Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Amartya Sen Friedenspreis für den Kämpfer für Gerechtigkeit

Der berühmte Ökonom und Philosoph bekommt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Seine Themen sind gerade in diesen Zeiten sehr aktuell.
17.06.2020 - 13:52 Uhr Kommentieren
Gerechtigkeit und Freiheit sind seine Themen. Quelle: dpa
Amartya Sen

Gerechtigkeit und Freiheit sind seine Themen.

(Foto: dpa)

Frankfurt Amartya Sen, ein angelsächsisch geprägter, leise sprechender Gentleman mit einer gewissen Betulichkeit, hätte eine weitere Ehrung eigentlich nicht nötig. Der Harvard-Professor ist sein Leben lang mit Auszeichnungen überhäuft worden, der Wirtschaftsnobelpreis im Jahr 1998 ist nur die herausragendste davon. Jetzt wird er mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2020 ausgezeichnet.

In der Begründung des Stiftungsrats heißt es: „Wir ehren mit Amartya Sen einen Philosophen, der sich als Vordenker seit Jahrzehnten mit Fragen der globalen Gerechtigkeit auseinandersetzt und dessen Arbeiten zur Bekämpfung sozialer Ungleichheit in Bezug auf Bildung und Gesundheit heute so relevant sind wie nie zuvor.“

Sen lehrt in Harvard als Ökonom und als Philosoph. Er entwickelte die Wirtschaftswissenschaften weiter zu einem Fach, in dem auch soziale Fragen eine zentrale Rolle spielen. So brachte er maßgeblich den Human Development Index (HDI) auf den Weg, der umfassend die Entwicklung einzelner Länder misst. Als Philosoph gehört er zusammen mit Martha Nussbaum zu den Begründern eines sozial geprägten Liberalismus, der darauf beharrt, dass Menschen nicht nur Freiheit, sondern auch reale Lebenschancen brauchen.

Neben politischer Freiheit und grundlegenden Bürgerrechten erwähnt er „die Möglichkeit, Tauschbeziehungen einzugehen“, und ganz allgemein „die Freiheit der Individuen, nach ihrem Gutdünken zu handeln und selbst zu entscheiden, wo sie arbeiten, was sie produzieren, was sie konsumieren wollen“. Umgekehrt gelten ihm Hunger, Unterernährung, schlechte Gesundheitsfürsorge, das Fehlen von sanitären Einrichtungen oder sauberem Wasser, das Auftreten vermeidbarer Krankheiten, Mängel in der Berufsausbildung, das Fehlen gut bezahlter Arbeitsplätze und sozialer Absicherung sowie die Ungleichheit von Mann und Frau als Unfreiheit.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Der Preisträger ist 1933 in Westbengalen geboren. Die Region, heute ein indischer Bundesstaat, war damals noch britische Kolonie. Zu seinen frühesten, prägenden Erinnerungen gehört eine Hungersnot in seiner Heimat, der Millionen Menschen zum Opfer fielen. Später argumentierte er, dass solche Katastrophen praktisch immer politische und niemals allein wirtschaftliche Ursachen haben.

    Abgrenzung von John Rawls

    Sen sieht Adam Smith als großes Vorbild. Dabei meint er nicht nur den Ökonomen Smith, sondern auch den Ethiker, für den bei jeder Entscheidung die Frage ausschlaggebend war, wie ein unparteiischer, aber durchaus mitfühlender Beobachter urteilen würde – ohne dabei nach einem theoretischen Schema vorzugehen. Mit diesem Bezug grenzt sich Sen von John Rawls ab, dem er vorhält, Gerechtigkeit zu schematisch zu definieren. Rawls fordert, sehr kurz gesagt, dass von wirtschaftlichen Veränderungen immer auch die Ärmsten profitieren sollten.

    Außerdem hat Sen sich entschieden gegen eindeutige Zuschreibungen von Identitäten gewehrt. Er kritisiert zum Beispiel, dass Muslime in der westlichen Welt häufig in erster Linie als Angehörige ihrer Religion und nicht ebenso sehr zum Beispiel als Mitbürger und Nachbarn wahrgenommen werden. Seiner Auffassung nach ist jeder Mensch durch eine Vielfalt von Identitäten geprägt und erfährt durch einseitige Zuschreibung eine gefährliche Form von Ungerechtigkeit.

    In seinem Buch „Die Identitätsfalle“, einer harschen Kritik an Samuel Huntingtons These vom „Krieg der Kulturen“, schrieb er: „Es wäre ein später Sieg des Nazismus, hätten die Unmenschlichkeiten der 1930er-Jahre einen Juden für immer der Freiheit und der Fähigkeit beraubt, sich auf eine andere Identität als sein Jüdischsein zu berufen.“ Seine These lautet: „Kategorien, denen wir gleichzeitig angehören, sind sehr zahlreich.“ Hier nimmt er sich selbst als Beispiel: „So kann ich mich zur gleichen Zeit bezeichnen als Asiaten, Bürger Indiens, Bengalen mit bangladeschischen Vorfahren, Dilettanten auf philosophischem Gebiet, Autor, Sanskritisten, entschiedenen Anhänger des Laizismus und der Demokratie, Mann, Feministen, Heterosexuellen, Verfechter der Rechte von Schwulen und Lesben, Menschen mit einem areligiösen Lebensstil und hinduistischer Vorgeschichte, Nicht-Brahmanen und Ungläubigen.“

    Mehr: Amartya Sen vertritt wie kaum ein anderer das Ideal der Chancengerechtigkeit für alle Menschen.

    Startseite
    Mehr zu: Amartya Sen - Friedenspreis für den Kämpfer für Gerechtigkeit
    0 Kommentare zu "Amartya Sen: Friedenspreis für den Kämpfer für Gerechtigkeit"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%