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ElbphilharmonieHamburg braucht nun ein Super-Festival

Ein teurer Musikpalast allein reicht nicht. Die Hansestadt sollte den Schwung durch die neue Elbphilharmonie nutzen, um ihre Vorzüge auszuspielen: mit einem Hamburg-Festival nach dem Muster der Berlinale. Ein Kommentar.Christoph Kapalschinski 11.01.2017 - 14:40 Uhr Artikel anhören

Visualisierung: Ein Querschnitt durch die Elbphilharmonie in Hamburg.

Foto: dpa

Hamburg. Das Versprechen der Olympia-Gegner in Hamburg war luftig. „Etwas Besseres als Olympia“ wollten sie mit dem Geld anfangen, lautete der Slogan. Vor gut einem Jahr setzten sie sich gegen das politische Establishment durch.

Die Bürger erteilten der geplanten Bewerbung um die Spiele 2024 in einer Abstimmung eine Absage. Eine bessere Verwendung für die 200 Millionen Euro jährlich, die Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) für das Projekt reservieren wollte, ist bislang jedoch noch nicht aufgetaucht.

Doch die Eröffnung der Elbphilharmonie bietet die Chance auf zumindest einen Teil der internationalen Aufmerksamkeit für Standort und Reiseziel, die die Olympia-Bewerbung bringen sollte. Das Konzerthaus eröffnet an diesem Mittwoch.

Die erste Spielzeit ist bereits komplett ausverkauft. Doch allein mit dem glänzenden Bauwerk darf sich die Stadt nicht zufrieden geben. Es braucht mehr – zum Beispiel ein klar profiliertes regelmäßiges Hamburg-Festival. Damit die 789 Millionen Euro Steuergeld teure Elbphilharmonie über Jahre ihre Anziehungskraft behält, braucht sie nicht nur baulich, sondern auch inhaltlich ein klares Profil.

Ein gutes Zeichen ist, dass die Hansestadt den Jahreszuschuss für die Gesellschaft, die bislang schon die alte Musikhalle betreibt, auf sechs Millionen Euro verdoppelt. Das Konzept „Haus für alle“ verspricht zusammen mit dem bislang eher unauffälligen Hausorchester des NDR jedoch noch keine klare Positionierung unter den Konzerthäusern.

Hier konkurriert die Elbphilharmonie mit etlichen Neubauten – von Bochum über Kopenhagen und Helsinki bis hin zu Los Angeles. Dabei hat Hamburg die Chance, mit dem international beachteten Bau seine Stärken als Musikstadt stärker herauszustellen. Denn anders als das zur Olympia-Bewerbung selbstverliehene Attribut „Sportstadt“ ist dieses Label tatsächlich angebracht.

Elbphilharmonie: Chronologie einer Kostenexplosion
Nach neuneinhalb Jahren Bauzeit und jahrelangen Querelen um Kostensteigerungen und Bauverzögerungen übergibt der Baukonzern Hochtief die Elbphilharmonie an die Stadt Hamburg. Eine Chronologie der Ereignisse.
Oktober 2001: Der Architekt Alexander Gérard tritt an den Hamburger Senat mit der Idee heran, eine neue Konzerthalle auf dem Kaispeicher A zu realisieren.Juni 2003: Die Schweizer Star-Architekten Herzog & de Meuron präsentieren den ersten Entwurf der Elbphilharmonie: eine gläserne „Welle“ auf dem alten Kaispeicher.Juli 2005: Die erste Machbarkeitsstudie geht von Gesamtkosten in Höhe von 186 Millionen Euro aus. Der Anteil der öffentlichen Hand soll bei 77 Millionen Euro liegen. Geplante Eröffnung 2010.
November 2006: Bürgermeister Ole von Beust (CDU) gibt bekannt, dass die Elbphilharmonie teurer wird als geplant. Die Kosten steigen auf 241,3 Millionen Euro, der Anteil der Stadt auf 114,3 Millionen Euro.April 2007: Grundsteinlegung Elbphilharmonie.November 2008: Kultursenatorin Karin von Welck räumt ein, dass sich die Kosten für den Steuerzahler um 209 Millionen Euro auf 323 Millionen Euro erhöhen. Neuer Eröffnungstermin ist im Mai 2012. Tatsächlich steigen die Kosten für die Stadt durch diesen vereinbarten Nachtrag auf 495 Millionen Euro.
Mai: Der von der Hamburger Bürgerschaft eingesetzte parlamentarische Untersuchungsausschuss nimmt seine Arbeit auf, um die Ursachen der Kostensteigerungen herauszufinden.Mai: Richtfest auf der Baustelle der Elbphilharmonie. Die Feierlichkeiten werden von Protesten begleitet.
Juli: Der Baukonzern kündigt erneut eine Verzögerung an. Nun soll die Elbphilharmonie am 15. April 2014 übergeben werden.November: Stillstand auf der Baustelle: Hochtief stellt die Arbeiten am Dach wegen Sicherheitsbedenken ein.
2. Februar: Ex-Bürgermeister Ole von Beust (CDU) sagt vor dem Parlamentarischen Untersuchungsausschuss aus. Er übernimmt die politische Verantwortung, würde aber wieder so entscheiden.14. April: Der Senat legt einen Plan zum Weiterbau der Elbphilharmonie vor. Gleichzeitig setzt die Stadt Hochtief ein Ultimatum, das Dach bis zum 31. Mai abzusenken.23. November: Das Saaldach der Elbphilharmonie wird erfolgreich abgesenkt, d.h. mit dem Gebäude verbunden. Der Streit darüber war einer der wesentlichen Gründe für den Baustillstand.15. Dezember: Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) verkündet, dass die Stadt die Elbphilharmonie mit Hochtief zu Ende bauen will. Dafür erhält der Baukonzern erneut 200 Millionen Euro, übernimmt aber auch sämtliche Risiken. Fertigstellungstermin: Oktober 2016.
Juni: Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) gibt bekannt, wie viel die Elbphilharmonie insgesamt - mit Hotel und Parkhaus - die Stadt kosten wird: 789 Millionen Euro, zehnmal so viel wie geplant.
April: Der parlamentarische Untersuchungsausschuss legt seinen Abschlussbericht vor. Danach sind eine unfertige Planung und überforderte Politiker für das Baudesaster verantwortlich.
26. Juni: Die öffentliche Plaza in 37 Metern Höhe wird der Presse vorgestellt. Kommentar von Kultursenatorin Barbara Kisseler (parteilos): „Da bleibt einem die Spucke weg.“
3. Februar: Die „weiße Haut“ des japanischen Akustikers Yasuhisa Toyota im Großen Saal ist fertig. Die innovative Wandverkleidung soll auf 2100 Plätzen vollen Klanggenuss ermöglichen.11. April: Generalintendant Christoph Lieben-Seutter stellt das Programm für die erste Saison in der Elbphilharmonie vor. Das NDR Elbphilharmonie Orchesters unter Leitung von Thomas Hengelbrock wird das Konzerthaus am 11. Januar 2017 unter anderem mit einer Uraufführung von Wolfgang Rihm eröffnen.30. Juni: Der große Konzertsaal mit 2100 Plätzen wird vom Bauunternehmen Hochtief an die Stadt übergeben. Neben Restarbeiten stehen nun die Abnahme des Saals und der technische Probebetrieb an.September: Erste Geheimprobe des NDR Elbphilharmonie Orchesters unter Leitung von Thomas Hengelbrock. Sein Kommentar: „Prima, Herr Toyota. Den nehmen wir!“31. Oktober: Der Baukonzern Hochtief übergibt intern das fertige Gebäude an die Stadt Hamburg. Auf der gläsernen Fassade erscheint durch erleuchtete Fenster das Wort „FERTIG“.4. November: Festakt zur Übergabe des Gebäudes. Die Plaza, das Hotel und die Gastronomie werden für die Besucher geöffnet.Quelle: dpa
1. Januar 2017: Uraufführung der Performance „Figure Humaine“ von Sasha Waltz & Guests in den Foyers der Elbphilharmonie.11. Januar 2017: Eröffnung der Elbphilharmonie mit einem Festakt und einem Konzert des NDR Elbphilharmonie Orchesters unter Leitung von Thomas Hengelbrock. Erwartet werden auch Bundespräsident Joachim Gauck und Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Von Johannes Brahms über die Beatles bis hin zu Udo Lindenberg verweist die Stadt gern auf ihre althergebrachten Stars. Mit dem jährlichen Reeperbahn-Festival beherbergt sie jedoch seit über zehn Jahren auch den relevantesten Kongress der Unterhaltungsmusik-Branche samt einem profilierten Club-Festival.

Im populären Fach locken mehrere kommerziell erfolgreiche Musical-Häuser seit Jahren Touristen. Mit Warner Music hat eine große Plattenfirma ihren Deutschland-Sitz in der Stadt, die lebendige Independent-Szene wird von Unternehmen wie Edel, Audiolith und Daniel Richters Buback-Label unterstützt. Ballett-Chef John Neumeier und Generalmusikdirektor Kent Nagano leisten zusammen mit dem Elbphilharmonie-Intendanten Christoph Lieben-Seutter anerkannte Arbeit.

Die Stadt könnte das Potenzial bündeln, um ein Festival zu schaffen, das verschiedene musikalische Facetten verbindet. Neben Klassik in der Elbphilharmonie könnten anspruchsvollere Musicals und ein ausgesuchtes Programm an elektronischer Club-Musik und Pop-Musik stehen. Für solch ein Programm gibt es Platz im europäischen Veranstaltungskalender.

Die Elbphilharmonie in Zahlen
Das Haus ist 110 Meter hoch. 400 m² groß ist die Plaza auf 37 Metern Höhe. 1.100 Fensterelemente wurden eingesetzt; die gesamte Fassade ist 16.000 m² groß.
18.000 Tonnen Stahl und 63.000 Kubikmeter Beton wurden verbaut, insgesamt wiegt die Elbphilharmonie 200.000 Tonnen – das sind 722 Airbus A380 oder 2,5 Mal die Queen Mary. Allein das Dach wiegt 8.000 Tonnen.
Der große Konzertsaal bietet Platz für 2.100 Besucher. Es wurden 12.500 Tonnen Stahl verbaut, der von 362 Federpaketen gehalten wird. Für eine optimale Akustik wurde der Raum mit 10.000 individuell gefertigten Gipsfaserplatten verkleidet. Die Deckenhöhe beträgt 50 Meter. Die Orgel hat 4.765 Pfeifen.
Verfügbare Tickets im ersten Halbjahr: 450.000. Davon sind mehr als 80 Prozent bereits verkauft. Die Subventionen pro Zuschauerplatz betragen knapp zehn Euro.
Das Hotel in der Elbphilharmonie hat 244 Zimmer ab 247 Euro die Nacht. Die Eignersuite mit Balkon gibt es ab 3.000 Euro. Der Wellnessbereich ist 1.300 m² groß. Im Untergeschoss befinden sich 500 Parkplätze.
45 Eigentumswohnungen zwischen 120 und 400 m² sind integriert. Das Penthouse in der 26. Etage kostet 35.000 Euro pro Quadratmeter und ist damit die teuerste Wohnung Hamburgs.
Kostenentwicklung für den Steuerzahler:Juli 2005: 77 Mio. EuroFebruar 2007: 272 Mio. EuroNovember 2008: 495 Mio. EuroApril 2013: 789 Mio. Euro
Kosten für den Spielbetrieb pro Jahr: sechs Millionen Euro

Ein hochklassiges Festival-Programm mit deutlichem Profil kann dabei verlässlich für die weichen Faktoren des Standorts werben. Beispiele dafür gibt es etliche: etwa die Filmfestivals in Berlin (Berlinale) und Cannes, das Edinburgh-Festival oder die Salzburger Festspiele.

Kostenlos ist das nicht: Die Berlinale etwa hat ein Budget von 23 Millionen Euro, davon trägt der Bund 6,7 Millionen Euro. Die Salzburger Festspiele mit ihrem leicht angestaubten Programm erhalten gut 16 Millionen Euro öffentliche Förderung. Das Edinburgh Festival erhält über fünf Millionen Pfund Steuermittel.

All diese Summen liegen deutlich unter dem, was Hamburg für Olympia ausgegeben hätte – und sie bringen einen großen Effekt, weil sie ihre Heimatstädte jährlich wieder positiv ins Gespräch bringen und zugleich die örtliche Kulturszene unterstützen.

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Ein gut gemachtes Hamburg-Festival wäre also gut angelegtes Geld für das Ziel, dem auch die Olympia-Bewerbung dienen sollte: die zweitgrößte Stadt Deutschlands gegenüber München und Frankfurt international bekannter zu machen. Das soll mehr Touristen nach Norddeutschland locken und Unternehmen davon überzeugen, in der Metropolregion Hamburg zu investieren.

Obwohl Google, Facebook und Twitter hier ihre Deutschland-Zentralen eröffnet haben, steht die Stadt im Schatten von Berlin, Frankfurt und München. Für Unternehmen in der Wissensgesellschaft ist entscheidend, an Orten zu sein, in denen sich Talente wohlfühlen. Dass Hamburg zu diesen Städten gehört, ist außerhalb Deutschlands wenig bekannt.

Anders als bei Olympia hätte die Stadt selbst in der Hand, Inhalte und Bedingungen eines Hamburg-Festivals festzulegen und es über Jahre hinweg zu profilieren. Sie sollte die Euphorie rund um die Elbphilharmonie nutzen, um das teure Bauwerk zum Kern eines solchen Vorhabens zu machen – und damit idealerweise etwas „Besseres als Olympia“ schaffen.

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