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Kolumne: Business Class Bollingers weibliche Führung

Ein neuer Führungsstil mit femininen Softskills trägt Früchte. Er ist aber auch so weiblich, dass Bollinger an die gläserne Decke stößt.
25.04.2020 - 11:05 Uhr Kommentieren
Das Handelsblatt Magazin veröffentlicht einige seiner neuen „Business Class“-Kolumnen exklusiv. Quelle: action press
Schriftsteller Martin Suter

Das Handelsblatt Magazin veröffentlicht einige seiner neuen „Business Class“-Kolumnen exklusiv.

(Foto: action press)

Karriereknick würde er es nicht nennen, aber so eine gewisse Erlahmung der einst dynamischen Karrierekurve lässt sich in selbstkritischen Momenten nicht ganz von der Hand weisen. Deswegen meidet Bollinger selbstkritische Momente nach Möglichkeit.

Aber manchmal sind sie unausweichlich, besonders, weil Judith die selbstkritischen ebenfalls meidet. Die kritischen hingegen überhaupt nicht.

Zum Beispiel: Er kommt nach Hause und sagt: „Stell dir vor, die Mettler ist Head of Sales geworden, dabei haben wir gar keine Frauenquote“, antwortet sie: „Vielleicht ist sie einfach besser.“

Nun ist Bollinger nicht der Typ, der unangenehme Wahrheiten einfach beiseite schiebt. Er zieht selbst diese Möglichkeit in Erwägung.

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    Ist sie einfach fachlich besser, fragt er sich, oder ist sie besser, weil sie eine Frau ist? Die erste Möglichkeit verwirft er rasch. Sie ernsthaft zu erwägen wäre dann doch etwas zu autodestruktiv. Aber die zweite zieht er dann doch in Betracht.

    Welche Führungseigenschaften besitzen Frauen von Natur aus, die Männern fehlen? Und wie kann man sie sich aneignen?

    Der Fachartikel eines Headhunters enthält eine Abhandlung über weibliche Softskills. Dazu zählen unter anderem Empathie, Zuhören, emotionale Intelligenz, Selbstreflexion etc. Okay, denkt er, wenn es weiter nichts ist.

    Unauffällig, Schritt für Schritt, beginnt er, sich diese Eigenschaften anzueignen. Als Hartmann wegen eins Komma acht Promille den Führerschein verliert, bricht er nicht in schallendes Gelächter aus, jedenfalls nicht in Hartmanns Gegenwart, sondern reagiert mit einem empathischen „och nein, und jetzt ein ganzes Jahr lang zwischen hier und Landisegg-Dorf pendeln mit drei Mal Umsteigen. Sie Ärmster.“

    Und den immer gleichen Sermon seines Chefs, Brunner, bei dem er früher immer ein Gähnen sichtbar unterdrückte, begleitet er jetzt mit einem bestätigenden „Jaja“, einem interessierten „Hhmmm“ oder einem fast begeisterten „Genau“, als höre er ihn zum allerersten Mal.

    Denn sich hineinversetzen zu können, mitzufühlen, zuzuhören ist bekanntlich die Quintessenz der emotionalen Intelligenz.

    Und das, was er von nun an tut, nämlich sich selbst und die Auswirkung seiner Persönlichkeit auf seine Karriere einem kritischen Assessment zu unterziehen, ist praktisch der Inbegriff der Selbstreflexion.

    In den folgenden Monaten arbeitet Bollinger auch an seiner emotionalen Intelligenz. Er sagt zum Beispiel zum stets übellaunigen Kortmann: „Ich meinte, bei Ihnen so etwas wie ein Stirnrunzeln zu entdecken, und Ihre Mundwinkel weisen auch ein bisschen nach unten. Macht Ihnen womöglich die Umstrukturierung ‚Twentytwenty’ zu schaffen?“

    Die führungstechnische Umorientierung in Richtung „weibliche“ Führungskompetenz trägt langsam Früchte. Bollinger fühlt – ja, er lässt sich jetzt immer mehr auf Gefühle ein –, er fühlt allenthalben eine wachsende Akzeptanz und ein beinahe familiäres Verhältnis zu seinen Untergebenen.

    Das „Führen“ wird eigentlich immer mehr zum „Bei-der-Hand-nehmen“ und Begleiten. Die Arbeitsatmosphäre in seiner Abteilung entspannt sich, die Mitarbeiter verstummen nicht mehr vor der Kaffeemaschine, wenn er unverhofft dazu stößt. Und selbst der griesgrämige Feldmann wird ab und zu bei einem Lächeln ertappt.

    Und trotz der Harmonie in Bollingers Umfeld lässt sich die Performance seines Teams durchaus sehen. So macht er sich berechtigte Hoffnungen, als ruchbar wird, dass die Nachfolge intern geregelt wird.

    Doch zu seiner und auch der allgemeinen Überraschung fällt die Wahl auf – ausgerechnet – Bergmann. Bollingers neuer Führungsstil ist zwar sehr erfolgreich. Aber so weiblich, dass er an die gläserne Decke stößt.

    Die Management-Kolumne „Business Class“ war Martin Suters Entree in die Karriere als Schriftsteller. Nach 13 Jahren Pause ließ er sie 2019 wieder auferstehen – mit den Mitteln der Jetztzeit: Crowdsourcing, Social Media und Paid Content. Das Handelsblatt Magazin druckt einige der neuen Kolumnen des Bestsellerautors exklusiv ab. Mehr von ihnen und andere Pretiosen finden Sie auf martin-suter.com, wo man sich derzeit auch for free anmelden kann.

    Mehr: Martin Suters Business Class: Schlüter on Purpose

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