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Kunststiftung in München Wie der Umbau Chinas auf die Fotokunst wirkt

Die Alexander Tutsek-Stiftung engagiert sich seit 20 Jahren für Fotografie und Glas-Kunst. Jetzt präsentiert sie junge Fotokunst aus dem Reich der Mitte.
13.08.2020 - 16:34 Uhr Kommentieren
Die Serie porträtiert Jugendliche im abgehängten Norden Chinas. Quelle: Alexander Tutsek-Stiftung
Chen Ronghui „Freezing Land 30“

Die Serie porträtiert Jugendliche im abgehängten Norden Chinas.

(Foto: Alexander Tutsek-Stiftung)

München Die großbürgerliche Jugendstilvilla der Alexander Tutsek-Stiftung in München-Schwabing liegt etwas abseits vom turbulenten Kunstareal rund um die Pinakotheken. Und doch ist ihre Ausstellung „About Us. Junge Fotografie aus China“ derzeit der Geheimtipp unter Kunstfreunden. Die Schau läuft noch bis Ende Januar 2021. Und zeigt, was die politisch und wirtschaftlich immer aggressiver auftretende Großmacht gern verschweigt.

Die Ausstellung transportiert das Unwohlsein der heute 30- bis 40-Jährigen an einer Kultur zwischen spätkommunistischer Restriktion und turbokapitalistischer Wirtschaft – ohne die Partei zu erzürnen. Die experimentellen, dokumentarischen und stilistisch individuellen Fotografien sprechen eine subtile Sprache.

Da ist das Foto von Ren Hang von 2012, auf dem ein junger Mann wie eine explosive Kanonenkugel in die Kamera springt. Wie so oft nutzt Ren, früh verstorbener Kultstar der Szene, den nackten Körper als Ausdruck provokativer Selbstbehauptung einer nicht angepassten Generation. Ren ist eine von 14 Stimmen in dieser nachdenklich-kritischen Ausstellung. Die 26-jährige Fotografin Liang Xiu thematisiert in ihrer Serie „Fringe of Society“ in grobkörnigen, bewusst hart angeschnittenen Szenen rollenbestimmte Codes von Männern und Frauen.

In der Serie „Freezing Land“ hat Chen Ronghui 2016 bis 2018 Jugendliche in der mittlerweile abgehängten Industrie-Landschaft Nordchinas begleitet. Aus dem Bilderbogen zwischen rostigen Fabriken, Buntheit und Einsamkeit sticht das verlorene Porträt eines Jünglings hervor. Eine langhaarige Frauenperücke und sein Bustier deuten ein Coming Out an.

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    Und immer geht es um Fragen der Identität. Das Elementare des Daseins suchte Adou bei der in großer Armut lebenden Minderheit der Yi. Adou arbeitet mit überalterten Filmen. Das spröde Material und die weichen Sepiatöne verstärken die Wirkung, ao dass Vergangenes und Heutiges nah beieinanderliegen.

    Die Kulturmanagerin und Kuratorin der nach ihrem Mann benannten Stiftung arbeitet mit dem Kopf, nicht mit dem Bauch. Quelle: Alexander Tutsek-Stiftung/ Foto: Marion Vogel
    Eva-Maria Fahrner-Tutsek

    Die Kulturmanagerin und Kuratorin der nach ihrem Mann benannten Stiftung arbeitet mit dem Kopf, nicht mit dem Bauch.

    (Foto: Alexander Tutsek-Stiftung/ Foto: Marion Vogel)

    „Aber wir sind kein Museum“, merkt Eva-Maria Fahrner-Tutsek im Gespräch mit dem Handelsblatt an. Die Alexander Tutsek-Stiftung fördert Kultur auf vielfältige Weise. Im Moment ist sie mit einer Summe von jährlich einer halben Million Euro Hauptsponsor vom Haus der Kunst in München. Dessen aktuelles Motto „Stretch your view“ passt auch auf die Mäzenin.

    Den Blick zu erweitern im gesellschaftlichen Sinn – das war im Jahr 2000 für sie und ihren Mann Alexander Tutsek Motivation zur Stiftungsgründung. Das Statement der heute 67-Jährigen ist deutlich: „Es gehört zu den Aufgaben einer Stiftung, sich nicht nur auf bewährten Pfaden zu bewegen, sondern auch auf neuem, möglicherweise ungewöhnlichem Terrain.“

    Unterstützung für Glasfachschulen

    Interessant ist das Finanzierungsmodell. Die Stiftung ist Gesellschafterin der Holding Refra-Technik. Das Unternehmen für feuerfeste Werkstoffe wurde seit den 1960er-Jahren von Alexander Tutsek zu einem Weltmarktführer mit Tochterfirmen in Kanada, Asien und Afrika ausgebaut. Als der Manager 2011 verstarb, war in der Presse von einem Jahresumsatz von 400 Millionen Euro die Rede. Vor diesem Hintergrund erklärt sich auch das gleichzeitige das Engagement der Stiftung für Wissenschaft.

    Derzeit vergibt die Stiftung Doktoranden-Stipendien an der Bergakademie Freiberg, unterstützt angehende Ingenieure an der TU München und finanziert technische Ausrüstungen für die Forschung. „Eine Idee der Förderung wird immer aus einem Defizit geboren“, sagt die Stiftungsvorsitzende. So sah das Ehepaar um 2000 die Grundlagenforschung im Fachgebiet Keramik, Steine und Glas vernachlässigt. Und mit technischen Ausrüstungen und Workshop-Stipendien unterstützt die Stiftung Deutschlands künstlerisch ausgerichtete Glasfachschulen und die Glasklassen der Akademien.

    Bewusst grobkörnig und hart angeschnittene Szenen zum Selbstverständnis von Frauen und Männern. Quelle: Sammlung A. Tutsek-Stiftung/ Three shadow + 3 gallery
    Liang Xiu „Fringe of Society, Male Roles, Female Roles“

    Bewusst grobkörnig und hart angeschnittene Szenen zum Selbstverständnis von Frauen und Männern.

    (Foto: Sammlung A. Tutsek-Stiftung/ Three shadow + 3 gallery)

    Die zeitgenössische Fotografie fördert Frau Fahrner-Tutsek nachhaltig. Als 2018 der Pinakothek der Moderne einer der letzten kompletten Sätze von Nicholas Nixons berühmter Langzeit-Studie über das Älterwerden, „The Brown Sisters“, angeboten wurde, hat die Tutsek-Stiftung den Ankauf komplett finanziert. Und als im Haus der Kunst darüber nachgedacht wurde, in der umfangreichen Werkschau „Thomas Struth: Figure Ground“ das soziale Interesse des bedeutenden Fotografen zu beleuchten, hat sie den gesamten Ausstellungsetat gestellt.

    Eva-Maria Fahrner-Tutsek ist keine Frau blumiger Worte. Sie sieht sich zugleich als Managerin und Kuratorin. In den Anfangsjahren hat sich die Stiftung mit „Studioglas“-Ausstellungen einen Namen gemacht. Zur Sammlung gehören Werke so bedeutender Glaskünstler wie Erwin Eisch, Ann Wolff, Dale Chihuly und Jens Gussek.

    Mittlerweile spielt die Fotografie eine gewichtige Rolle im Ausstellungsprogramm. An der Kunst interessiert die promovierte Psychologin die Möglichkeit, gesellschaftliche Phänomene sichtbar zu machen. „Ich arbeite mit dem Kopf und nicht mit dem Bauch“, sagt sie. Das prägt die Ankaufspolitik. „Es geht immer um relevante Zusammenhänge, die man in einer Ausstellung transportieren kann.“

    Vordergründig sind ihre Themen nie. Unter dem Titel „Primäre Gesten“ kombinierte sie unlängst Robert Rauschenbergs China-Fotoserie „Studies for Chinese Summerhall“ aus den achtziger Jahren mit Installationen von Terry Winters, Mona Hatoum und Jana Sterbak. Für die Stiftung arbeiteten sie alle erstmals mit Glas.

    Mäzenin mit Ambition

    Nach dem fremden Blick auf das Reich der Mitte nun die Innenperspektive: „Ich habe mich schon sehr früh gefragt, wie ein Land so schnell von einer gesellschaftlichen Situation in die andere, von traditionellen Lebensumständen in eine Welt der rasant wachsenden Metropolen wechseln kann und wie sich das auf die Menschen auswirkt“, erläutert Fahrner-Tutsek. Die Antwort darauf lieferten ihr die Fotografen, die von der ShanghARTGallery in Shanghai und der Blindspot Gallery in Hongkong vertreten werden. Oder von der Three Shadow +3 Gallery, einem Hot Spot der Fotoszene in China.

    Viele Sammler verstehen unter Mäzenatentum hauptsächlich den Erwerb von Kunst für sich oder die Öffentlichkeit. Eva-Maria Fahrner-Tutseks Ambitionen gehen darüber hinaus: „Ich möchte gesellschaftlich etwas bewirken.“

    Mehr: Hongkong: “Wir leben alle mit der Angst“

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