Sammlungssicherheit: Wie aus einer Landeszentralbank ein Kunstlager wurde
Meiningen. „Die Lager sind voll.“ In dem Satz schwingen viele Anspielungen mit. Gesagt hat ihn kürzlich auf einer Tagung von Kunsthändlern, Sammlern und Galeristen der Berliner Rechtsanwalt Peter Raue, ein allseits hochgeschätzter Hans Dampf in allen Gassen der Künste und des Kunstrechts, der nur äußerst selten um eine pointierte Formulierung verlegen ist. Raue meinte damit allerdings, wohl wissend, wie so ein Satz hierzulande wirkt, die deutschen Kunstlager. Sämtliche Assoziationen schienen ihm trotzdem höchst willkommen, denn es war eine seiner vielen Volten gegen das von Monika Grütters auf den Weg gebrachte Kulturgutschutzgesetz.
„Die Lager sind voll“, so Raue, weil die Branche ihre hochwertige Kunst vor dem Grütters’schen Gesetz schützen will. Und bevor sie ihre Kunstwerke nicht mehr ins Ausland verkaufen kann, weil diese als deutsches Kulturgut gelten, so die Logik dieser Argumentation, rettet sie ihre möglicherweise national bedeutenden Bilder, Skulpturen und Zeichnungen ins sichere Kunstlager. Genauer in ein Zollfreilager, in exterritoriales Gebiet, auf das auch eine Kulturstaatsministerin keinen Zugriff hat.
Zollfreilager in der Kritik
Aus so einem Zollfreilager darf in alle Welt gehandelt werden, können Werke auf Messen gezeigt werden, ohne schon verzollt worden zu sein. Das erfolgt erst mit dem tatsächlichen Verkauf. Ein finanziell handfester und notwendiger Vorteil aus Händlersicht. Viel ist über Zollfreilager jüngst lamentiert worden. Wird der IS damit finanziert? Horten hier Verbrecher ihr Diebesgut? Wird am Staat vorbei gehandelt und Geld gewaschen? So jagten legendenbildende Fragen durch die Feuilletons, als dubiose Vorfälle in Schweizer Zollfreilagern den Aufbau eines willkommen wirkenden Feindbildes nährten.
Unaufgeregter betrachtet sind Kunstlager eine Notwendigkeit, vor allem für Sammler und Händler, die nicht eigene teure Lagerkapazitäten schaffen können. Der Aufwand an Sicherheitsmaßnahmen verschlingt Gelder, die besser in Kunst investiert wären. Kunstlager und Zollfreilager sind also nicht per se fragwürdig, sondern vor allem die Art, wie manch dubiose Gestalt damit umgeht, macht ihr schlechtes Image aus.
Außen im Stil des Neoklassizismus, innen mit ausgefeilter Logistik für Bilder, Skulpturen, Teppiche und Wein.
Foto: ZentralDepot; Doshe; Andreas GehrkeUnd wenn es stimmen sollte, was Peter Raue gesagt hat, dass nämlich die Kunstlager übervoll seien, dann naht jetzt rettende Abhilfe. Sie kommt aus dem fränkisch geprägten Thüringer Süden, aus dem Städtchen Meiningen. Hier plante, als es noch hieß, der Osten Deutschlands würde eine blühende Landschaft, die Bundesbank eine Dependance. Die Landeszentralbank für Sachsen und Thüringen ließ sie für 20,5 Millionen Euro von dem international renommierten ehedem in Thüringen geborenen Architekten Hans Kollhoff und seinem Berliner Büro entwerfen und ausführen.
Maßgeblich am Bau beteiligt waren der Architekt Nicolas Perren und der Ingenieur Ulrich Schulte. Im Jahr 2000 war der Geldspeicher fertiggestellt, 2012 wurde er bereits wieder aufgegeben. Die Bundesbank verpasste sich in genau dieser Zeit eine Strukturreform und reduzierte danach ihre Filialen. Die neue in Meiningen wurde geschlossen, verkaufen ließ sie sich nicht. Zumindest vorerst nicht. Wer braucht schon eine insgesamt 4.500 Quadratmeter große Festungsanlage in der Manier eines Medici-Bankhauses der Renaissance am Fuße des Thüringer Waldes. Kollhoff sagt über die Wirkung seines Entwurfs: „Der massive, fast wehrhafte Charakter der Fassade der Bank vermittelt das Bild einer soliden, konservativen Institution, die die Geldpolitik des Landes vertritt.“ Solide langfristigen Planungen im Bereich der Zweigstellen kann man der Bundesbank hiermit allerdings nicht attestieren.
Zwischennutzung als Schießstand
Das Gebäude mit seinen zwei Meter dicken Betonwänden im Erdgeschoss blieb also leer. Im ersten Untergeschoss gab es zum Training des Sicherheitspersonals der Bank einen gut ausgestatteten Schießstand. Ihm ist es zu verdanken, dass zumindest an drei Tagen in der Woche Lüftung, Heizung und technische Infrastruktur wie Fahrstühle und Sicherheitsanlage instand gehalten wurden. An diesen Tagen nutzten der Zoll und die Polizei die Schießanlage.
Das ging bis 2017, als seine Erbauer Perren und Schulte sich entschlossen, das so herrschaftliche, aber schlummernde Gebäude wieder wach zu küssen. Mit einer Geschäftsidee, die bestens in die Zeit passt. Sie erwarben den neoklassizistischen Bau mit seiner an eine Gruft gemahnenden Entree-Situation, mit seinen großzügigen Büroräumen und mit dem großen unterirdischen Tresor. Das Ziel war die Umwidmung zu einem auf 18 Grad klimatisierten Hochsicherheitstrakt für Kunst: zu dem Kunstlager ZentralDepot mit Platz für bis zu 1.000 großformatige Objekte in Sammeldepots und etlichen weiteren separaten Klimaräumen für die Lagerung von Kunstwerken oder auch kostbaren Weinen. Sogar einen Quarantäneraum gibt es, falls ein Kunde Teppiche, Gewebe oder Holzobjekte einlagern möchte. Nach einigen Monaten in dem ebenfalls bestens gesicherten Quarantäneraum können die Werke zu den anderen Objekten des Lagers migrieren.
Ein Käfig voller Kunst.
Foto: ZentralDepotUnd wer ungestört seine Werke betrachten oder anderen zeigen möchte, der hat auch dafür genügend Platz. In 55 Einzelräumen des Palazzo, dessen Fenster im Untergeschoss mit arabisch anmutenden Ornamenten schützend verkleidet sind, gibt es genügend Möglichkeiten. Alles in bester Ausführungsqualität.
Auf Bundesbank-Niveau ist auch das Sicherheitskonzept. „Wir bieten unseren Kunden auf einer Nutzfläche von circa 4.500 Quadratmetern größtmögliche Sicherheitsstandards, haben die wichtige GRASP-Zertifizierung und stellen mit unserem Netzwerk an Partnerfirmen von der Abholung über die digitale Dokumentation und Restaurierung bis zur kunsthistorischen Erforschung einen Rundumservice zur Verfügung“, fasst Nicolas Perren das Angebot in Meiningen zusammen.
Als Schulte und Perren das Bankgebäude Anfang 2017 mit zugehörigem kleinem Wohnhaus erwarben, blieben sie nach eigenen Aussagen unter dem geforderten Preis von 3,3 Millionen Euro. Mit ihrer Firma ZentralDepot begannen sie, der Architektur Leben einzuhauchen. Die ersten Sammlungen füllen bereits die Sicherheitsräume, und nicht nur Sammler und Händler, sondern auch Museen zählen zu ihren Mietern.
Eine kleinere Fläche des Lagers haben sie beim Zoll bereits zur Nutzung als Freilager beantragt. Damit dürfte ihr Angebot noch attraktiver werden. Zum Nutzungskonzept befragt, gibt Schulte einen kleinen Ausblick: „Aus dem Depot heraus könnten wir uns Auktionen vorstellen. Außerdem planen wir bereits die ersten kleineren Ausstellungen im Showroom des Hauses, gespeist aus den eingelagerten Werken, unsere Kunden haben daran deutlich ihr Interesse bekundet.“ Service wird großgeschrieben. So soll es ein Kunsttaxi geben, mit regelmäßigen Touren durch Deutschland, um Kundenwerke kostengünstig in das Kunstlager zu transportieren oder zurückzubringen.
Aber wodurch wollen Perren und Schulte garantieren, dass ihr ZentralDepot auf der seriösen Seite der Kunstwelt bleibt und nicht von dubiosen Händlern unterwandert wird? Dazu sagt der Schweizer Perren: „Uns ist wichtig, dass wir alle unsere Kunden auch persönlich kennen. Da haben wir immer die Chance, auch mal ‚Nein‘ zu sagen. Diskretion ist uns sehr wichtig, aber eben keine Heimlichtuerei. Und auch das zukünftige Zollfreilager kann kaum transparenter sein, denn der Zoll hat jederzeit Zugriff auf die Inventarlisten, und damit ist das Freilager überwachter als jeder andere Bereich.“
Gelingt das Projekt, könnte Deutschland als Hort für Kunst wieder attraktiver werden. Und Grütters könnte zur unfreiwilligen Verbündeten werden. Wo das Kulturgutschutzgesetz nicht nur Pflichten erzeugt, gewährt es auch Rechte, nämlich die finanzielle Förderung von deutschem Kulturgut in Privatbesitz. Möglicherweise einschließlich der Pflicht, die Werke öffentlich zu zeigen. In Meiningen ginge das.