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Hongkong „Wir leben alle mit der Angst“

Hongkong bleibt auch nach der Einführung des neuen Sicherheitsgesetzes das Tor zu Asien. Lokale Künstler müssen jedoch wählen zwischen Kampf und Flucht.
13.08.2020 - 16:17 Uhr Kommentieren
Die Papierarbeit von 2015 spiegelt die Alltagserfahrung. Quelle: Niccolo Masini, Young Blood Initiative
Niccolo Masini „Eggs“

Die Papierarbeit von 2015 spiegelt die Alltagserfahrung.

(Foto: Niccolo Masini, Young Blood Initiative)

London Die letzten zwölf Monate waren keine gute Zeit für Hongkong. Die Stadt hatte sich zuvor hinter New York und London als drittes Standbein des globalen Kunstmarktes etabliert. Sie ist aufgrund ihrer politischen, finanziell-steuerlichen wie auch geografischen Position prädestiniert, den asiatischen Markt für die Welt zu vertreten.

Doch es kam anders. Die Hongkonger kämpfen gerade an verschiedenen Fronten. Die Protesten der Demokratiebewegung in 2019 wurden immer heftiger, die Covid-19-Pandemie beruhigte die Stadt nur kurz. Noch immer glänzten die Fassaden golden Fassade in der konsumorientierten Millionenstadt. Der Virus führte dann nicht nur zur Absage der „Art Basel Hongkong“, sondern auch zu einer wirtschaftlich prekären Lage für Künstler und Galeristen, wie man sie überall auf der Welt kennt.

Mit der Einführung des international heftig kritisierten neuen Staatssicherheitsgesetzes Anfang Juli schreibt Hongkong ein neues Kapitel in seiner Geschichte. Die Metropole verliert ihre politische Unabhängigkeit von China, die Demokratie kommt unter die Räder. Unter dem Motto „ein Land, zwei Systeme“ ist Hongkong eine chinesische Sonderverwaltungszone. Inwieweit wirken sich aktuell deren gesellschaftlich-politische Konflikte auf den Kunstmarkt aus?

Die Antwort fällt zweigespalten aus. Die guten Auktionsergebnisse der letzten Monate veranlassen die Auktionshäuser weiterhin auf Hongkong zu setzen. Francis Belin, Asien-Pazifik-Präsident von Christie’s, betont dem Handelsblatt gegenüber, dass die Stadt als Knotenpunkt für Asien und den globalen Handel nicht wegzudenken sei. Vor allem könne sie von keiner anderen Stadt der Region so einfach übernommen werden. Belin motivieren die guten Umsatzzahlen und das weiterhin unangefochtene Potenzial Chinas: „Zurzeit sehen wir noch keine Veränderungen. Wir setzen langfristig auf Hongkong.“

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    Trotz weltweiter Proteste hat China dazu ein Gesetz in Hongkong erlassen. Quelle: Vincent Yu/AP/dpa
    Gesetz zum Schutz der nationalen Sicherheit

    Trotz weltweiter Proteste hat China dazu ein Gesetz in Hongkong erlassen.

    (Foto: Vincent Yu/AP/dpa)

    Ähnlich sieht es der Sammler und Unternehmer Arthur de Villepin. Der Franzose, seit zehn Jahren in Hongkong, betreibt seit März eine Galerie in der Hollywood Road, im Zentrum des Kunst- und Antiquitätenhandels. Die Eröffnungsausstellung mit Werken von Zao Wou-Ki war wohl so erfolgreich, dass er keine Bedenken hat: „Die Energie hier, die Atmosphäre und Dynamik wird sich nie verändern.“ Er betont: „Wir mischen uns nicht in die Politik ein“.

    Lassen sich der künstlerische Bereich und der politische überhaupt als getrennte Räume sehen? In Hongkong kristallisieren sich momentan verschiedene Standpunkte heraus. Auf der einen Seite stehen die internationalen Kunstmarktfirmen, für die Hongkong immer das Tor zu den Reichtümern Chinas und Asiens war und ist – mit oder ohne demokratische Freiheiten. Auf der anderen Seite kämpft die lokale Bürgerschaft Hongkongs um ihr Überleben – auch um das Überleben ihrer kulturellen Identität.

    Für Einheimische ist politische Freiheit kein Luxus, sondern essenzieller Bestandteil des Alltags. Seit der Übergabe der Stadt durch die Kolonialmacht Großbritannien an China leben ihre Bewohner in einer Blase, in der Demokratie und Marktwirtschaft in Nachbarschaft zur Großmacht China denkbar sind. Doch der Alltag hat sich für alle Demokratieanhänger und die Kunstschaffenden radikal verändert.

    Seit den politischen Unruhen im letzten Jahr haben sich Künstler aktiv an Protesten beteiligt. Sie spiegeln Themen wie die Identität ihrer Stadt und den Ruf nach Meinungsfreiheit in ihren Kunstwerken. Im Mai und Juni 2020 beherbergte das lokale Goethe Institut die Ausstellung zum „Hong Kong Human Rights Arts Prize“. Organisiert wurde die Schau, die eine große Anzahl von Kommentaren zu den Unruhen und Protesten beinhaltete, vom Justice Center in Hongkong.

    Schweigen heißt Einwilligen

    Ein neues Archiv vor allem zur Demokratiebewegung hat die „Young Blood”-Initiative in Zusammenarbeit mit „Zine Coop“ und „We Are HKers“ ins Leben gerufen. Unter dem Slogan „Silence is Compliance“ – auf deutsch Schweigen ist Einwilligung – erinnert ihre Internetplattform an die Proteste von 2019. Sie bringt künstlerische Kommentare mit Zeitzeugenberichten und wissenschaftlichen Reflexionen zusammen.

    Kooperation und Zusammenhalten sind in Hongkong wichtige Bestandteile des politischen Engagements. Das aber organisiert sich immer mehr aus einer sicheren Position im Ausland heraus. Die Mitbegründerin der „Young Blood“-Initiative, Candy Choi, residiert zurzeit in Riga. Ihre Familie in Hongkong hat sie seit über einem Jahr nicht gesehen. „Wir befinden uns an einem Wendepunkt. Viele Kunstwerke, die letztes Jahr geschaffen wurden, könnten heute nicht mehr so gemacht werden,“ sagt sie dem Handelsblatt in einem Gespräch über Skype. „Viele denken darüber nach, Hongkong zu verlassen. Wir leben alle mit der Angst.“

    Die Tuschezeichnung von 2019 lädt sich vor dem Hintergrund der „Regenschirm-Revolution“ von 2014 politisch auf. Ein Symbol für den anhaltenden Ruf nach bürgerlichen Freiheiten. Quelle: Boms, Young Blood Initiative
    Boms „Umbrella“

    Die Tuschezeichnung von 2019 lädt sich vor dem Hintergrund der „Regenschirm-Revolution“ von 2014 politisch auf. Ein Symbol für den anhaltenden Ruf nach bürgerlichen Freiheiten.

    (Foto: Boms, Young Blood Initiative)

    Chois Einschätzung des Klimas der Repression wird von dem in Hongkong lebenden Künstler Kacey Wong bestätigt. Der 50-Jährige beobachtet seit langem die politische Lage. An den Protesten beteiligte er sich mit künstlerischen Interventionen, um den Kontakt mit den Menschen in der Stadt zu finden. Er beschreibt ein Gefühl der Hilflosigkeit. „Künstler können nicht mehr neutral bleiben. Sie haben vier Optionen: Angst, Stillstehen, Flucht oder der Kampf.“

    Das sind Optionen wie aus der Kriegsführung. Wong zufolge werden viele Kunstschaffende fliehen oder sich in Selbstzensur üben. Er selbst will weiterhin kämpfen, ihm ist aber klar, dass direkte Kunstaktionen nicht mehr möglich sein werden. Flucht kommt für ihn nicht in Frage – noch nicht. „Kunst braucht ihre Wurzeln. Wir wollen nur wir selbst sein, aber wir selbst zu sein, wird nun zum Verbrechen“.

    Die Kunstszene macht sich Sorten

    Nicht nur Künstler, sondern auch Galerien sehen der Zukunft in der Stadt besorgt entgegen. Mimi Chun betreibt seit elf Jahren die „Blindspot“ Galerie, die mit internationalen und regionalen Künstlern arbeitet. „Um ehrlich zu sein: Die meisten von uns sind besorgt, da die soziale und die politische Situation so unsicher ist.“ Sie hat wegen der Pandemie alle Messen dieses Jahr abgesagt, zeigt in der Galerie allerdings ein umfassendes Filmprogramm, in dem alle zwei Wochen zwei Künstler in Dialog treten.

    Mimi Chun beschreibt alle ihre Künstler als sozial und politisch engagiert. Sie vertritt Trevor Yeung, der mit einer Arbeit in der aktuellen „KölnSkulptur #10“ vertreten ist. Neben der Angst beschreibt sie auch das Potenzial der Stadt. Künstler aus Hongkong werden zunehmend auch international wahrgenommen, ausgestellt und angekauft. Und selbst lokale Sammler entwickeln sich weiter und interessieren sich, zumindest teilweise, für Inhalte.

    Den Pass immer griffbereit

    Noch ist die Kunstszene von dem immer enger werdenden Netz aus Unterdrückung und Zensur ausgenommen. Verhaftungen konzentrierten sich bisher auf Politiker und Aktivisten, Wissenschaftler und Verleger. Vor der Zensur allerdings haben Künstler und Galeristen wenig Angst, sagen die meisten. Sie sind es gewohnt, ihre Botschaften zu verschlüsseln und verweisen auf Beispiele aus China, wo das manchen seit Jahrzehnten gelingt.

    Der in London und Hongkong agierende Galerist Fabio Rossi meint wohl nicht zu Unrecht, dass das der Qualität der Kunst sogar guttun könnte.

    Zwischen der Verschlüsselung von Inhalten und Selbstzensur liegt allerdings nur ein schmaler Grat. Ob in einem Umfeld von immer stärker zurückgenommenen Freiheiten nicht nur die Kreativität, sondern auch der Kunstmarkt leiden wird, bleibt zu beobachten. In der Zwischenzeit kann man aber sicher sein, dass diejenigen, die ausländische Pässe besitzen, diese immer griffbereit halten.

    Mehr: Kunstmarkt: Hongkong wird zum Hotspot für internationale Großgalerien

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