Nachruf: Rebecca Horn – Meisterin des Maschinenzaubers
Düsseldorf. Rebecca Horn ist eingegangen in die Weltkunstgeschichte seit den 1960er-Jahren, als sie mit Performances auf sich aufmerksam zu machen begann. Sie gilt als eine der eigenwilligsten und innovativsten Künstlerinnen ihrer Generation. Die gebürtige Hessin verstarb am vergangenen Freitag im Alter von 80 Jahren.
1970 schreitet Rebecca Horn mit einem ein Meter hohen Einhorn auf dem Kopf durch ein Feld. Ihre Arbeiten mit Bandagen und Arm-Extensions, Federgewändern und Korsettskulpturen schaffen ein neues Bild von Körperlichkeit. Leitmotive ihrer Kunst sind Eros, Körper, Tod und Trauer.
Bald darauf werfen kleine Motoren in Ausstellungen Farbe rhythmisch an die Wand. Oder bewirken, dass Vogelfedern ein Rad schlagen wie ein Pfau. Objekte und Gedanken kommen da ins Rotieren. Wenn Rebecca Horn Geigen erklingen lässt, dann nicht etwa lieblich, sondern im Kontext von Krankenhausbetten und Zwangsmaßnahmen. Klaviere stürzen sich bei ihr wie Raubvögel vom Himmel.
Einmal ließ die Installationskünstlerin 1930er-Jahre-Koffer durch die Lüfte fliegen, um an den von den Nazis organisierten millionenfachen Mord an Juden zu erinnern. Für das KZ Buchenwald schuf sie 40 Meter lange Aschewände.
Als Zeichnerin verblüffte sie ein anderes Mal Museumsbesucherinnen und -besucher mit riesigen Blättern, auf denen sie liegend mit rhythmischen Armbewegungen ein Geflecht von Farbstiftspuren hinterlassen hatte.
Komplette Ausstellung verkauft
Als Thomas Schulte 1991 seine Galerie in Berlin mit Rebecca Horn eröffnete, konnte er die gesamte Ausstellung an die Hamburger Kunsthalle verkaufen. Für ihn hat Rebecca Horn den Rang einer Hannah Arendt, einer Virginia Woolf. „Rebecca Horn verbindet das Ich mit der Welt und transzendiert es in etwas Poetisches von großer Kraft“, sagt Schulte. Das gehe weit über das Wir-Gefühl und die aktuell gehypte Befindlichkeitskunst von Frauen hinaus.
Während der Berlin Art Week zeigt die Galerie Thomas Schulte vom 11. September bis 2. November 2024 die Ausstellung „Concert of Sighs“. Dieses für die Biennale in Venedig geschaffene Werk verbindet visuelle und akustische Elemente zu einem eindringlichen Bild der Zerstörung.
Emotionale Resonanz beim Publikum
Aus zerbrochenen Steinen, Betonfragmenten und Holzlatten sprießen gebogene Kupferrohre mit Trichtern wie Pflanzen. „Die Installation hebt die Grenzen zwischen verschiedenen künstlerischen Disziplinen auf und erzeugt eine tiefe emotionale Resonanz“, sagt Thomas Schulte.
Im Haus der Kunst in München läuft die Retrospektive zum facettenreichen Werk von Rebecca Horn noch bis 13. Oktober. Thomas Schulte berichtet, dass die Künstlerin sich von den Kuratoren richtig verstanden fühlte und selbst begeistert war von der Ausstellung.
Rebecca Horn war vielseitig begabt. Sie verfasste auch literarische Texte und Drehbücher, in Filmen und Opern führte sie Regie. Ihren Nachlass hat sie in die Stiftung Moontower Foundation überführt. Dessen Hauptaufgabe ist die Förderung junger Künstlerinnen und Künstler. So gibt sie den Staffelstab weiter an Jüngere.