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Andrew McAfee und Jeremy RifkinWas tun gegen den Klimawandel? Zwei Ökonomen debattieren

Andrew McAfee und Jeremy Rifkin suchen Antworten auf die Klimafrage. Der eine preist die Kraft des Kapitalismus, der andere die der Gemeinschaft.Sebastian Matthes und Christoph Kapalschinski 02.02.2020 - 08:09 Uhr

Kann der Kapitalismus der Retter sein?

Foto: dpa

München. Gibt es eine Ökonomie des Klimawandels? Zwei bekannte US-Ökonomen versuchen sich in ihren aktuellen Büchern an einem Plan für den Kampf gegen die Erderwärmung: Andrew McAfee, Professor an der Business-School des MIT, und der Publizist und Politikberater Jeremy Rifkin. Das Handelsblatt traf beide Ökonomen zum Gespräch – und bekam auf die drängendsten Klimafragen höchst unterschiedliche Antworten.

Da sind zunächst die verschiedenen Grundhaltungen der beiden: McAfee auf der einen Seite ist davon überzeugt, dass sich der Ressourcenverbrauch auf der Welt nur durch mehr Wachstum lösen lasse – er glaubt an ein „More from less“, wie er es nennt. Rifkin wiederum macht dort weiter, wo McAfee aufhört: Er arbeitet eine dezidierte Politikagenda für einen „New Green Deal“ aus.

McAfee ist der jungen Schwedin zwar „unglaublich dankbar“, das Thema Klimawandel auf die politische Agenda gesetzt zu haben. Er schränkt aber ein: „Sie schlägt die falschen Maßnahmen vor. Ich stimme nicht damit überein, dass wir Wachstum und Wohlstand für den Planeten opfern müssen. Die Fakten aus den letzten 50 Jahren zeigen mir einfach, dass das nicht stimmt.“

Rifkin dagegen sieht in den Schulstreiks und den Protestaktionen eine Wende des Zeitgeists: „Zum ersten Mal sehen sich weltweit zwei Generationen – die Generation Z und die Millennials – als bedrohte Art. Das ist historisch einmalig.“ Anders als McAfee will er die Mahner nicht bremsen, sondern ihnen schnell die politische Verantwortung übergeben: „Andernfalls droht uns die Auslöschung.“

McAfee kann sich über so viel Pathos herrlich aufregen. Gerade auf dem Weg zum Gespräch ist er in München an einem Graffiti vorbeigekommen: „Smash Capitalism to save the planet“ stand da. Der Ökonom zeigt das Foto auf seinem Smartphone. „Die Anti-Wachstums-Bewegung nimmt an Fahrt auf“, wettert er. „Viele Leute sagen: ‚Wir haben entweder Wachstum oder retten den Planeten.‘ Ich versuche mit meinem Buch, diese Leute vom Gegenteil zu überzeugen.“

Andrew McAfee: Wachstum braucht immer weniger Materialeinsatz

Ich bin Greta Thunberg unglaublich dankbar, dass sie den Klimawandel auf die politische Agenda gesetzt hat. Aber sie schlägt die falschen Maßnahmen vor.

Foto: Wolf Heider-Sawall/laif

McAfees These: Die Wirtschaft dematerialisiert sich. Für eine höhere Wirtschaftsleistung ist nicht länger mehr Materialeinsatz nötig. Und mehr noch: In den entwickelten Industrieländern wie den USA sinke der Materialeinsatz sogar. Das zeige die Statistik. Weniger Metalle, weniger Kohle, höheres Bruttoinlandsprodukt.

McAfee hat das Talent, diese relativ banale Erkenntnis im Gespräch und in seinem Buch als große Überraschung zu präsentieren. Als treibende Kräfte macht er vier „Horsemen of the Optimist“ aus: Kapitalismus, technischen Fortschritt, verantwortlich handelnde Regierungen und öffentliche Beteiligung.

Der Ökonom will Klimaschutz nicht zur Verzichtfrage machen. „Ich habe kein schlechtes Gewissen, wenn ich Auto fahre“, sagt er. Trotzdem plädiert er nicht für libertäre Radikalmärkte, sondern für Regulierung. Deshalb sieht er es auch „als Pflicht jedes Bürgers“, sich für eine aufkommensneutrale CO2-Abgabe einzusetzen.

Denn für McAfee kommt die Marktwirtschaft dann zu einer guten Ökobilanz, wenn sie wie in den USA und Europa durch gesellschaftlich gewollte Regulierung eingehegt wird. Der Gedanke: Unternehmen treiben dann schon aus Eigeninteresse Effizienzprogramme voran. Beispiel: Getränkedosen. Die wiegen heute nur noch ein Zehntel so viel wie früher – weil das schlichtweg Aluminium spart. Dazu komme der technische Fortschritt: Ein Smartphone zum Beispiel ersetzt heute CD-Spieler, Kleinbildkamera, Anrufbeantworter, Fax und mehr.

Interessant ist auch, dass für McAfee Atomkraft und Gentechnik legitime Klimaschutzinstrumente sind. Beide Technologien brächten gesamtwirtschaftlich betrachtet Vorteile: die Atomkraft durch CO2-freie Energie, die Gentechnik durch eine effizientere Landwirtschaft. Und was ist mit der ungelösten Atommüll-Frage?

„Was ist die drängendere Frage für künftige Generationen: ein bisschen Atommüll oder ein überhitzter Planet? Ich wüsste, welches Problem ich als Erstes lösen würde“, wischt McAfee das Anti-Atomkraft-Argument beiseite.

Seine politische Argumentation ist recht holzschnittartig. Ökonomische Theorie des politischen Handelns bemüht er nicht. McAfee ist stattdessen offenbar beeindruckt vom ersten „Earth Day“ am 21. März 1970, dem Startschuss der US-Umweltbewegung. So wie damals müssten die Menschen wieder Druck auf die Regierung machen: „Fridays for Future“ sieht er im Gespräch als Schritt in die richtige Richtung, bedauert aber, dass die Bewegung seine politische Agenda nicht komplett übernimmt.

Jeremy Rifkin: Die grüne digitale Revolution kommt bestimmt

„Die Liberalen sind für Umweltschutz, also lehnen ihn die Konservativen reflexartig ab. So weit ist es in Amerika gekommen.“

Foto: Corbis Entertainment/Getty Images

Das ausgefeilte politische Programm, das bei McAfee fehlt, entwickelt Rifkin, der gern seine engen Kontakte in die EU-Politik erwähnt. „Mein Buch enthält das Narrativ für den Green New Deal“, sagt er. Europa sieht er in einer guten Position, diese Entwicklung zu gestalten. „Ursula von der Leyen ist die richtige Person dafür“, meint er. Sie müsse die beiden zentralen Projekte für ihre gerade begonnene Amtszeit als EU-Kommissionspräsidentin zusammenbringen: die Digitalisierung und den ökologischen Umbau der Wirtschaft.

Der 74-Jährige glaubt nicht, dass der aktuelle Umbau der Wirtschaft noch mit den ökonomischen Klassikern erklärbar ist. Seine These für die „dritte industrielle Revolution“: Etwas noch namenloses Neues löse den klassischen Kapitalismus ab. Bestes Beispiel ist für ihn der Wandel von Autoherstellern zu Mobilitätsdienstleistern, die ihren Kunden ständigen Zugang zum Verkehr versprechen, statt ihnen alle paar Jahre ein neues Auto zu verkaufen.

Die Voraussetzungen für diese grüne digitale Revolution in allen Sektoren soll der Staat schaffen, dafür allerdings privates Geld mobilisieren. Zentral für den Klimaschutz ist für ihn der Aufbau einer neuen Infrastruktur. Im Gespräch lobt er daher die Anstrengungen der Bundesregierung, eine Energietrasse vom windreichen Norden bis nach Bayern zu schaffen.

„Für den Green New Deal brauchen wir keine neuen Steuern, denn die Investoren stehen bereit“, betont er. Elf Billionen Dollar Anlegergeld weltweit suchten neue Investitionsmöglichkeiten, nachdem fossile Energien zum Portfoliorisiko geworden sind.

Vor allem auf das Geld der Pensionskassen hat es Rifkin abgesehen: So könnten die Arbeitnehmer selbst die Energiewende finanzieren. Rifkin schlägt dafür vor, die EU solle für 20 Jahre eine Ausnahme in den Stabilitätspakt aufnehmen: Für grüne Infrastruktur sollen Schuldengrenzen nicht gelten.

Die Staaten sollen Öko-Anleihen ausgeben, also reichlich Geld am Kapitalmarkt einsammeln – über staatliche Förderbanken. Jeder Euro, der in Infrastruktur investiert werde, steigere die Wirtschaftsleistung um 1,40 bis drei Euro, rechnet Rifkin vor und verfällt in Fatalismus: „Wir haben noch zwei Jahrzehnte, um unsere Auslöschung zu verhindern.

Nicht nur bei der Analyse, sondern auch beim Politikprogramm widerspricht er McAfee: Der erklärte Gentechnik-Gegner Rifkin verlangt von der EU, sie solle sich weltweit nicht nur für ein Ende fossiler Kraftstoffe, sondern auch für ein Atomkraftmoratorium einsetzen. Atomkraft sei die teuerste Energieform und dank neuer Technologien schlichtweg unnötig.

Statt den spaltenden AKW-Streit neu zu entfachen, will Rifkin neue Instrumente für gesellschaftliche Einigkeit einsetzen. Sie sollen verhindern, dass lokaler Widerstand den Bau der dringend nötigen grünen Infrastruktur verhindert. Dafür will er die Kernkompetenzen für den Aufbau etwa von Stromtrassen und Windrädern auf die Regionen verlagern.

Die Regionen sollen eigens dafür neue Entscheidungsgremien aufbauen: ständige Versammlungen aus ausgewählten Bürgern, Experten, Interessengruppen und Wirtschaftsvertretern. Diese sollen im offenen Austausch Detailpläne erarbeiten und so vor Ort Akzeptanz herstellen.

Den Klimawandel selbst sieht Rifkin romantisierend als Stifter eines neuen Gemeinschaftsgefühls: „Während einer Naturkatastrophe kommt die Gemeinde zusammen, und man hilft sich gegenseitig“, schwärmt er. Wenn Stürme, Buschfeuer und Überschwemmungen in schneller Abfolge auftreten, entstehe so ein neuer Zusammenhalt.

Wo zwischen den beiden Ökonomen Gemeinsamkeit herrscht

McAfee und Rifkin glauben beide, dass der Klimawandel noch zu bewältigen ist. Die Analyse und das Programm von Rifkin reichen jedoch weiter. Das macht sein Buch für Leser, die in das Thema tiefer einsteigen, deutlich relevanter. Allerdings müssen sie sich auf ein detailliertes Reformprogramm einlassen, das Rifkin vehement vertritt, ohne allzu sehr auf Alternativen einzugehen. Dafür bezieht er politische Machbarkeiten in seine Überlegungen mit ein.

Die übersetzte Ausgabe beinhaltet zudem ein neues Vorwort, das die deutsche und europäische Situation beleuchtet. Rifkin sieht Deutschland trotz einiger Schwächen als Vorbild. Die Regierungen von Gerhard Schröder und Angela Merkel hätten die Energiewende früh eingeleitet.

Einig sind sich die beiden Amerikaner auch in ihrer Ablehnung der aktuellen Politik ihres Präsidenten Donald Trump. „Es könnte die politische Polarisierung in den USA sein: Die Liberalen sind für Umweltschutz, also lehnen ihn die Konservativen reflexartig ab. So weit ist es in Amerika gekommen“, sagt McAfee. Diese Entwicklung sei besorgniserregender als der Klimawandel.

Auch hier sieht Rifkin eine Aufgabe für Bürger: Er fordert neues Engagement etwa in Initiativen und Gemeinden. Jeder Einzelne müsse Anschlusspunkte suchen, statt den anderen missionieren zu wollen.

Mehr: Jeremy Rifkin setzt auf Pensionsfonds und die „Generation Greta“. Sie sollen seinen Traum wahr machen: eine bessere, saubere Welt.

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