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Kolumne: Business Class Der entgangene Anruf

Vermeintliche nächtliche Anrufe des Firmenchefs können alles Mögliche bedeuten. Manchmal führen sie auch geradewegs in ein Desaster.
04.04.2020 - 11:02 Uhr Kommentieren
Das Handelsblatt Magazin veröffentlicht einige seiner neuen „Business Class“-Kolumnen exklusiv. Quelle: action press
Schriftsteller Martin Suter

Das Handelsblatt Magazin veröffentlicht einige seiner neuen „Business Class“-Kolumnen exklusiv.

(Foto: action press)

Michaela ist schon im Bett, aber Maurer zieht sich noch die Spätausgabe rein. Und als die vorbei ist, zappt er sich noch durch die Kiste. Dann schaltet er sie aus und schaut auf dem Weg zum Schlafzimmer noch beim Kühlschrank vorbei. Dort findet er etwas Trockenfleisch gegen sein leichtes Hungergefühl. Und etwas Präventives gegen den Durst, den dieses auslösen könnte. 

Als er zurück ins Wohnzimmer kommt, leuchtet das Display seines Handys auf dem Clubtischchen. Ein verpasster Anruf. Von Heinrich Bachmann! Maurer lässt sich ins Sofa fallen und nimmt einen Schluck Bier. Bachmann ist sein Boss. Nein, nicht nur seiner. Der von allen!

Bachmann steht hierarchisch dort, von wo aus man einen Stefan Maurer nicht anruft. Von wo man aus einen Stefan Maurer allerhöchstens anrufen ließe. Und auch das unter gar keinen Umständen um 23:14. Was kann das bedeuten? 

Bestimmt nichts Gutes. Dr. Heinrich Bachmann ruft doch nicht mitten in der Nacht einen Untergebenen an, um ihm etwas Erfreuliches mitzuteilen. „Ach, Herr Maurer, ich hoffe, ich habe Sie nicht geweckt. Ich habe Ihnen etwas Erfreuliches mitzuteilen, halten Sie sich fest: Sie managen ab sofort die gesamte GMP Compliance.“ Auf keinen Fall.

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    Bachmann ruft an, um ihm eine Hiobsbotschaft zu überbringen. „Maurer“, wird er sagen, „ich hoffe, Sie sitzen. Sie haben morgen frei. Und übermorgen auch. Und so weiter. Gute Nacht.“

    Maurer setzt die Bierflasche an die Lippen, merkt, dass sie bereits leer ist, geht zum Kühlschrank zurück und holt eine volle.

    Aber weshalb sollte Bachmann ihm diese beschissene Nachricht um – er konsultiert sein Handy - um 23:14 mitteilen? Unangenehmes schiebt man doch lieber vor sich hin. Selbst wenn man Bachmann ist. Die Nacht spart man sich doch für die schönen Dinge des Lebens auf. Dieser Gedanke erleichtert Maurer etwas.

    Er stopft sich Trockenfleisch in den Mund, kaut kurz und spült es runter. Gründlich.

    Und da ereilt ihn ein neuer Gedanke: Vielleicht gehört Leute-Entlassen für Bachmann zu den schönen Dingen des Lebens. Vielleicht geilt es ihn auf, einen nichtsahnenden Mitarbeiter mitten in der Nacht anzurufen und genüsslich rauszuschmeißen.

    Natürlich! Hat Bachmann nicht diesen sadistischen Zug um den Mund? Die meisten nennen diesen „ironisch“. Aber was ist Ironie anderes als Sadismus? 

    Maurer stürzt den letzten Schluck Bier runter und stapft ins Schlafzimmer. „Da!“, ruft er aus und hält Michaela das Handy vor die festgeschlossenen Augen. Sie stößt einen kleinen Schrei aus und öffnet sie.

    „Was ist das?“
    „Ein verpasster Anruf.“ 
    „Um die Zeit?“ 
    „Eben!“ 
    „Von wem?“ 
    „Von Dr. Heinrich Bachmann“, antwortet er vorwurfsvoll, als könnte sie etwas dafür. 
    „Ach, der.“

    Michaela knipst die Nachttischlampe aus, die Maurer aufgeregt eingeschaltet hat, und dreht sich auf die Seite.

    „Dein Mann wird mitten in der Nacht entlassen, und du schläfst seelenruhig weiter.“ Er knipst die Deckenlampe an.
    Seine Frau setzt sich auf und seufzt „Also.“ 
    „Was also?“
    „Hast du mit ihm gesprochen?“ 
    „VERPASSTER Anruf!“ 
    „Wenn du den Anruf verpasst hast, was bringt dich denn darauf, dass es um deine Entlassung geht?“ 
    „Die Uhrzeit. 23:14!“ 
    „Ist das die Standarduhrzeit für Entlassungen?“, fragt Michaela ironisch. Also sadistisch.
    „Es ist die Standardzeit für unangenehme Nachrichten.“ 
    Michaela schüttelt ungläubig den Kopf. „Doch eher für angenehme.“ 
    „Für Sadisten sind solche unangenehmen Nachrichten angenehme.“ 
    Noch immer schüttelt sie den Kopf. „Komm jetzt ins Bett.“ 

    Maurer rührt sich nicht. 

    „Wahrscheinlich war es ein Butt Dial.“ 
    „Was ist ein Butt Dial?“ 
    „Wenn das Handy in der Gesäßtasche steckt und beim Sitzen der Arsch auf die Wahltaste drückt.“ 
    Maurer steckt das Handy in die Gesäßtasche und setzt sich. „So?“ 
    „Genau.“
    Er winkt ab. „Vergiss es, Bachmann trägt sein Handy nicht in der Gesäßtasche.“ Er steht wieder auf. 
    Michaela rutscht unter die Decke. „Das spielt keine Rolle, wo dieser Bachmann sein Handy trägt. Wie du den beschreibst, ist der überall ein Arsch!“ 

    Laut und deutlich ertönt aus Maurers Gesäßtasche Dr. Bachmanns aufgebrachte Stimme: „Das habe ich gehört, Maurer. Wir sprechen uns morgen um acht in meinem Büro!“

    Die Management-Kolumne „Business Class“ war Martin Suters Entree in die Karriere als Schriftsteller. Nach 13 Jahren Pause ließ er sie 2019 wieder auferstehen – mit den Mitteln der Jetztzeit: Crowdsourcing, Social Media und Paid Content. Das Handelsblatt Magazin druckt einige der neuen Kolumnen des Bestsellerautors exklusiv ab. Mehr von ihnen und andere Pretiosen finden Sie auf martin-suter.com, wo man sich derzeit auch for free anmelden kann.

    Mehr: Martin Suters „Business Class“: Warten auf Gernmann

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