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Kolumne: Zeit ist Geld Klein, aber äußerst fein – Manufakturen für echte Uhrenkenner

Der Branchenexperte Gisbert L. Brunner stellt exquisite Marken mit einem Höchstmaß mechanischer Exklusivität vor. Hier der erste von zwei Teilen.
  • Gisbert L. Brunner
30.10.2020 - 13:41 Uhr 1 Kommentar
In Roségold beginnt der Preis für die außergewöhnliche Uhr bei rund 193.000 Euro. (Foto: Lang & Heyne)
Augustus I von Lang & Heyne

In Roségold beginnt der Preis für die außergewöhnliche Uhr bei rund 193.000 Euro.

(Foto: Lang & Heyne)

Wenn sich die Dinge um uhrmacherischen Luxus, komplexe Mechanismen und feine Handwerkskunst drehen, fallen Kennern sofort Namen ein wie A. Lange & Söhne, Audemars Piguet, Patek Philippe oder Vacheron Constantin. Diese Marken stehen für Manufakturarbeit und Tradition.

Andererseits sind Zeitmesser mit diesen Signaturen vergleichsweise breit am Markt vertreten. Audemars Piguet produziert jährlich immerhin gut 40.000 Uhren, Patek Philippe stellt per annum sogar rund 62.000 Exemplare her. Gemessen an Abermillionen Stück, die jedes Jahr die Uhrenfabriken rund um den Globus verlassen, ist das relativ wenig. Wer sich jedoch ein Höchstmaß mechanischer Exklusivität wünscht und dazu das nötige Kleingeld besitzt, kommt an den sogenannten Exoten kaum vorbei.

Das Motto „Klein, aber fein“ gab es in der Uhrenbranche schon immer. Aber die Renaissance der überlieferten Uhrmacherkunst ab Mitte der 1980er-Jahre brachte eine ganze Reihe spannender Newcomer hervor. Ihre Stückzahlen bewegen sich im sehr überschaubaren Bereich. Überdies fertigen sie Zeitmesser, welche das Auge magisch anziehen und nicht nur deswegen förmlich zum Storytelling anregen. Zwei will ich Ihnen in zwei Teilen einmal besonders vorstellen. Hier nun Teil eins.

Exklusive Kostbarkeiten aus Sachsen

2001 taten sich die prinzipiell seelenverwandten Uhrmacher Marco Lang und Mirko Heyne zusammen, um die sächsische Zeitmess-Tradition auf ihre Weise zu interpretieren. Die Philosophie von Lang & Heyne zielte auf winzige Stückzahlen, sehr viel Handarbeit und ausschließlich eigene Uhrwerke.

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    Obwohl sich Mirko Heyne schon 2002 wieder verabschiedete und Marco Lang seine Anteile ab 2013 schrittweise an den passionierten Uhrenliebhaber Ulrich L. Rohde veräußerte, hat sich daran nichts geändert. Seit 2019 ist die Tempus-Arte-Gruppe des Mitinhabers der auf Hightech spezialisierten Rohde & Schwarz-Gruppe alleinige Herrin im Hause.

    Inzwischen trägt Jens Schneider die konstruktive Verantwortung. Der gelernte Uhrmacher kann auf einen reichhaltigen Erfahrungsschatz bei A. Lange & Söhne sowie Moritz Grossmann zurückgreifen. Als Geschäftsführer des kleinen, aus insgesamt 25 Personen bestehenden Teams fungiert seit wenigen Monaten Alexander Gutierrez-Diaz. Der 43-jährige Manager hat zuvor unter anderem als Chef von Baume & Mercier Northern Europe gearbeitet.

    Die Uhren der Manufaktur gibt es mit sieben verschiedenen Kalibern. (Foto: Lang & Heyne)
    Kaliber VI der Friedrich II von Lang & Heyne

    Die Uhren der Manufaktur gibt es mit sieben verschiedenen Kalibern.

    (Foto: Lang & Heyne)

    Jährlich entstehen in einem denkmalgeschützten Gebäude am Rande Dresdens maximal 100 Armbanduhren. Schon vor der Bestellung haben sich die in der Regel männlichen Kunden sehr genau mit dem auseinandergesetzt, was sie eines Tages für ihr Geld bekommen: eigens entwickelte Uhrwerke, welche in kleinen Ateliers und familiärer Atmosphäre nach allen Regeln überlieferter Handwerkskunst entstehen. Fertigungstiefe wird in Radeberg groß geschrieben.

    Das Produktionsspektrum reicht von den Platinen, Brücken und Kloben über die Zahnräder bis hin zu Ankerrad und Anker. Selbst die Terminierung der Unruhspiralen erfolgt unter dem eigenen Dach. Die Rohlinge aus Nivarox-Werkstoff liefert der deutsche Spezialist Haas zu. Ebenfalls der eigenen Manufaktur entstammen die charakteristischen Zeiger der verschiedenen Uhrenmodelle. Zählt man alles akribisch zusammen, kommt man auf etwa 95 Prozent Eigenanteil. Diesem Anspruch stehen auch die Gehäuse, denen insgesamt sechs Bandanstöße den gewünscht hohen Wiedererkennungswert verschaffen, keinen Deut nach.

    Alles Tun vollzieht sich auf einer Erkenntnis von Auguste Rodin, dass die Zeit nichts respektiert, was ohne sie erschaffen wurde. Genau das unterstreichen auch die sieben verschiedenen Kaliber I, III, IV, V, VI, VIII und IX. Ausnahmslos alle verlangen nach regelmäßiger Kontaktaufnahme zum Spannen der Zugfeder. Weil der Handaufzug so geschmeidig funktioniert, besitzt er einen hohen Suchtfaktor. Eine Aufzugs-Automatik hat Jens Schneider bereits im Kopf. Aber die muss und wird logischerweise anders sein als das Übliche.

    Angesichts des betriebenen Aufwands gibt es Armbanduhren von Lang & Heyne definitiv nicht zum Schnäppchenpreis. Mit Stahlgehäuse kosten die auf drei Zeiger reduzierten und mit dem Kaliber VI ausgestatteten Modelle Friedrich II und Friedrich III rund 21.500 Euro. Umfangen von einer Roségoldschale ist der feine Chronograf namens Albert für gut 71.000 Euro zu haben. Sein Minutenzähler dreht im Zifferblatt-Zentrum.

    Bei der Augustus I trägt ein kundenspezifisch gestalteter Programmring die Namen von zwölf wichtigen Personen oder Ereignissen. (Foto: Lang & Heyne)
    Erinnerungsfunktion

    Bei der Augustus I trägt ein kundenspezifisch gestalteter Programmring die Namen von zwölf wichtigen Personen oder Ereignissen.

    (Foto: Lang & Heyne)

    Ganz oben in der Palette rangiert der Rechenkünstler Augustus I. mit ausgeklügelter Erinnerungsfunktion. Ein kundenspezifisch gestalteter Programmring trägt die Namen von zwölf wichtigen Personen oder Ereignissen. Im Verbund mit Datum, Monat und einer digitalen Jahresindikation sorgt diese Armbanduhr rein mechanisch dafür, dass kein Festtag oder Jubiläum in Vergessenheit gerät. So etwas hat natürlich seinen Preis. Und der beginnt in Roségold bei rund 193.000 Euro.

    Urwerk ohne H – aber mit allen Finessen

    Die Kalender zeigten das Jahr 1995, als zwei Zürcher Zeit-Genossen das Label Urwerk ins Leben riefen. Gemeint sind Felix Baumgartner und Martin Frei. Während Erstgenannter das Handwerk des Uhrmachers von der Pike auf erlernt hat, ist sein Partner studierter Künstler. Exakt dieses Miteinander zweier Menschen mit verschiedenem Hintergrund ließ und lässt Uhren entstehen, welche nur schwer zum eher konventionell geprägten Weltbild überlieferter Zeitmessung passen. In diesem Sinne haben die Urwerk-Kreationen nur sehr wenig mit dem gemein, was man sich unter einer Uhr überhaupt vorstellt.

    Salopp könnte man sie als futuristisch anmutende Zeit-Maschinen bezeichnen, welche auf außergewöhnliche Weise zu erkennen geben, was es gerade geschlagen hat. Wer sich eine Urwerk ans Handgelenk schnallt, bringt damit sehr bewusst eine sehr spezielle Weltanschauung zum Ausdruck. Der Markenname leitet sich einmal ab vom Ursprünglichen, das in den Uhren aus Zürich allerdings nur im Verborgenen zu finden ist. „Werk“ weist auf jenes Werk hin, welches die normalerweise lautlos verstreichende Zeit aus ihrer Anonymität befreit. Mit Blick auf Martin Frei, den Künstler, liegt die Assoziation zu einem Kunstwerk aber ebenfalls nahe.

    Die UR-T8 Transformer hat eine klapp-, dreh- und wendbare Titanschale. (Foto: Gisbert L. Brunner)
    Futuristisches von Urwerk

    Die UR-T8 Transformer hat eine klapp-, dreh- und wendbare Titanschale.

    (Foto: Gisbert L. Brunner)

    Spricht man mit den beiden Machern, entsteht sehr schnell der Eindruck, dass Urwerk dem folgt, was Lewis Mumford erstmals 1967 in seinem zweibändigen Werk „Mythos und Maschine“ postulierte. Dem Amerikaner zufolge ist die Uhr und nicht die Dampfmaschine die maßgebende Maschine, the key-machine, für das moderne Industriezeitalter. Sie ist eine Art Kraftmaschine, deren Produkt Sekunden und Minuten sind. Durch ihr eigenstes Wesen trennte sie die Zeit vom menschlichen Erleben und half, den Glauben an eine unabhängige Welt mathematisch messbarer Folgen zu schaffen: die besondere Welt der Naturwissenschaften.

    Gisbert L. Brunner ist Experte für kostbare Uhren. Quelle: Privat, Patek Phillippe
    Der Autor

    Gisbert L. Brunner ist Experte für kostbare Uhren.

    (Foto: Privat, Patek Phillippe)

    Beim Blick in die 25-jährige Urwerk-Biografie zeigen sich sehr schnell jene Konstanz und Konsistenz, welche Urwerk und seine jährlich etwa 150 Zeitmesser mittlerweile zu einer festen Größe in der internationalen Uhrenszene gemacht haben. Alles Geschehen spielt sich ab in der malerischen Genfer Altstadt. Genau dort, wo Johan Calvin im Jahr 1566 mit einem Reglement dafür sorgte, dass die Uhrmacherei Fuß fassen konnte.

    Kurzerhand hatte der sittenstrenge Reformator die Herstellung von Kreuzen, Kelchen oder anderen Gegenständen untersagt, welche imstande waren, „dem Papsttum und der Idolatrie“ zu dienen. Daher blieb den Goldschmieden keine andere Wahl, als sich einem naheliegenden Berufszweig zuzuwenden.

    Jene beständige Evolution, die dem Uhrengewerbe seither zu eigen ist, wohnt den verschiedenen Urwerk-Modellen inne. Jedes gehorcht der Maxime, „die Idee von einer zeitgenössischen Uhr voranzubringen“. So jedenfalls formuliert es Felix Baumgartner. Dass diesen Ideen etliche Verrücktheiten innewohnen, haben er und Martin Frei zur Genüge bewiesen.

    Zum Beispiel bei der UR-T8 Transformer mit klapp-, dreh- und wendbarer Titanschale. Sie hilft beim Berücksichtigen des Mottos, dass man nicht auf die Uhr schauen soll, wenn man für jemanden Zeit hat. Der mit einem Automatikwerk ausgestattete Mikrokosmos kostet rund 100.000 Euro. Bei der UR-105 CT „Maverick“ mit Bronze-Titan-Gehäuse, Kostenpunkt etwa 65.000 Euro, lenkt ein schräger Sichtschlitz den Blick auf die digital dargestellten Stunden, die Segmentanzeige für die Minuten sowie die perforierte Scheibenindikation für die Sekunden.

    Bei der UR-105 CT Maverick lenkt unter anderem ein schräger Sichtschlitz den Blick auf Stunden, Minuten und Sekunden. (Foto: Urwerk)
    Zeitanzeige anders inszeniert

    Bei der UR-105 CT Maverick lenkt unter anderem ein schräger Sichtschlitz den Blick auf Stunden, Minuten und Sekunden.

    (Foto: Urwerk)

    Einmal mehr richtet sich der Fokus auf das Display. Baumgartner und Frei inszenieren die Zeitanzeige immer anders, niemals jedoch traditionell. Überlieferte Zeiger soll der Mitbewerb verwenden. Bei Urwerk bewegt sich das kostbarste Gut der Menschheit stets wie ein Karussell.

    Wer im deutschsprachigen Raum nach einem echten Experten für Uhren sucht, kommt an Gisbert L. Brunner nicht vorbei. Der mittlerweile pensionierte bayerische Beamte hat Hunderte von kostbaren Zeitmessern gesammelt, aber auch Dutzende von Büchern über die unterschiedlichsten Marken geschrieben.

    Mehr: Kolumne Zeit ist Geld (15): von Rolex bis Patek Philippe: Vier Uhren-Klassiker als Geldanlage.

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    1 Kommentar zu "Kolumne: Zeit ist Geld: Klein, aber äußerst fein – Manufakturen für echte Uhrenkenner"

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    • Vielen Dank für diese Kolumne! Als Uhrensammler würde ich mich selbst noch nicht bezeichnen, als Liebhaber von besonderen Uhren aber sehr wohl. Mein letzter Neuzugang war eine Uno 24 Automatik von Botta Design. Ist auch einer der wenigen Uhren-Hersteller, die noch in Deutschland entwickeln, fertigen und montieren. Wie es mit den Stückzahlen aussieht, weiß ich persönlich nicht genau. Die Chronografen, vor allem die Einzeigeruhren, wissen aber durchaus auch Blicke auf sich zu ziehen. Ich bin schon sehr gespannt, was uns hier im zweiten Teil der Kolumne vorgestellt werden wird und welche Erfahrungen Gisbert L. Brunner dann mit uns teilen wird!

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