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Kunstkriminalität Die dubiosen Deals des Herrn Demel

Im Kunsthistorischen Museum in Wien laufen Recherchen zu einem historischen Kriminalfall. Ein Sammlungsleiter verkaufte illegal gut 2000 Objekte, darunter altägyptische Krüge. Sie sollen jetzt in München versteigert werden.
16.07.2020 - 14:38 Uhr 1 Kommentar
Die vier Eingeweidekrüge befanden sich einst im Bestand des Kunsthistorischen Museums in Wien. Quelle: Gorny & Mosch
Kanopenset aus Alabaster

Die vier Eingeweidekrüge befanden sich einst im Bestand des Kunsthistorischen Museums in Wien.

(Foto: Gorny & Mosch)

Wien Die prominente Herkunft eines Objektes ist im Kunsthandel ein beliebter Bonus. Sie erleichtert die Verkäuflichkeit und erhöht manchmal den Gewinn. Zumal wenn gekrönte Häupter im Spiel sind. Insofern wäre ein aktuell vom Münchener Auktionshaus Gorny & Mosch angebotenes Set altägyptischer Eingeweidekrüge wohl als Jackpot zu werten.

Laut einem im Vorfeld der Versteigerung am 22. Juli veröffentlichten Youtube-Video hätten sich die vier Krüge einst im „Privatbesitz“ des österreichischen Kaisers Franz Joseph I. befunden. Ein Marketinggag, den der Katalogtext selbst entlarvt. Zur fachlichen Einordnung: Die vier Krüge aus Alabaster sind in der einschlägigen Literatur seit 1887 bekannt. Sie enthielten einst Leber, Lunge, Magen und Unterleibsorgane, die zusammen mit dem mumifizierten Wesir von Oberägypten namens Djed-Ka-Re in der 26. Dynastie (663—525 v. Chr.) beigesetzt wurden.

Erstmals bot sie das Auktionshaus im Dezember 2018 an. Sie blieben jedoch unverkauft. Ob es am Schätzwert von 240.000 Euro lag? Jetzt wurde er auf 150.000 Euro reduziert. Allfälliges Kaufinteresse könnte aber auch an den ursprünglichen Provenienzangaben gescheitert sein. Demnach waren sie im Besitz „des österreichischen Kaiserhauses“, kamen „nach dem ersten Weltkrieg“ in den „Kunsthandel“, „wo sie 1958 von der Frankfurter Münzhandlung E. Button verkauft wurden“.

Auf den ersten Blick wirkten diese Angaben unbedenklich. Abgesehen vom Vermerk „Kaiserhaus“, denn die kaiserlichen Kunstsammlungen befanden sich schon vor dem Ende der Monarchie im Bestand des Kunsthistorischen Museums (KHM) in Wien. Einen Londoner Kunsthändler und einen Ägyptologen aus Paris machte das 2018 stutzig. Unabhängig voneinander fragten sie in Wien nach. Im dortigen Archiv wurde man schnell fündig.

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    Kurz gefasst: Das Kanopen-Set war in den kaiserlichen Inventaren seit 1824 erfasst und „nicht verkauft worden“, informierte Franz Pichorner, stellvertretender KHM-Generaldirektor, das Auktionshaus. Vielmehr war es unter „ungeklärten Umständen“ in der Amtszeit (1922 bis 1951) eines ehemaligen Sammlungsleiters namens Hans Demel verschwunden.

    Die „Kanope des Hapi“ bewahrte einst die Lunge des mumifizierten Wesirs Djed-Ka-Re (663-525 v.Chr.). Quelle: Gorny & Mosch
    „Pavian“

    Die „Kanope des Hapi“ bewahrte einst die Lunge des mumifizierten Wesirs Djed-Ka-Re (663-525 v.Chr.).

    (Foto: Gorny & Mosch)

    Pichorner ersuchte um eine Korrektur der Provenienzangaben. Gorny & Mosch kam dieser Bitte im Dezember 2018 nicht nach, wie der bis heute abrufbare Online-Katalog belegt. Für den aktuellen Eintrag wurde ein Teil der Informationen übernommen. Jene, in denen das Museum einen legalen Verkauf in Abrede stellte, blieben allerdings unerwähnt.

    Warum, erläutert Hans-Christoph von Mosch in einer Stellungnahme für das Handelsblatt: Von den „ungeklärten Umständen“ könne „nicht auf einen unrechtmäßigen Vorgang geschlossen werden“. Dies bedeute lediglich, dass „betreffende Unterlagen derzeit nicht mehr auffindbar“ oder abhanden gekommen wären. Ferner seien Verkäufe oder Tauschgeschäfte von Museen nicht „unüblich und auch vollkommen rechtmäßig“. Solche Geschäfte würden halt „nicht immer in erforderlichem Maße dokumentiert“ oder „die betreffenden Unterlagen gingen verloren“.

    Dokumentierte Geschäfte

    Das Unterlagen verloren gegangen sein sollen, bestreitet das Wiener Museum vehement. Denn sämtliche Verkäufe unterlagen schon damals der Genehmigungspflicht des Ministeriums, seien aktenkundig und archiviert.

    Die Kanopen wurden nie auf legalem Wege verkauft. Interne Ermittlungen belegen das mittlerweile. Denn tatsächlich handelt es sich um einen historischen Kriminalfall, auf den man im Zuge einer Generalinventur von 1952 bis 1967 stieß.

    Der damalige Sammlungsleiter Egon Komorzynski hatte festgestellt, dass gut 2500 Objekte aus der Ägyptisch-Orientalischen Sammlung nicht mehr auffindbar waren. Der Großteil war illegalen Verkäufen seines Vorgängers geschuldet. Seine widerrechtlichen Geschäfte hatte Demel in Privataufzeichnungen dokumentiert. Auch die Namen seiner Partner: etwa Rudolf Raue, ein NSDAP-Mitglied, das in Arisierungen von Kunsthandlungen involviert und ab 1944 im Auktionshaus Dorotheum als Experte tätig war.

    Das Ministerium reagiert nicht

    Da Demel die Verkaufserlöse nie an den Staat abführte, wirtschaftete er sich laufend in die eigene Tasche. Für die vier Kanopen kassierte er 750 Schilling – das war um 1950 ein durchschnittliches Monatsgehalt in Österreich.

    Einen Hinweis auf den Verbleib des Sets bekam Komorzynski 1955 bei einer Tagung in Hamburg. Dort war ihm zu Ohren gekommen, dass ein gewisser Oxan Aslanian „einen kompletten Kanopensatz aus dem Besitz des österreichischen Kaiserhauses“ für „25.000 D-Mark“ zum Verkauf anbot. Zurück in Wien, überprüfte er Demels Aufzeichnungen, der Verdacht bestätigte sich. Er hatte sie „vermutlich an Raue, vielleicht auch an Aslanian“ verkauft. Die beiden waren ebenfalls Geschäftspartner und Aslanian weilte öfter in Wien. Der hauseigenen Überlieferung nach deponierte er seine Koffer bisweilen im KHM.

    Egon Komorzynski fragte wegen seiner bestürzenden Erkenntnisse im Ministerium nach: „Ob man versuchen sollte, allenfalls unter Hinzuziehung der Polizei und der Interpol“, die Objekte als „gestohlen zurückzufordern“. Eine Reaktion des Ministeriums blieb indessen aus.

    Appell an die Moral

    1958 wurden die Kanopen für 25.000 DM von der Frankfurter „Münzhandlung E. Button“ an einen Vorfahren des jetzigen Einbringers verkauft, wie Gorny & Mosch bestätigt. Ob es sich damals um einen „gutgläubigen Erwerb“ handelte, harrt der Klärung. Auf Anfrage informiert das Nachfolgeunternehmen, dass man die Kanopen nie versteigert hätte: „Wenn überhaupt“, dann wären sie „über den Tisch gehandelt“ worden, das Kerngeschäft seien ja Münzen gewesen.

    Gorny & Mosch sieht keine rechtlichen Bedenken. Auch nach den damals geltenden Gesetzen, hätte der Vorfahre des Einlieferers infolge Ersitzung spätestens 1968 Eigentum erworben. Rechtlich mag es keine Handhabe geben, eine Rückgabe zu erwirken. Der International Council of Museums Österreich, fordert Auktionshaus und Einbringer nun offiziell dazu auf, ihrer moralischen Verpflichtung nachzukommen und das illegal gehandelte Kulturgut an das KHM zurückzugeben.

    Mehr: Neuerscheinung: Beispielhafte Kunst-Verbrechen unter der Lupe

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    1 Kommentar zu "Kunstkriminalität: Die dubiosen Deals des Herrn Demel"

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    • Die Versteigerung sollte dem Auktionshaus zu "heiß" sein und abgeblasen werden, wenn es sichum ein seriöses Unternehmen handelt.

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