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Buchtipp: „Ja heißt ja und...“ Warum die #MeToo-Debatte nicht enden darf

Die Journalistin und Autorin Carolin Emcke fragt sich: Wie kann man heute über Lust, Macht und Gleichheit sprechen? Ein Buch wie ein offenes Gespräch.
05.12.2019 - 14:36 Uhr Kommentieren
Wir dürfen nicht schweigen und nicht tabuisieren, lautet Carolin Emckes Credo. Quelle: AP
#MeToo-Demonstrantinnen

Wir dürfen nicht schweigen und nicht tabuisieren, lautet Carolin Emckes Credo.

(Foto: AP)

Düsseldorf Für die Bestsellerautorin, Journalistin und Friedenspreisträgerin Carolin Emcke ist seit Beginn der 2017 ausgelösten #MeToo-Debatte ein Gespräch über Missbrauch und Sexualität entstanden, das nicht wieder abgebrochen werden kann.

Doch obwohl im öffentlichen Diskurs viel und kritisch nachgedacht wurde, bleiben Fragen: Welche Bilder und Begriffe prägen unsere Vorstellungen von Lust und Unlust? Wie lässt sich Gewalt entlarven und verhindern? Wie bilden sich die ästhetischen, politischen, ökonomischen Strukturen und Normen, in die wir alle – ob männlich, weiblich oder divers – hineinpassen müssen? Was wird verschwiegen, wer muss ohnmächtig bleiben?

Indem sie eigene Erfahrungen und soziale Gewohnheiten befragt, zeigt Carolin Emcke in „Ja heißt ja und …“, wie kompliziert das Verhältnis von Sexualität und Wahrheit immer noch ist. Entstanden ist ein Werk, das eigentlich mal für die Bühne geschrieben wurde: als sogenannte Lecture-Performance für die Schaubühne Berlin, 2018 erstmals und zuletzt im November in Stuttgart als Gastspiel aufgeführt. Der Titel „Ja heißt ja und…“ ist eine Anspielung auf den #MeToo-Slogan „Nein heißt nein“.

Im Buch führt Emcke ein frei assoziiertes Gespräch, das sie selbst schon im Untertitel als „Monolog“ beschreibt. Ein großer feministischer Monolog, der einem das Gefühl gibt, man sehe ihr beim Nachdenken in den Kopf. Emcke: „Ich schreibe, als ob ich murmeln würde: leise, mehr vor mich hin als schon an andere gerichtet. Es ist eher ein Nachdenken mit Tastatur. Schreibend denkt es sich genauer. Das ist intim. Wie Flüstern. Oder eben wie Murmeln.“

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    Flüsternd und murmelnd also schreibt sie präzise formuliert, wie fragil alle Gewissheiten sind, wenn sie sich im Dialog mit anderen beweisen müssen – selbst die Autorin fühlt sich nicht imstande, Antworten zu geben. Emcke: „Vielleicht schreibe ich deshalb in dieser merkwürdig unbestimmten Form, in Miniaturen und Fragmenten über Macht und Gleichheit, vielleicht geht das für mich nicht anders als suchend, wechselnd in den Gattungen, mal erzählerisch, mal analytisch. Vielleicht braucht es dieses Unfertige, damit es immer auch als Angebot zum gemeinsamen Nachdenken verstanden werden kann.“

    Carolin Emcke: Ja heißt Ja und...
    S. Fischer
    112 Seiten
    15 Euro

    Dabei hadert sie immer wieder auch damit, das, was doch so offensichtlich ist, noch fordern zu sollen. Beispielsweise dass sich für die eigene Lust, den eigenen Körper, das eigene Begehren niemand schämen müssen soll. „Jede und jeder“, fordert Emcke, „soll die eigene Lust entdecken und entwickeln können, in einer eigenen Sprache, mit dem eigenen Körper – und den Körpern und der Lust anderer.“

    Und niemand soll sich schämen, dem Gewalt angetan wurde, der gegen den eigenen Willen belästigt, bedrängt, angebrüllt, geschlagen, gedemütigt und ausgebeutet wurde. Niemand soll sich schämen, der sich nicht getraut hat, sofort zur Polizei zu gehen, der nicht schneller, nicht radikaler aus dem Radius der Gewalt oder des Machtmissbrauchs entkommen ist und der die Geschichte einer brutalen Vergewaltigung nicht ganz so linear erzählen kann, wie die Geschichte des letzten Einkaufs.

    Kein Schweigen, keine Tabus

    Emckes Credo lautet: Wir dürfen nicht schweigen. Wir dürfen nicht tabuisieren. Wirklich gut ist Emcke in den Passagen, wo sie analysiert, wie solche Mechanismen von ihr selbst Besitz ergreifen. Zum Beispiel, wenn sie bei einem gemeinsamen Abendessen erlebt, wie eine gute Freundin in ihrer Anwesenheit von ihrem Mann geschlagen wird. Und sie den Mann nicht zur Rede stellt. Sie sagt, sie habe gar keine Angst davor gehabt, sondern sie sei überhaupt nicht auf die Idee gekommen.

    Es sind Szenen wie diese, die einen durchrütteln und zeigen, dass keine Herkunft, kein Geschlecht, keine Sexualität, kein Status davor schützt, Macht, die einem zukommt, irgendwann, gedankenlos zu missbrauchen. In Zahlen liest sich das so: Alle 24 Stunden versucht in Deutschland ein Mann, seine Frau zu töten. Jeden dritten Tag gelingt es einem.

    147 Frauen wurden 2017 von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet. Die Frauen werden erstochen, mit einem Strick erwürgt, schwanger in den Fluss geworfen, totgeprügelt. Ausgerechnet im #MeToo-Jahr 2017 hat die Polizei wesentlich mehr Opfer von häuslicher Gewalt registriert als im Jahr zuvor.

    Laut der letzten Kriminalstatistischen Auswertung des Bundeskriminalamtes zur Partnerschaftsgewalt wurden 138.893 Menschen in Deutschland von ihrem Partner oder Ex-Partner misshandelt, gestalkt oder bedroht. 113.965 von ihnen waren Frauen, also 82 Prozent.

    Ein starkes und inspirierendes Buch, in dem Emcke ohne jeden Dogmatismus eine andere Sprache und eine Bewusstseinsänderung fordert. Ein Buch wie ein offenes und nachdenkliches Gespräch. Ein Gespräch, das nicht wieder abgebrochen werden kann.

    Mehr: Die „#MeToo“-Debatte über sexuelle Belästigung hat Alphamänner verstört. Viele halten Abstand zu Frauen. Die Wall Street könnte noch mehr zum Männerklub werden.

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