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Retrospektive auf Schloss Gottorf Der wilde Maler und das Meer

Rainer Fetting ist bekannt für seine heftig hingefetzten Bilder vom Berliner Nachtleben. Jetzt bannt der Künstler die Wucht der Nordsee auf die Leinwand.
09.07.2020 - 15:29 Uhr Kommentieren
Der Maler in seinem Atelier auf Sylt. Quelle: Schleswig-Holsteinische Landesmuseen
Rainer Fetting

Der Maler in seinem Atelier auf Sylt.

(Foto: Schleswig-Holsteinische Landesmuseen)

Schloss Gottorf Berlin, New York – das sind Orte, die man mit dem Maler Rainer Fetting verbindet. Mit seinen Bildern vom schnellen Leben im West-Berlin der 1970er- und 1980er-Jahre zwischen Clubs, Schwulenszene und Mauer, und ebenso von Jazz, Punk und gelben Taxis aus New York. Aber Sylt? Rainer Fetting als Meister der Landschaftsmalerei? Von Nordseebrandung, Dünen und ballspielenden jungen Männern am Strand?

Die Retrospektive „Here are the Lemons“, die jetzt auf Schloss Gottorf in Schleswig und im kommenden Winter im Dortmunder U zu sehen ist, dürfte das Bild dieses Malers bei vielen Besuchern justieren. Runde 70 wurde Rainer Fetting im vergangenen Jahr, seine künstlerische Laufbahn erstreckt sich inzwischen über ein halbes Jahrhundert. Und doch reduziert sich die Wahrnehmung dieses Künstlers noch allzu häufig auf die Schlagwörter „Neue Wilde“ oder „heftige Malerei“.

Das norddeutsche Schleswig ist gut geeignet, um diese Wahrnehmung zumindest zu erweitern. Seit Jahrzehnten hat Rainer Fetting neben seinem Berliner Atelier einen Rückzugsort auf Sylt. In der dortigen Abgeschiedenheit hat sich das Werk von Fetting gewandelt, ohne an kreativer Unruhe und malerischer Kraft zu verlieren. Schloss Gottorf, das Landesmuseum Schleswig-Holsteins, hat viele Arbeiten von Rainer Fetting als Dauerleihgabe erhalten und stellt diese Werke jetzt stolz in den Mittelpunkt seiner Ausstellung.

Kraftvolle, raumgreifende Werke aus den letzten Jahren gehören dazu, die häufig die Grenzen der einzelnen Leinwand sprengen und durch Anbau von weiteren kleineren Tafeln die Wände hinaufwuchern. Wie bei den „Tripoden“ (2019), einer Darstellung jener Betonklötze, mit denen der weitere Abbruch der fragilen, auf Sand gebauten Nordseeinsel verhindert werden soll. Aufgehäuft liegen sie am Strand, vier Leinwände braucht Fetting, um den Betonberg einzufangen – ein Monument des menschlichen Kampfes gegen die Natur, ebenso imposant wie vergeblich.

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    Eine andere Flucht von kleiner werdenden, neben- und übereinander gehängten Leinwänden verfolgt einen „Dünensteg“ (2017). Diese Darstellung, wäre sie auf nur eine Leinwand reduziert, würde längst nicht eine solche, an eine Himmelsleiter erinnernde Wirkung erzeugen.

    Das Modell für die Statue „Willy Brandt“ aus dem Jahr 1996 verwandelt den Politiker in eine schillernde Figur. Quelle: Rainer Fetting, Schleswig-Holsteinische Landesmuseen
    Rainer Fetting

    Das Modell für die Statue „Willy Brandt“ aus dem Jahr 1996 verwandelt den Politiker in eine schillernde Figur.

    (Foto: Rainer Fetting, Schleswig-Holsteinische Landesmuseen)

    Die Maltechnik ist vielseitig und immer beeindruckend. Häufig kontrastiert Fetting einen flächigen, stark verdünnten Farbauftrag mit pastosen, schmierig-dicken Partien – etwa bei der „Promenade am Meer“ (2011), einem tosenden Meeresbild in vielfältigsten Grüntönen. Die rauschende Brandung vor Westerland erscheint wie eine Momentaufnahme, schnell gemalt, fast skizziert, und doch variantenreich in der Maltechnik.

    Wie es sich für eine Retrospektive gehört, sind in der lichten Reithalle von Schloss Gottorf alle Phasen des vielschichtigen Werks vertreten. Frühe Arbeiten auf Papier des 1949 in Wilhelmshaven geborenen und dort aufgewachsenen Künstlers zeigen die Begabung und die Fähigkeit, Motive aufs Wesentliche zu reduzieren.

    Der Mann als Objekt des Begehrens

    Ende der 1970er-Jahre rücken die Großstädte ins Blickfeld. Fetting nimmt ein Studium an der Hochschule der Künste in Berlin auf. Schnelle, gestische Bilder aus der Mauerstadt entstehen. Fetting stellt sich selbst wahlweise als Künstler im Stil der Expressionisten mit gelbem Hut (1982) oder als Van Gogh (1980) dar. Das sind Imitationen und Identifikationen, aber keine Bilder einer schmerzhaften Identitätssuche.

    Im Gegenteil: Selbstbewusst sind die schnellen Bilder der nächtlichen Stadt, der Hochbahn und der Mauer, selbstbewusst auch die Verweise auf seine Homosexualität. In Berlin und später in New York arbeitet Fetting an einem neuen Bild des Mannes in der Malerei. Hier ist der Mann das Objekt des Begehrens. Die Schleswiger Ausstellung rückt die Porträts des schwarzen Tänzers Desmond Cadogan in den Mittelpunkt, mit dem Fetting seit Jahrzehnten befreundet ist und den er vielfach gemalt und auch als Bronzeskulptur widergegeben hat.

    Willy Brandt in Bronze

    Tatsächlich war eine Darstellung von Desmond in einer Badewanne die allererste Bronzeskulptur von Rainer Fetting („Man in Bathtub“, 1986). Und in diesem Genre sollte Fetting später ganz besonders Aufmerksamkeit erregen.

    Fettings Großplastik von Willy Brandt, die 1996, drei Jahre nach dessen Tod, für den Neubau der SPD-Parteizentrale in Berlin entstand, ist ein optisches Leitmotiv in TV-Nachrichtensendungen. Kaum ein Pressestatement der Sozialdemokraten verzichtet auf diesen Hintergrund: jene lässige und doch würdevolle Darstellung des großen Politikers und Parteichefs, die eine Hand in der Hosentasche, mit der anderen eine erklärende, nach vorne weisende Geste machend.

    Die Schleswiger Ausstellung räumt Vorstudien und Skizzen zur Brandt-Skulptur breiten Raum ein. Daneben sind Studien und verschiedene Versionen einer 2006 entstandenen Helmut-Schmidt-Skulptur zu sehen, eine Büste des Altbundeskanzlers, Zigarette rauchend. Anders als beim Brandt-Auftrag konnte Fetting den zu Porträtierenden diesmal persönlich studieren, und doch erscheint der Zugriff diesmal nicht ganz so gelungen.

    Der Markt sucht auch das Beschauliche

    Zusammen mit seinen Berliner Malerkollegen und -freunden Salomé, Helmut Middendorf und Bernd Zimmer galt Fetting seit den frühen 1980ern als „Moritzboy“ – als Darsteller greller, lauter, heftiger Großstadtwelten.

    Auf dem Kunstmarkt sind Mauerbilder wie beispielsweise „Durchgang Südstern“ gefragt. Dieses Landschaftsbild aus Berlin konnte Lempertz für 48.980 Euro versteigern. Ketterer erzielte für das Großstadtbild „Taxis“ 63.750 Euro und für ein Iris-Stillleben sogar 82.500 Euro.
    Der Künstler und der Markt suchen eben auch das Beschaulich-Meditative. Das Werk von Rainer Fetting hat viele neue Nuancen hinzugewonnen. Ein Reichtum, der jetzt zu bewundern ist.

    „Here are the Lemons“ läuft bis 18. Oktober 2020 im Schloss Gottorf, Schleswig, anschließend vom 13. Dezember 2020 bis 14. März 2021 im Dortmunder U, Zentrum für Kunst und Kreativität, Dortmund. Der Katalog im Michael Imhof Verlag kostet 29,90 Euro.

    Mehr: Galerierundgang: Welche Kunst Berliner und Teilzeit-Berliner gerne kaufen

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