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Ludwig van Beethoven Wie Bonn jetzt mit Mythen über den Komponisten aufräumt

2020 wäre der Komponist 250 Jahre alt geworden. Beethovens Geburtsstadt Bonn macht jetzt mit Ausstellungen und Konzerten auf sich aufmerksam.
09.01.2020 - 20:50 Uhr Kommentieren
Der Künstler inszeniert den Komponisten 1819 als weltabgewandtes Genie (Ausschnitt). Quelle: Beethoven-Haus Bonn
Joseph Karl Stieler: „Beethoven mit der Missa solemnis“

Der Künstler inszeniert den Komponisten 1819 als weltabgewandtes Genie (Ausschnitt).

(Foto: Beethoven-Haus Bonn)

Bonn Das berühmteste Porträt des Komponisten von Joseph Karl Stieler zeigt Beethoven in Geniepose mit nach oben gerichtetem Blick, einem Stift in der rechten und dem Manuskript der „Missa solemnis“ in der linken Hand. Die wilde Frisur und der leuchtend rote Schal verstärken den Eindruck eines romantischen, weltabgewandten Genius.

Beethoven selbst schätzte das Bild und seine Botschaft. Sie traf den Nerv der Zeit, die Darstellung machte Karriere. Es erschienen zahlreiche Reproduktionen, und bereits 1837 – zehn Jahre nach Beethovens Tod – prangte das Stieler-Porträt auf einem Becher.

Überspitzt könnte man sagen: Es war das, was wir heute Merchandising nennen. Julia Ronge, eine der Kuratorinnen der Ausstellung „Beethoven – Welt.Bürger.Musik“ in der Bonner Bundeskunsthalle kann das bestätigen: „Beethoven war schon zu Lebzeiten ein Popstar, und das war ihm sehr recht!“

Das ikonische Stieler-Porträt hängt nun in der imposanten Schau als Leihgabe des Beethoven-Hauses in der Bonngasse, das zum Jubiläumsjahr selbst auch mit einem Relaunch aufwartet und im Geburtshaus eine authentische Atmosphäre und allerfeinste Museumstechnik bietet.

In seinem 250. Geburtsjahr ist der Komponist allgegenwärtig, und er ist der erfolgreichste musikalische Klassik-Exportartikel aus Deutschland. Jeder kennt „Ta-ta-ta-taaaa!“, die Eröffnungstakte seiner fünften Sinfonie und den Schlusschor „Freude, schöner Götterfunken“ aus der „Neunten“, der schon vor 50 Jahren als „Song of Joy“ vom seichten Pop erobert wurde. Und natürlich „Für Elise“, Aufzugs- und Spieluhrmusik und Quälstück für Klavierschüler.

Der Siebdruck aus einer Auflage von 60 Exemplaren übersetzt die romantische, von Joseph Karl Stieler gemalte Vorlage in Pop Art. Quelle: Lempertz
Andy Warhol: „Beethoven“

Der Siebdruck aus einer Auflage von 60 Exemplaren übersetzt die romantische, von Joseph Karl Stieler gemalte Vorlage in Pop Art.

(Foto: Lempertz)

Beethoven scheint eigentlich keine Wiederbelebung zu benötigen. Denn es kann nicht darum gehen, sein Werk bekanntzumachen. Wohl aber darum, einige seiner Mythen zu hinterfragen. Und da gibt es einige Widersprüche. Beethoven ist populär, seine Sinfonien und Klavierwerke sind Dauerbrenner in den Spielplänen der Philharmonien, zum Jahreswechsel gehört die „Neunte“ zu den Ritualen, in Japan ist sie Kult und wird dort mit Riesenchören zelebriert. Dagegen fordert seine Kammermusik analytisch geschulte Spezialistenohren und ist alles andere als massentauglich.

Beethovens Werk ist ein Wechselspiel zwischen Ohrwürmern, populistischem Kriegsgerassel und verstiegenen Spätwerken, deren Partituren kaum lesbar sind und mit aberwitzigen Tempo-Angaben und spieltechnischen Forderungen die Ausführenden überfordern. Sie betreffen auch seine Rezeption, was gerade an der „Neunten“ exemplarisch zu zeigen ist: Während sie heute bei Staatsakten erklingt und zur „Europa-Hymne“ wurde, instrumentalisierte Joseph Goebbels sie mitten im Zweiten Weltkrieg anlässlich von Hitlers Geburtstag als „heroischste Titanenmusik“.

Es lohnt sich die genaue Betrachtung der Widersprüche, die sich sowohl in seiner Person als auch in seinem Werk finden und zugleich ein Spiegel jener fundamentalen Umbruchzeit von der feudalen zur bürgerlichen Ära sind. Denn Beethovens Widersprüche sind die seiner Zeit und seines Berufsstands, der sich zum ersten Mal als eigenständig und nur sich selbst verpflichtet versteht und zugleich noch auf die Unterstützung von wohlhabenden Gönnern angewiesen ist.

Beethovens Geburtsort: Bonn hat keinen Konzertsaal

Mit einigen der gängigen Beethoven-Mythen will nun seine Geburtsstadt Bonn aufräumen und nimmt den 250. Geburtstag zum Anlass, sich als Zentrum der Klassikwelt zu präsentieren. Und damit auch als breitentauglicher Touristenmagnet.

Zur Realisierung von etwa 300 Projekten mit Tausenden von Veranstaltungen wurde sehr viel Geld in die Hand genommen. Von der Kommune (3,5 Millionen Euro), vom Landkreis Rhein-Sieg (1,5 Millionen), vom Land NRW (zehn Millionen) und vom Bund (15 Millionen), der das Beethoven-Jahr sogar als „nationale Aufgabe“ in die Koalitionsvereinbarung aufgenommen hat.

Unter dem zungenbrechenden Logo „BTHVN2020“ ist das Ergebnis der Anstrengungen in Bonn erschlagend breit im Wortsinn, man will nichts auslassen und erreicht so am Ende hoffentlich nicht einen Beethoven-Overkill. Zu den Peinlichkeiten zählen die Plastik-Ludwig-Multiples, mit denen Konzeptkünstler Ottmar Hörl die Stadt flutete.

Natürlich kommen etliche Klassikstars wie Lang Lang nach Bonn, es gibt Marathonkonzerte, jede Menge Erklärendes, zwei Open-Air-Simultan-Konzerte zwischen Bonn und Wien, ein aufgestocktes Programm für das Beethoven-Fest, Symposien, Lesungen, Wettbewerbe und Uraufführungen. Wie wird die Stadt Bonn wohl diesen Ansturm verdauen, die bis heute den Besucher wenig einladend empfängt?

„Ode an die Freude“ auf einem Glas: Entwurf und Ausführung lagen in den Händen der Werkstätte Gottlob Samuel Mohn. Datieren lässt sich das Trinkgefäß ins Jahr 1811. Quelle: Wien Museum
Wiener Becher mit Notenschrift

„Ode an die Freude“ auf einem Glas: Entwurf und Ausführung lagen in den Händen der Werkstätte Gottlob Samuel Mohn. Datieren lässt sich das Trinkgefäß ins Jahr 1811.

(Foto: Wien Museum)

Der Bahnhof ist seit einer gefühlten Ewigkeit Dauerbaustelle, das Münster geschlossen, ein Lattenzaun verbarrikadiert Teile der historischen Universität. Und die Musikstadt und ihr Beethoven Orchester kränkeln an erschwerten Bedingungen, denn das Orchester ist heimatlos, was den Klangkörper dazu zwingt, die Konzerte im Opernhaus zu spielen.

Das ist der größte Makel der Musikstadt Bonn, dass sie ausgerechnet im Jubeljahr über keinen funktionierenden Konzertsaal verfügt. Denn die Sanierung der Beethovenhalle von 1959 wurde auf die lange Bank geschoben, 2016 viel zu spät begonnen, nach neuesten Katastrophenmeldungen von der Baustelle ist von der Wiedereröffnung 2024 die Rede.

Kultur gegen Sport

Dirk Kaftan, Generalmusikdirektor der Stadt Bonn, wirkt seit 2017 am Rhein, hat es trotz widriger Umstände geschafft, die Auslastungszahlen der Konzerte fast zu verdoppeln, und nimmt es sportlich. Er will „mit starken Inhalten die Hülle vergessen machen“. Der laxe Umgang der Stadt mit dem Thema Konzertsaal lässt vermuten, dass die Identifikation mit Beethoven nicht immer ganz oben auf der Agenda stand. Diese Frage habe er sich auch gestellt, bevor er nach Bonn ging, gibt Kaftan zu und sieht die Gründe in der Historie: „Das Thema von Bonn als Bundeshauptstadt war Politik. Danach kochte ein unschöner Streit hoch, den man zuspitzen könnte auf die Formel Kultur gegen Sport.“

Die Exponate aus dem Beethoven-Haus in Bonn geben einen Einblick in Beethovens Privatleben. Quelle: Beethoven-Haus Bonn
Großes Hörrohr

Die Exponate aus dem Beethoven-Haus in Bonn geben einen Einblick in Beethovens Privatleben.

(Foto: Beethoven-Haus Bonn)

Rechtzeitig fertig geworden und wirklich mustergültig gelungen ist die Sanierung von Beethovens Geburtshaus, das allein schon eine Reise nach Bonn wert ist mit seinen kostbar-kuriosen Objekten vom Spazierstock über den Federkiel bis hin zu Autografen.

Ebenfalls sehr gelungen ist die Ausstellung in der Bundeskunsthalle (bis 26.4.), die wie auch die Neupräsentation im Geburtshaus mit dem Mythos des einsamen und weltabgewandten Revolutionärs aufräumt. In beiden Häusern wird dokumentiert, wie gut Beethoven als Mensch und Künstler vernetzt war in Freundeszirkeln, wie groß die Schar seiner Gönner war und wie gesellig sein ritualisierter Tagesablauf mit täglichen Wirtshaus- und Caféhausbesuchen, Theater- und Konzertabenden.

Die Ode im Herzen

Die wahren Höhepunkte der Schau in der Bundeskunsthalle sind von stiller Natur: die Kopistenabschrift der „Eroica“, wüste Durchstreichungen auf Skizzen, die das vulkanische Temperament des Komponisten zeigen, und ein winziger Brief des 24-Jährigen mit den denkwürdigen Zeilen: „Wann wird der Zeitpunkt kommen, wo es nur Menschen geben wird, wir werden wohl diesen glücklichen Zeitpunkt nur in einigen Orten herannahen sehen, da werden wohl Jahrzehnte vorbeigehen…“.

Dieses Schriftstück ist ein schöner Beleg dafür, dass Beethoven schon in jungen Jahren humanistische „Ode an die Freude“-Gedanken in seinem Herzen bewegte. Die führen später im Schlusschor der „Neunten“ zur Utopie einer klassenlosen und die Nationen einenden Gesellschaft mit dem Wunsch: „Alle Menschen werden Brüder.“

Mehr: Uffizien-Chef Eike Schmidt: Lesen Sie hier, wie man in Florenz mit dem Massenandrang umgeht.

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