Herr Boll, Ende 2017 hat ein stark beschädigtes Motiv von Leonardo da Vicini in einer Christie’s-Auktion 450 Millionen Dollar eingebracht. Ist der Kunstmarkt außer Rand und Band?
Dieser eine Zuschlag beschreibt nicht die Lage auf dem Kunstmarkt. Der Verkauf stellt in jeder Hinsicht eine große Ausnahme dar. Obgleich das Motiv religiös ist und das Bild stark restauriert wurde, ist der „Salvator Mundi“ eine Rarität. Die hat sich in einem Nachfrageüberhang entladen.

Das Geld scheint für Kunst generell locker zu sitzen. 2017 erreichte Christie’s weltweit einen Umsatz von 6,6 Milliarden Dollar, mithin ein Plus von 21 Prozent.
Es war in der Tat ein starkes Jahr, weil die weltweite Suche nach außergewöhnlichen Meisterwerken angezogen hat. Hohe Preise reflektieren immer die Einzigartigkeit der Objekte. Denken Sie nur an den Mazarin-Diamanten, Brancusis Bronzeskulptur oder Picassos Gemälde „Jeune Fille Endormie“, die alle 2017 auf den Markt gelangten.

Dirk Boll – zur Person
Seit 2017 ist der 47-jährige Deutsche einer von drei Präsidenten, die das Auktionshaus Christie’s zusammen mit CEO Guillaume Cerutti leiten. Der Jurist, der auch Kunstmanagement studierte und dieses Fach in Hamburg lehrt, verantwortet Christie’s Aktivitäten in Europa, dem Nahen Osten, Russland und Indien.
1998 kam Dirk Boll zu Christie’s nach London, übernahm das Büro in Stuttgart, wechselte 2004 nach Zürich. 2011 wurde der gebürtige Kasselaner zum Managing Director von Kontinentaleuropa berufen.

An welcher Stelle in der Christie’s-Bilanz hat das teuerste Gemälde aller Zeiten, der „Salvator Mundi“, seine Spuren hinterlassen?
So ein Ausnahmezuschlag beeinflusst die Bilanz selbstverständlich beim Umsatz und damit indirekt auch beim Ergebnis. Aber die Auktion hat natürlich auch hohe Kosten für Marketing, Logistik und Sicherheit hervorgerufen. Am Ende ist der Leonardo in unserer Bilanzposition „Alte Meister und Russische Kunst“ enthalten, die mit einem Wachstum von 127 Prozent auf insgesamt 709 Millionen Dollar zu Buche schlägt.

Leonardos Gemälde wurde mit einer sogenannten Garantie verkauft. Wie funktioniert dieser Mechanismus des „unwiderruflichen Gebots“?
Ein solch herausragendes Kunstwerk hat wenige Vergleichspunkte, um seinen Preis zu verorten, das ist ein Aspekt von Rarität und Marktfrische. Geben Sie es in die öffentliche Auktion, könnte es vor aller Augen unverkauft bleiben. Wer diesen nachhaltigen Schaden vermeiden will, wählt die Garantie. Sie ist ein Zwitter zwischen einem privaten Verkauf und einem klassischen Auktionsverkauf …

… also eine Art Hybrid, der die Bedürfnisse aller drei am Geschäft beteiligten Parteien absichert.
Wenn Sie so wollen. Der Verkäufer und das Auktionshaus als Vermittler, die prozentual an der Provision verdienen, bekommen die Sicherheit eines garantierten Mindestpreises. Der Garantor oder Garantiegeber, der diesen vorab ausgehandelten Mindestpreis bereit ist zu zahlen, mag mit dem Risiko umgehen, weil er womöglich Sammler ist und bereit wäre, das betreffende Werk für die Garantiesumme zu kaufen. Ist der Garantor selbst ein Händler, hat er nach oben hin meist ein Limit. Steigt der Preis darüber hinaus in die Höhe, wird das Risiko des Garantors zusätzlich entlohnt.

Die Rockefellers speisten von Tellern, die einst für den sächsischen Oberküchenmeister von Brandenstein gefertigt wurden.

Foto: CHRISTIE'S IMAGES LTD. 2018

Die sogenannte Upside bezeichnet die Differenz zwischen der Garantiesumme und dem erzielten, darüberliegenden Hammerpreis. Wer erhält davon wie viel?
Steigt das siegreiche Gebot über die Mindestzusicherung hinaus, dann geht diese sogenannte Upside an die drei Vertragsparteien. Den größten Anteil, je nach Vertrag etwa 80 Prozent, erhält der Verkäufer. 20 Prozent werden vom Verkäufer als Gebühr für diese Konstruktion an das Auktionshaus bezahlt. Aus diesem Betrag entlohnt das Auktionshaus die dritte Partei, den Garantor.

Steigt ein Garantor auch selbst manchmal in das Bietergefecht ein, wenn der Garantiepreis im Laufe der Auktion überschritten wird?
Gelegentlich, aber das ist die große Ausnahme. Denn die Privilegien, die er als Garantor zuvor hatte, die verliert er in dem Moment, wenn er sich über der Garantiesumme am Bieten beteiligt. In diesem Fall gilt ein anderes Regelwerk, da muss er dann selbst ein Aufgeld bezahlen.

Würden Sie zustimmen, wenn wir sagen, dass diese Garantien das freie Spiel der Marktkräfte aushebeln? Der Verkaufserfolg ist durch die Garantie ja bereits sichergestellt.
Warum haben Sie Vorbehalte gegen etwas, das ähnlich funktioniert wie ein Termingeschäft?

Vielleicht rührt unsere Distanz daher, dass es ursprünglich die Auktionshäuser selbst waren, die die Garantien gegeben haben.
Das war früher tatsächlich so. Das ist heute aber nur noch eine ganz große Ausnahme. Normalerweise spricht heute eine externe dritte Partei ein unwiderrufliches Gebot aus und legt damit den Mindestpreis als garantierter Käufer fest. Das wird im Katalog sogar durch ein Symbol sichtbar.

Christie‘s entfachte den Hype um den Alten Meister durch ein Video, in dem Filmstar Leonardo di Caprio einen Auftritt hatte.

Foto: AP

Loic Gouzer, Christie’s Spezialist für kuratierte Auktionen in New York, hat Leonardos „Erlöser“ in einer Auktion mit zeitgenössischer Kunst platziert. Warum? Vielleicht weil die Sammler da weniger kritisch sind als bei den Altmeister-Auktionen?
Das hat damit nichts zu tun. Zeitgenössische Auktionen sprechen einfach ein größeres Publikum an. Und wir wollten möglichst viele potenzielle Kunden auf das Bild aufmerksam machen.

Das haben Sie auch getan, indem Christie’s über Instagram, Facebook und mit eigens produzierten Videos, in denen etwa Filmstar Leonardo di Caprio mitwirkte, die Errungenschaften der Digitalisierung nutzte und so schon vor der Auktion eine Art Hype um das Bild auslöste.
Der Prozess der Digitalisierung war nicht einfach für die Kunstmärkte. Alle, die in den 1990er-Jahren ein Geschäftsmodell suchten, das unseren Markt verändern würde wie Amazon den Buchhandel, sind gescheitert. Der Markt war damals noch nicht reif.

Man könnte doch wohl auch sagen, dass Christie’s es nicht so angehen wollte wie das Online-Auktionshaus Ebay.
Genau. Denn bei Ebay sagt der Verkäufer selbst, dass ein Werk authentisch und deshalb vielleicht 100 Dollar wert ist. Wir hingegen schalten unsere Expertenabteilung als neutralisierenden Puffer für die Preisfindung mit Expertise dazwischen. Deshalb haben wir spät, aber nicht zu spät mit den Online-only-Auktionen begonnen. Dabei garantiert Christie’s die Echtheit, ohne dass der Netzkäufer das Werk zuvor bei einer Vorbesichtigung in Augenschein nehmen müsste.

Zum Netz gehört der günstigere Einkauf. Wie funktioniert das Geschäft bei Christie’s?
Unsere Webseite muss interessant und einzigartig sein, um relevante Gebühren erheben zu können. Die Online-only-Auktionen wenden sich deshalb populären Stars und Nachlässen zu. Liz Taylors Juwelen wurden zwar in Genf versteigert, aber ihre Nachthemden, Beistellmöbel oder Bikinis bieten wir online an. So haben wir auch 35.000 Warhol-Werke an Einsteiger versteigert.

Das Mädchenbildnis aus der blauen Periode hing bei David Rockefeller in der roten Bibliothek.

Foto: Pablo Picasso/CHRISTIE'S IMAGES LTD. 2018/VG Bild-Kunst Bonn 20

2017 sind die Onlineverkäufe um acht Prozent auf 73 Millionen Dollar gestiegen. Gemessen an der Gesamtbilanz, ist das aber noch kein wirklich relevanter Wert für Sie – oder?
Das stimmt. Dafür sind die Onlinezuschläge mit einem durchschnittlichen Verkaufspreis von 7.300 Dollar zu niedrig. Doch die Abverkaufsraten mit 82 Prozent brauchen den Vergleich mit den Saalauktionen nicht zu scheuen. Und: Wenn erst einmal die Digital Natives die Kerngruppe der Bieter ausmachen werden, wird sich das grundlegend ändern.

Christie’s Eigentümer ist die französische Familie Pinault, die ansonsten sehr erfolgreich in der Luxusindustrie tätig ist. Wie profitieren Sie von den Erfahrungen aus diesem Segment?
Wir haben extrem viel gelernt, wie man das Angebot inszeniert und präsentiert, medial und bei den Vorbesichtigungen, um so Begehrlichkeiten zu wecken. Und im Digitalen profitieren wir vom technologischen Wissen aus François Pinaults Holding.

Mit Blick auf 2018: Was planen Sie in Deutschland?
In meinem Verantwortungsgebiet – Europa, Naher Osten, Russland und Indien – haben wir in Deutschland ja keine traditionelle Auktionsplattform. Und doch wird der deutsche Markt immer wichtiger. Und dem wollen wir Rechnung tragen. Deshalb veranstalten wir zum Gallery Weekend im Frühjahr erstmals eine öffentliche Christie’s Week in Berlin. Kern ist eine von Tim Schmelcher kuratierte Ausstellung mit Leihgaben aus Privatsammlungen und mit Werken, die später in den Sommerauktionen angeboten und entsprechend in Berlin vorbesichtigt werden können.

Geht das im vielfältigen Angebot des Gallery Weekends nicht unter?
Wir wollen den Galerien für zeitgenössische Kunst keine Konkurrenz machen. Wir zeigen Kunst aus 2000 Jahren in verschiedensten Gattungen, die für das Sammeln in Deutschland relevant waren. Sammler von Altmeistern oder Skulpturen kommen gewöhnlich nicht zum Gallery Weekend. Das wollen wir ändern, indem wir sie einladen. Der betreffende Experte führt seine Sammler dann durch die Berliner Museen und Privatsammlungen. Das Gallery Weekend ist so ein weiterer Grund für sie, zu uns zu kommen.

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Von Berlin nach New York: Sie haben dort die weltweit größte Benefizauktion aller Zeiten angekündigt.
Letztes Jahr starb David Rockefeller mit 102 Jahren, der Enkel des legendären Unternehmers John D. Rockefeller. Per Testament hat er verfügt, dass die Privatsammlung, die seine Frau Peggy und er aufgebaut haben, versteigert wird. Begünstigt werden sollen Institutionen, denen beide schon zu Lebzeiten eng verbunden waren, etwa das Museum of Modern Art, die Harvard University, der Counsil of Foreign Relations.

Was birgt der Rockefeller-Nachlass für Schätze?
Es sind einfach großartige Gemälde dabei wie etwa das schmale Mädchenbild von Picasso aus der blauen Periode, dazu eine Odaliske von Henri Matisse, impressionistische Landschaften von Seurat und Signac. Die Rockefellers hatten allein 150 verschiedene Speiseservice. Von jedem Service, etwa aus Meissen, stellen wir in London einen Teller aus. In einer Auktionsserie über mehrere Tage werden wir im Mai in New York rund 1 600 Objekte versteigern – natürlich im legendären Rockefeller Center.

Herr Boll, wir bedanken uns für das Gespräch.

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