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BuchrezensionWas in der Debatte um Boltons Enthüllungsbuch bislang unterging

John Boltons Buch über seine Zeit als nationaler Sicherheitsberater verrät viel über US-Präsident Trump – aber noch mehr über die Hybris des Autors.Christian Rickens 25.06.2020 - 12:37 Uhr

Mehr Schlüsselloch als in dem Buch des ehemaligen Sicherheitsberaters geht kaum.

Foto: TOM BRENNER/The New York Times/R

Washington. Am 6. März 2018 traf John Bolton Donald Trump zu einem Termin im Oval Office, dem Amtszimmer des US-Präsidenten. Bolton brachte sich bei dieser Gelegenheit selbst für den Posten des nationalen Sicherheitsberaters ins Gespräch.

Der Amerikaner erklärte, wie er seine Aufgabe auf dem Posten verstehe, nämlich „sicherzustellen, dass alle Optionen vor dem Präsidenten ausgebreitet und seine Entscheidungen anschließend umgesetzt werden“. Wenig später bekam Bolton den Job.

So schildert es der 71-Jährige in seinem am Dienstag erschienenen Buch „The Room where it happened“ (deutsch: Der Raum, in dem es passierte). Es ist ein Enthüllungsbuch über Trump, aber ebenso eines über Bolton. Der agierte in seinen rund 17 Monaten als nationaler Sicherheitsberater nämlich keineswegs als der getreue Berater und Troubleshooter, zu dem er sich selbst stilisiert – und als der er sich womöglich sogar selbst sieht.

Tatsächlich versucht Bolton eine aggressive Außenpolitik inklusive amerikanischer Militärschläge umzusetzen, die in weiten Teilen Trumps Vorstellungen widerspricht. Mit Boltons Rücktritt im September 2019 hat auch eine Weltanschauung das Weiße Haus verlassen, die noch unter George W. Bush die US-Außenpolitik dominierte und das Land unter anderem in das verlustreiche Irak-Debakel geführt hat.

Dieser Aspekt geht in der Debatte über das Bolton-Buch bislang unter. Kein Wunder, schließlich sind die geschilderten Details über Trumps Amtsführung für sich genommen spektakulär. Bolton ist zwar nicht der erste, aber mit Abstand der höchstrangige Insider aus dem Weißen Haus, der seine Erfahrungen in Buchform schildert.

Wahlhilfe bei China angefragt

Und das Bild, das Bolton vom US-Präsidenten zeichnet, bestätigt viele schlimme Vorahnungen: Desinteressiert an Fakten, sprunghaft in seinen Entscheidungen, anfällig für Schmeicheleien. Auch an Wissen fehlt es ihm. Trump, so erinnert sich Bolton, hält Finnland für eine russische Provinz und fragt in einem anderen Fall überrascht nach, ob Großbritannien wirklich Atomwaffen besitze.

Einen ethischen Kompass scheint Trump nicht zu besitzen. Den chinesischen Präsidenten bittet er bei einem Gespräch völlig unverhohlen um Hilfe bei der Wiederwahl 2020: China solle ihm helfen, indem es mehr Agrarprodukte aus den USA einführt. Die landläufige Auffassung, dass Trump die Aufmerksamkeitsspanne eines elfjährigen Kindes besitze, hält Bolton für deutlich zu optimistisch. Er kolportiert, von dieser Zahl müsse man noch einmal etwa zehn Lebensjahre abziehen.

Für den Hauptvorwurf im gescheiterten Amtsenthebungsverfahren gegen Trump wäre Bolton der lange gesuchte Kronzeuge gewesen. Fast beiläufig schildert er, dass Trump tatsächlich Hilfsgelder für die Ukraine davon abhängig gemacht habe, dass die Ukraine belastendes Material gegen den Sohn von Trumps demokratischen Gegenkandidaten Joe Biden liefert.

„Ich habe Trumps Stimmung in Sachen Sicherheitshilfe für die Ukraine ausgelotet“, schreibt Bolton über ein Gespräch mit dem Präsidenten. „Er sagte, er sei nicht dafür, denen irgendwas zu schicken, bevor nicht alle Materialien aus der Russland-Untersuchung in Bezug auf (Hillary) Clinton und Biden übergeben worden seien.“

Genau dieser Beleg eines unzulässigen „Quid pro quo“ hatte 2019 im Verfahren vor dem US-Repräsentantenhaus gefehlt. Bolton hatte damals nicht als Zeuge ausgesagt. Nicht, dass es einen großen Unterschied gemacht hätte – Trump wäre wohl in jedem Fall mit den Stimmen der republikanischen Mehrheit im Senat vom Vorwurf des Machtmissbrauchs freigesprochen worden.

Dass Bolton nun bis zu seiner lukrativen Buchveröffentlichung wartet, um diese Details auszuplaudern, hat ihm in den USA viel Kritik eingebracht. Das Amtsenthebungsverfahren sei schlecht vorbereitet und von vornherein zum Scheitern verurteilt gewesen, rechtfertigt sich Bolton in einem Interview mit der „Washington Post“: „Ich habe keine Notwendigkeit gesehen, mich mit den Demokraten kollektiv von der Klippe zu stürzen.“

Bolton, das wird bei der Lektüre seines Buchs schnell deutlich, besitzt ein ähnlich stabiles Selbstbewusstsein wie Trump. Und so hat er auch kein Problem damit, seine angebliche Beraterfunktion auszunutzen, um Politikziele des Präsidenten zu hintertreiben, die ihm nicht in den Kram passen.

So zum Beispiel Trumps Idee, ein Abkommen mit den islamistischen Taliban zu schließen und die US-Truppen komplett aus Afghanistan abzuziehen. Während einer Videokonferenz geht es um einen von Trump gewünschten Gesprächstermin für die Taliban in Washington. „Mein Instinkt sagte mir, dass dieses Treffen das Abkommen lange aufhalten würde“, erinnert sich Bolton. „Das würde uns Zeit verschaffen, um das Abkommen auf irgendeinem anderen Weg zu versenken.“

Nicht nur in Afghanistan will Trump die US-Militärpräsenz reduzieren, sondern auch in Südkorea, Syrien, Europa. Immer wieder trägt er im Weißen Haus ungestüm seine Forderung vor. Bolton verwässert, verzögert, verschleiert. Aus seiner Sicht versucht er nur, die größten Torheiten des Präsidenten zu verhindern. Dieses zähe Ringen zwischen einem Präsidenten und seinem Chefberater liest sich sehr spannend – mehr Schlüsselloch geht kaum.

Kritik am Vorgehen im Iran

In Boltons Welt gibt es kaum ein Problem, das sich nicht mit genug Feuerkraft aus dem Weg schießen lässt. Zum Beispiel in Nordkorea: „Ich erklärte, wie ein Präventivschlag gegen Nordkoreas Atom- und Raketenprogramm aussehen könnte, wie wir massive konventionelle Bomben gegen Pjönjangs Artillerie einsetzen könnten, die Seoul bedroht.“ Auch im Iran-Konflikt plädiert Bolden für massive US-Luftangriffe und einen Sturz des islamistischen Regimes in Teheran.

Dass solche militärisch erzwungenen Regimewechsel weder in Afghanistan noch im Irak oder in Libyen zu einem dauerhaften Frieden geführt haben, ficht Bolton nicht an. Ernsthaft erschüttert ist er hingegen, als Trump einen geplanten Vergeltungsschlag gegen Militäreinrichtungen im Iran kurzfristig absagen lässt. Die vom US-Verteidigungsministerium geschätzte Zahl von 150 Toten auf iranischer Seite erscheint dem Präsidenten zu hoch – schließlich habe der Iran lediglich eine unbemannte Drohne abgeschossen.

In Venezuela ist es dann mal andersherum: Während Trump auf eine militärische Option drängt, um der demokratischen Opposition an die Macht zu verhelfen, will sich Bolton mit Sanktionen begnügen. Der Sicherheitsberater setzt sich durch – Venezuela ist immer noch eine sozialistische Diktatur.

Einig sind sich Trump und Bolton hingegen immer, wenn es darum geht, multilaterale Organisationen zu schwächen und internationale Verträge zu kündigen, sei es der Pariser Klimakompromiss oder das Atomabkommen mit dem Iran. Wahrscheinlich hat diese Gemeinsamkeit die beiden Alphamänner überhaupt erst zueinander geführt.

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Es gibt nur wenige Szenarien, wie vier Jahre Trump für die USA noch katastrophaler hätten verlaufen können. Dass Trump häufiger auf seinen obersten Berater gehört hätte, ist eines davon. Dieser Gedanke macht die Lektüre von Boltons Buch geradezu trostreich.

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