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Interview Star-Architekt Jacques Herzog: „Wir müssen die Stadt neu denken“

Der Co-Eigentümer des berühmten Baseler Architekturbüros Herzog & de Meuron spricht über die Folgen des Coronavirus für das Zusammenleben und über die Zukunft unserer Metropolen.
07.05.2020 - 14:10 Uhr Kommentieren
„Wir werden Städte weiter verdichten – aber ebenso zwingend ist deren intensivere Begrünung.“ Quelle: Lucia Hunziker / 13 Photo
Jacques Herzog

„Wir werden Städte weiter verdichten – aber ebenso zwingend ist deren intensivere Begrünung.“

(Foto: Lucia Hunziker / 13 Photo)

Düsseldorf Unter dem Dach des gemeinsamen Architekturbüros sind Jacques Herzog und sein einstiger Schulfreund Pierre de Meuron längst zu Weltstars der Branche geworden. Zugleich führen Sie immer noch einen mittelständisch geprägten Familienbetrieb mit rund 500 Mitarbeitern, der Corona bislang noch nicht allzu hart zu spüren bekam.

Der Grund: „Architektur ist ein langsames und langfristiges Geschäft“, sagt Herzog im Interview mit dem Handelsblatt. „Das bedeutet, dass wir das Geld zum Leben nicht wie der Einzelhändler oder der Gastwirt mit dem laufenden Tagesgeschäft verdienen. Bisher wurde glücklicherweise keines unserer Projekte abgesagt.“

Aber auch wenn Herzog & de Meuron auf der ganzen Welt aktiv sind, sieht der gerade 70 Jahre alt gewordene Architekt doch auch die Probleme: „Niemand kann vorhersagen, welche Konsequenzen das alles noch hat, insbesondere wenn nun viele Notenbanken ihre Schleusen öffnen und Billionenhilfen die Märkte fluten.“

Zum Umgang mit der Verbreitung des Virus sagt Herzog: „Es ist interessant zu verfolgen, dass auch eine globalisierte Welt noch weit weg ist von einer einheitlichen Policy bei einer weltweiten Bedrohung.“

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    Lesen Sie hier das komplette Interview:

    Herr Herzog, was überrascht Sie an Corona besonders?
    Wir alle teilen dieses Gefühl, diese Stimmung, die uns jetzt ständig begleitet – beim Aufstehen am Morgen und beim Zubettgehen am Abend, diese zunehmende Gewissheit, dass uns die Normalität abhandengekommen ist. Sie wird ersetzt durch eine Utopie oder vielmehr wohl eine Dystopie: eine Welt ohne Flugverkehr, ohne Fußball, ohne Kunst, ohne öffentliches Leben.

    Egal, wo auf der Welt man derzeit einen Fernseher anschaltet, eine Zeitung liest oder Social Media verfolgt: Plötzlich haben wirklich alle, ja, wir als Menschheit, ein einziges Thema. Was wir uns für den Klimawandel oder die Flüchtlingspolitik erhofften, nämlich, dass sich alle dafür engagieren und sich dieser globalen Themen annehmen, wurde uns nun durch ein Virus aufgezwungen.

    Corona als die erste die ganze Menschheit verbindende Geschichte?
    Alle Regierungen setzen sich ernsthaft mit dem Thema auseinander – von wenigen dummen Potentaten abgesehen. Die Bevölkerung ist quasi im Banne ihrer jeweiligen Regierung. Das Krisenmanagement unterscheidet sich aber von Land zu Land und reflektiert die jeweilige spezifische Kultur und Geschichte.

    Es ist interessant zu verfolgen, dass auch eine globalisierte Welt noch weit weg ist von einer einheitlichen Policy bei einer weltweiten Bedrohung. Wir haben alle das gleiche Problem und dennoch unterschiedliche Strategien, diesem zu begegnen. Die Krise lässt die Völker auch nicht wirklich näher zusammenrücken und solidarisch handeln.

    Woran merken Sie das?
    Sobald Güter knapp werden – Finanzhilfen, Masken, Beatmungsgeräte –, ist sich doch wieder jedes Land selbst das nächste. Nicht einmal der Austausch der medizinischen Daten zum Coronavirus funktioniert auf globaler Ebene.

    Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf, wusste schon Thomas Hobbes.
    Bei einer Bedrohung melden sich unsere archaischen Verhaltensmuster sofort. Jeder schaut für sich. Offensichtlich sogar in einer Situation, die uns alle bedroht.

    Welche Folgen wird das Coronageschehen für uns alle haben?
    Das weiß niemand. Viele beteiligen sich nun aber an Spekulationen, auch zur Stadt nach Corona. Sie glauben, es werde ein neues Zeitalter eingeläutet, zurück – oder vorwärts aufs Land. Das können sich die meisten Menschen gar nicht leisten, und es wäre dramatisch, die Ressource Landschaft und Natur durch die Ausdehnung der Siedlung weiter zu zerstören.

    Wir müssen die Stadt aber neu denken. Immer wieder ist das nötig – wie schon im Mittelalter nach den verheerenden Stadtbränden oder im Paris des Städteplaners Georges-Eugène Haussmann, der die Stadt der eleganten Boulevards, die wir heute kennen, erst im 19. Jahrhundert schuf, mit brachialen Durchbrüchen durch den mittelalterlichen Stadtkörper.

    Herzog & de Meuron: Sechs Prestigeprojekte des Architekturbüros
    Elbphilharmonie Hamburg
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    Das Bauprojekt war lange umstritten – vor allem aufgrund stetig steigender Kosten. Heute ist es einer der Touristenmagnete in der Hansestadt.

    (Foto: dpa)
    Olympiastadion in Peking
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    Für Jacques Herzog ist das zu Olympia 2008 erbaute Stadion mehr als nur eine Sportstätte. „Jeden Tag gehen da Tausende hin, weil es ein außergewöhnlicher Ort ist“, sagt der Architekt.

    (Foto: dpa)
    Tate Modern in London
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    Neben dem alten Kraftwerk steht der 2016 eröffnete Turm des Neubaus. Seine Fassade besteht aus Ziegeln.

    (Foto: Universal Images Group/Getty Images)
    Rehaklinik in Basel
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    Das 2002 eröffnete Gebäude ist für Jacques Herzog eines der „schönsten und wichtigsten“ des Architekturbüros.

    (Foto: Katalin Deér )
    Allianz Arena in München
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    Seit 2005 finden die Heimspiele des FC Bayern München in einem Bau von Herzog & de Meuren statt.

    (Foto: dpa)
    Parrish Museum auf Long Island, New York
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    Der an eine längliche Scheune erinnernde Neubau des berühmten Kunstmuseums wurde im November 2012 eröffnet.

    (Foto: Iwan Baan)

    Was wird aus der Stadt als Idee?
    Sie bleibt ein Konzept der Dichte und des Nebeneinanders ganz unterschiedlicher Lebensentwürfe. Das ist die Schönheit und gleichzeitig die Tragik der Stadt. Wir werden Städte weiter verdichten – aber ebenso zwingend ist deren intensivere Begrünung. Dazu gibt es an vielen Orten auch echte Bemühungen und konkrete Projekte.

    Und die Nähe zu anderen Menschen?
    Sie ist ein fundamentales Bedürfnis. Wir können das Business mit Videokonferenzen einige Wochen lang aufrechterhalten und Freunde zum Facetime-Kaffee einladen. Aber es wird nie das Gleiche sein wie die Bar an der Ecke oder das persönliche Gespräch mit einer Bauherrschaft.

    Es braucht die physische Präsenz des Menschen in einem realen Raum: mit konkreten Dimensionen, wechselnden Lichtverhältnissen, unterschiedlicher Materialisierung, sogar mit einem spezifischen Geruch. Das kann Architektur leisten. Noch immer sind wir Menschen von diesen sinnlichen Momenten bestimmt und vermissen es, wenn wir uns mehrheitlich bloß über virtuelle Medien begegnen können.

    Inwiefern wird das ja doch recht gut funktionierende Homeoffice unser Leben verändern?
    Ich bezweifle, dass sich das Arbeiten von zu Hause aus fest etablieren wird. Ich nehme die vielen Videokonferenzen als effizient und intensiv wahr. Sie sind aber auch anstrengender als physische Begegnungen. Es ist ja auch ständig eine Kamera auf dich, auf dein Gesicht gerichtet, dem kannst du kaum ausweichen.

    In einem Meeting, wo Menschen im gleichen physischen Raum präsent sind, kommt die Körpersprache ins Spiel, dein Blick wandert im ganzen Raum umher, du nimmst auch kleine Gesten wahr, Gerüche, Nuancen von Licht. Es gibt mehr Raum für Zufälliges, für nicht geplante, spontane Themen, die auftauchen. Videokonferenzen mit mehreren Teilnehmern sind weniger spontan und mühsamer – auch wegen der Sprachsteuerung.

    Ich bezweifle, dass sich das Arbeiten von zu Hause aus fest etablieren wird.

    Andererseits wird die Digitalisierung da sicher noch viele Verbesserungen ermöglichen.
    Ich berichte von den konkreten Erfahrungen, die wir alle mit der Technologie von heute machen. Virtual Reality (VR) wird noch einmal eine ganz andere Wahrnehmung ermöglichen. Wir testen in einem eigenen Labor bei Herzog & de Meuron Anwendungen für virtuell begehbare Architekturen. Das ist sehr spannend. Doch auch Augmented Reality and VR werden unsere Sehnsucht nach der sinnlichen Welt nicht stillen.

    Sie haben gigantische Stadien gebaut wie die Allianz Arena in München oder das Olympiastadion in Peking, aber auch die Museumsräume der Tate Modern in London. Bis auf Weiteres stehen diese Monumente leer. Beschleicht Sie da eine gewisse Melancholie?
    Das ist ja eine vorübergehende Ausnahmesituation. Architektur, besonders die erwähnten öffentlichen Gebäude sind für eine lange Lebensdauer angelegt. Die sollen nicht schon nach ein paar Jahrzehnten wieder abgerissen werden, aber vielleicht umgebaut oder umgenutzt. Kirchen wurden nach der Reformation zu Lagerhäusern oder jetzt während Corona zu Spitälern. Industriebauten werden zu Museen.

    Das Olympiastadion in Peking wurde zwar anlässlich von Olympia 2008 gebaut – aber die Spiele dauern ja nur zwei Wochen. Für uns als Architekten machte es keinen Sinn, diese große und aufwendige Struktur nur für einen so kurzen Sportevent zu planen und zu denken.

    Sondern?
    Als Teil einer weitläufigen Parkanlage. Als begehbare öffentliche Skulptur hat das Stadion bereits viel mehr Menschen angezogen als in den Tagen von Olympia. Jeden Tag gehen da Tausende hin, weil es ein außergewöhnlicher Ort ist, den es so sonst nirgends gibt in Peking. Nicht unähnlich dem Eiffelturm, der bloß für eine Weltausstellung geplant wurde, seither aber nicht mehr aus Paris wegzudenken ist.

    Als Architekten wollen wir versuchen zu überlegen, was das Potenzial einer Architektur sein kann – über den unmittelbaren funktionellen Nutzen hinaus. Was kann die Zukunft sein für einen so großen und kostspieligen Bau? Gibt es eine neue Programmierung, ein neues Leben für eine Architektur, vielleicht gar wichtiger und nützlicher für die Bevölkerung einer Stadt als der ursprünglich zugedachte Zweck?
    Würden Sie eigentlich auch gern mal ein Krankenhaus bauen?

    Unser erstes Spital haben wir vor bald 20 Jahren gebaut: die Rehab-Klinik in Basel für Menschen, die nach Unfällen mit Querschnittlähmungen ein neues Leben erlernen müssen. Für dieses Thema fanden wir damals eine völlig neue Spitaltypologie – sehr flach, mit zahlreichen Innenhöfen, alle unterschiedlich bepflanzt und mit vielfältigem Lichteinfall für die Patientenzimmer.

    Außerdem widmeten wir den Materialien große Aufmerksamkeit: Wir arbeiteten mit vielen unterschiedlichen Holzarten und Bearbeitungen. Ohne Arroganz darf ich sagen, dass es eines unserer schönsten und wichtigsten Gebäude ist – und von Patienten und den dort Arbeitenden auch so wahrgenommen wird.

    Zurzeit bauen wir nach ähnlicher Bautypologie ein Kinderspital in Zürich und ein sehr großes in Dänemark. Auch in den USA gibt es nun starkes Interesse für unsere Spitalarchitektur. Für uns als Firma ist das besonders erfreulich, weil wir uns da seit Langem stark engagieren und auch wirklich eine Veränderung der meist trostlosen Krankenhauswelt herbeiführen können.

    Was bedeuten die allgegenwärtigen Shutdowns für Ihre Arbeit an aktuellen Projekten wie dem ja nicht unumstrittenen „Museum des 20. Jahrhunderts“ in Berlin?
    Wir arbeiten intensiv an diesem Projekt. Es hat ein großes Potenzial, das jetzt immer sichtbarer wird, wo wir jeden einzelnen Bereich im Detail beleuchten und darstellen. Erfreulich ist auch die enge und gute Zusammenarbeit mit der Bauherrschaft und den Kostenplanern.

    Es ist gut, dass Architektur Debatten auslöst.

    Das Objekt wurde schon als „Bierzelt“ und „Aldi“ beschimpft.
    Für uns ist entscheidend, dass der Auftraggeber stets voll hinter dem Projekt stand. Wir wussten ja, was wir wollten. Die Qualität dieses Baus sehen wir gerade in dieser Ambivalenz und in dieser Betrachtungsvielfalt. Wir sind überzeugt, dass das auch funktionieren wird, als Katalysator, als sozialer und kultureller Treffpunkt.

    Es ist gut, dass Architektur Debatten auslöst. Auch „Spitznamen“ sind Ausdruck einer Auseinandersetzung – selten sind diese nur schmeichelhaft. Mies van der Rohes Berliner Nationalgalerie war einst als „Tankstelle“ verschrien.

    Sie haben die Elbphilharmonie in Hamburg gebaut, die zunächst ähnlich umstritten war und von manchen sogar gehasst wurde. Heute ist sie ein Liebling der Hamburger und ein Magnet für Touristen.
    Dort hatten die teils hitzigen Debatten allerdings nichts mit der Ästhetik unserer Entwürfe zu tun, sondern eher mit den fortlaufend sich erhöhenden Kosten. Das ist ein ganz anderes Thema, das die Menschen natürlich zu Recht umtreibt, besonders, solange noch niemand weiß, was für ein Gebäude man für das viele Geld einmal kriegt.

    „Es gibt ein weitverbreitetes Misstrauen gegen große öffentliche Projekte“, sagten Sie mal. Ist Deutschland da besonders schlimm?
    Deutschland ist heute eines der demokratischsten Länder und außerdem wirtschaftlich sehr gut aufgestellt. Nie ging es in Deutschland so vielen Menschen so gut. Trotzdem wird viel gemeckert, an allem – nicht nur an Frau Merkel. Eine Politikerin übrigens, nach der sich noch viele sehnen werden. Das alles passt scheinbar nicht ganz zusammen.

    Vielleicht ist aber ebendiese ständige Kritik unabdingbar für eine Gesellschaft, die sich engagiert und so auch politische Extreme verhindert. Die Schweiz jedenfalls funktioniert seit langer Zeit nach diesem Muster.

    Als Architekt wurden Sie in Deutschland jedenfalls schon mit vielerlei Kritik konfrontiert.
    Das müssen wir aushalten, dort wie anderswo. Wir bauen in den großen Metropolen an deren neuralgischsten Orten öffentliche Gebäude. Das sind eigentliche architektonische Akupunkturnadeln. Da kann ich doch nicht erwarten, dass niemand darauf reagiert. Diese Debatten gehören quasi zu den Projekten, auch wenn sie bisweilen anstrengend sind.

    Auch wir lernen dadurch, unsere Ideen anschaulich werden zu lassen. Das gelingt nur mit Argumenten, nicht mit Verweigerung.

    Herr Herzog, vielen Dank für das Interview.

    Mehr: „Architektur ist gnadenlos“ – Star-Architekt Jacques Herzog über modernes Bauen

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