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Walker EvansMeister des dokumentarischen Blicks

Walker Evans hatte ein Auge für die Lebensumstände von Menschen. Das spiegelt derzeit in Berlin eine Ausstellung mit 200 Motiven aus dem Werk des amerikanischen Fotografen wieder.Johannes Wendland 27.08.2014 - 13:26 Uhr Artikel anhören

Walker Evans, „Girl in French Quarter. New Orleans, Februar - März 1935”, 117 x 178 mm, gestempelt „Lunn Gallery (1975)”.

Quelle: Walker Evans Archive, The Metropolitan Museum of Art

Foto: PR

Berlin. Was tun, wenn man um 1930 als professioneller Fotograf die Studiofotografie mit ihren Posen und Konventionen hasst? Wenn man stattdessen viel lieber den puren Alltag einfangen möchte, unverstellt, rau, authentisch? Der US-Fotograf Walker Evans, dem im Martin Gropius-Bau  (www.gropiusbau.de) in Berlin gerade eine Werkschau gewidmet ist, hat seine Abneigung gegen die inszenierte Fotografie im Atelier wiederholt zu Protokoll gegeben. Um dem damaligen Dogma zu entkommen, entwickelte er im Zuge seiner 50 Jahre umfassenden Laufbahn immer neue Strategien.

Eine ging so: Er setzte sich in die New Yorker U-Bahn, versteckte seine 35-Millimeter-Kamera unter dem Mantel und ließ das Objektiv unauffällig zwischen den Mantelknöpfen hervorschauen. Im Ärmel hielt er einen Drahtauslöser, den er auf Verdacht bediente, wenn ein geeignetes Fotoobjekt auf der Bank gegenüber Platz genommen hatte.

So entstand Ende der 1930er-Jahre nach und nach und mit viel Geduld die Serie „Subway-Portraits“. Es sind Bilder von Menschen aller sozialer Schichten und Bevölkerungsgruppen, die zumeist gedankenverloren vor sich hin blicken. Frei von der leisesten Ahnung, fotografiert zu werden. Frei von jeglicher Pose.

Walker Evans, „Facade of House with Large Numbers. Denver, Colorado, August 1967”, Collection of Clark and Joan Worswick.

Foto: PR

Einige dieser „Subway“-Aufnahmen zählen zu den Höhepunkten der Einzelausstellung, die nach Berlin auch in Köln, Amsterdam und Linz zu sehen sein wird. Organisiert wurde die Schau mit rund 200 Silbergelatineabzügen von der Photographischen Sammlung der SK Stiftung Kultur, einer Stiftung der Stadtsparkasse Köln. Die Exponate entstammen überwiegend aus der Sammlung der Fotografen und Dokumentarfilmer Joan und Clark Worswick aus Kalifornien und decken alle Werkphasen von 1928 bis 1973 ab.

Chronist der Depression

In die Geschichte der Fotografie ist Evans vor allem als Chronist der Depressionsjahre nach der Weltwirtschaftskrise von 1929 eingegangen. Diese Bilder aus dieser Zeit dürfen wohl in keiner Schau fehlen. Sie sind unter anderem im Auftrag der US-Behörde Farm Security Administration (FSA) entstanden und sollten die grassierende Armut und die erbärmlichen Lebensbedingungen im Süden der USA dokumentieren. Die Bilder rüttelten ganz Amerika auf.  Evans fotografierte Arbeitslose im French Quarter in New Orleans.

Er richtete seinen sachlichen, aber niemals unterkühlten Blick auf  Kinder, die unter elenden Umständen aufwuchsen. Und er hielt mit der Kamera die armseligen Wohnhäuser fest, die an den Rändern der Städte aus dem Boden gestampft wurden. Aus dem Material, das er 1936 in den Siedlungen der Baumwoll-Pächter in Alabama sammelte, publizierte er 1941 gemeinsam mit dem Schriftsteller James Agee den Band „Preisen will ich die großen Männer“. Er gilt bis heute als eines der einflussreichsten dokumentarischen Bücher des 20. Jahrhunderts.

Walter Evans, „Two Women. Frenchquarter, New Orleans, Februar – März 1935”, 155x219mm, gestempelt „Lunn Gallery (1975)”.

Foto: PR

Doch neben diesen sozialkritischen, dokumentarischen Aufnahmen hat Evans über die Jahre zahlreiche weitere Werkphasen durchlaufen und Projekte ausgeführt, die durch diese Ausstellung stärker ins Blickfeld gerückt werden. Ein Motiv fand er 1929 im Garten seines Vaters.

Für ihn fertigte er ganze Serien verschiedener Gladiolenarten. Dass er seinen genauen, sachlichen Blick auch als Architektur- oder Sachfotograf behielt, belegen nicht zuletzt Aufnahmen der vom Verfall bedrohten viktorianische Gebäude an der US-Ostküste oder die fotografische Erfassung der Exponate der Ausstellung „African Negro Art“ im Museum of Modern Art New York im Jahr 1935. Auch Reisefotografien aus der Südsee oder Kuba aus den frühen 1930er Jahren bis hin zu der über viele Jahrzehnte reichenden Beschäftigung mit der Stadt New York gehören zum Konzept dieser Ausstellung.

Bildredakteur für Wirtschaftszeitung

Gerade bei den New Yorker Bildern ist Evans´ Sensibilität für Veränderungen im Stadtbild spürbar, mit denen er auf gesellschaftliche Entwicklungen  verweist. Ähnlich wie der französische Fotograf Eugène Atget, der an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert geradezu penibel das Verschwinden des „alten“ Paris dokumentierte, fand Evans seine Motive in Schaufenstern, auf Bürgersteigen oder in den Interieurs von Wohnungen und Häusern.

Es ist unzweifelhaft Evans´ Verdienst, dass der unspektakuläre, nicht glamouröse Alltag Eingang in die US-amerikanische Fotografie gefunden hat. Salonfähig machte ihn letztlich der Fotojournalismus. Denn Evans prägte zunächst als freier Fotograf und später als Bildredakteur über drei Jahrzehnte die Bildsprache der Wirtschaftszeitung „Fortune“.

Die Ausstellung schließt mit einem sehr stillen Zyklus von Aufnahmen, die Ende der 1960er-Jahre auf der kanadischen Atlantikinsel Nova Scotia entstanden ist. Dort hatte sein Fotografenkollege Robert Frank ein Wohnhaus. Erneut suchte Evans in Interieurs nach den Spuren der Bewohner, ohne diese selbst darzustellen – etwa in beeindruckenden Aufnahmen aus dem Haus eines Fischers.

Walker Evans, der mit seinen Arbeiten bereits früh große Erfolge feierte und dem das Museum of Modern Art in New York 1938 als erstem Fotografen überhaupt eine Einzel-Ausstellung widmete, starb 1975 nach einem Schlaganfall in New Haven.

Starke Preisunterschiede

Evans´ klare, distanzierte Schwarz-Weiß-Aufnahmen haben ihre feste Position auf dem Kunstmarkt, variieren jedoch stark je nach Art und Zeitpunkt des Abzugs. Sehr gute Vintage Prints seien rar und schwer zu bekommen, erklärt der Kölner Galerist Thomas Zander im Gespräch mit dem Handelsblatt. Er ist einer der ganz wenigen in Deutschland, die mit Werken Walker Evans handeln. 35.000 Euro kostet hier das 1936 entstandene Bild „West Virginia“.

Es handelt sich um einen signierten und gestempelten Silbergelatine-Abzug aus den 1940er Jahren. Reizvoll für Sammler dürfte auch ein Evans-Portfolios mit 15 Arbeiten sein, das  1973/74, kurz vor Evans Tod, von Lee Friedlander in der Double Elephant-Presse herausgegeben wurde. Nur wenige der 75 Exemplare dieser Edition kommen heute noch auf den Markt. Thomas Zander wird es in seiner kommenden Ausstellung  „Double Elephant“  Anfang September für  80.000 Euro offerieren.

Motive aus berühmten Serien liegen an der Preisspitze

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Auf Auktionen werden signierte, zeitnah zur Entstehung  realisierte Abzüge meist im fünfstelligen Bereich gehandelt. Motive aus den berühmtesten Serien liegen dabei preislich an der Spitze. Im April diesen Jahres legte ein Sammler bei Sotheby’s in New York 106.000 US-Dollar inklusive Aufgeld für einen Originalabzug des 1936 geschossenen Fotos  „Houses in Negro Quarter of Tupelo, Mississippi“ auf den Tisch. Die Arbeit besaß nicht nur Studio- und Besitzerstempel des Künstlers.

Sie gehörte zudem einst zur Sammlung des Museum of Modern Art in New York. Wie bei vielen Fotografen gibt es auch im Werk von Evans ikonengleiche Motive. Der „Alabama Tenant Farmer“  aus der 1936 entstandenen Serie der Baumwollpächter besitzt diese Aura. Mit erzielten brutto 307.000 US-Dollar  – 2006 ebenfalls bei Sotheby´s  versteigert –  ist das Porträt bis heute das teuerste, je auf einer Auktion veräußerte Evans-Werk.

Die Ausstellung  „Walker Evans. Ein Lebenswerk“ läuft bis zum 9. November 2014 im Martin-Gropius-Bau in Berlin. Der im Hatje Cantz Verlag unter dem Titel „Decade by Decade“  erschienene Katalog ist bereits vergriffen.

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