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Moderne Kunst Warum sich Ernst Barlach für die blockhafte Form entschied

Der Expressionist wurde vor 150 Jahren geboren. Dresden feiert das in einer klugen Ausstellung. Sie lenkt den Blick auf die einzigartigen Holzskulpturen.
29.08.2020 - 14:10 Uhr Kommentieren
Ganz besonders an den Holzbildwerken wird Ernst Barlachs Handschrift ablesbar: Ruhige Form und expressive Gesichter und Gesten. Quelle: SKD, Foto: Oliver Killig
Blick in die Dresdner Ausstellung

Ganz besonders an den Holzbildwerken wird Ernst Barlachs Handschrift ablesbar: Ruhige Form und expressive Gesichter und Gesten.

(Foto: SKD, Foto: Oliver Killig)

Dresden Der Expressionist Ernst Barlach ist einer der populärsten, im Übermaß reproduzierten Bildhauer des 20. Jahrhunderts in Deutschland. Seine im Dritten Reich verfemten Werke sind in Publikationen und Postkarten allzeit parat. Und doch, seine Marktposition ist keineswegs homogen. In Kooperation mit dem Ernst Barlach Haus Hamburg hat das Dresdner Albertinum dem Bildhauer zum 150. Geburtstag eine Retrospektive mit singulären Werken gewidmet.

Es ist die ultimative, den Blick schärfende Barlach-Ausstellung. Singulär, weil neben Zeichnungen vor allem die von Barlach selbst als wichtigste Werkgruppe betrachteten Holzskulpturen Revue passieren. In ihnen verkörpern sich unmittelbar „Handschrift“ und Feinarbeit des Künstlers mehr als in den hundertfach nach dem Todesjahr 1937 gegossenen Bronzen, von denen die wenigsten tatsächlich zum Guss vorgesehen waren.

So sieht man beim Abschreiten dieser 24 ausgewählten Holzbildwerke, wie stark Maserung und Feinarbeit die Ausstrahlung der Plastiken prägen, wie die Präzision der Gesichter und Gewandfalten sich von der rohen Machart der Nachgüsse abhebt. Diese nach Gipsmodellen edierten Kleinplastiken der 1970er-Jahre werden heute über Amazon in ungezählter Menge verbreitet.

Die Replikate berühmter Bildhauerwerke anbietende Firma Ars mundi hat nicht weniger als 20 Barlach-Positionen im Programm. Teurer als Bronzegüsse und Nachgüsse sind stets die unikaten Holzbildwerke.

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    Das Hamburger Ernst Barlach Haus erwarb 2015 aus New Yorker Privatbesitz die kubisch konzipierte „Weinende Frau“, die 2012 bei Christie‘s den Rekordpreis von 938.000 Dollar erzielt hatte und ein Jahr später von der New Yorker Galerie French & Co. auf der Maastrichter Messe für 1,2 Millionen Dollar angeboten wurde.

    Die Skulptur der Weinenden ist eines der Paradestücke der Ausstellung, in dem sich auf bezwingende Weise die Expressivität der Form mit dem inneren Ausdruck der Dargestellten verbindet.

    Die Ausstellung zeichnet mit markanten Werken die Stationen einer Künstlerkarriere nach, die aus traditionellen akademischen Anfängen in Hamburg und Dresden und einem, wie er selbst betonte „merkwürdig unfruchtbaren“ Bohème-Leben in Paris 1906 die „freie Bahn“ für sein künftiges Schaffen erreichte.

    Auf einer Reise durch Südrussland begann Ernst Barlach, sich für Bettler und Bauern zu interessieren. Quelle: SKD, Foto: Oliver Killig
    Unikate Werke

    Auf einer Reise durch Südrussland begann Ernst Barlach, sich für Bettler und Bauern zu interessieren.

    (Foto: SKD, Foto: Oliver Killig)

    Auf einer Reise durch Südrussland findet er in der Begegnung mit Bauern, Arbeitern, Pilgern und Bettlern zur reduzierten Form, die nur noch ein Minimum an naturalistischen Details bietet. Von hier aus entwickelte sich ein strenges, blockhaftes Formbewusstsein, das in den Gewandfiguren nur Gesicht und Hände als expressive Elemente wirken lässt. Nur in den Zeichnungen und der Grafik ist diese Statuarik aufgehoben.

    Barlachs Marktkarriere beginnt 1907 als er mit zwei Bettlerskulpturen in der Berliner Sezession reüssiert und in den Künstlerstamm der Galerie Paul Cassirer aufgenommen wird. Mit Ehrenmalen für Güstrow, Kiel, Magdeburg und Hamburg wird er zum gefeierten und bald befehdeten Bildhauer der Weimarer Republik, der seit 1930 von der Berliner Galerie Flechtheim vertreten wird.

    1937 beschlagnahmen die Nationalsozialisten 381 seiner Werke aus Museen und öffentlichen Räumen. Aber bereits 1945/46 wird er mit Ausstellungen rehabilitiert und prägt auch mit seinen Holzschnitten und Lithografien die Auktionen der Wirtschaftswunder-Ära. Die sind seit einigen Jahren bei meist dreistelligen Preisen deutlich unterbewertet, was auch für die Zeichnungen gilt, die meist unter 5.000 Euro liegen.

    Als 1980 und 1984 zwei Tranchen von Erst-,Neu- und Nachgüssen aus dem Barlach-Nachlass zu Preisen bis 200.000 D-Mark auf den Markt geworfen werden, ist der Höhepunkt einer Inflationierung erreicht. Sie hat dem Nachruhm Barlachs eher geschadet als genutzt. Viele dieser und anderer Spätgüsse gehen in den Auktionen zurück, weil sich der Blick auf das plastische Werk immer mehr sensibilisiert.

    Das ist das wichtigste Anliegen der Dresdner Schau. Sie resümiert die Barlach-Rezeption in beiden deutschen Staaten: hier die sozialistische Identifikationsfigur, dort der auf der Kassler Documenta rehabilitierte verfemte Expressionist, der mit einem Rest von Pathos als deutscher Künstler par excellence gefeiert wurde.

    Die Barlach-Ausstellung im Albertinum in Dresden läuft bis zum bis 10. Januar 2021.

    Mehr: In Krisen sind Klassiker gefragt

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