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  4. Zum Tod von George Floyd: Sind wir alle rassistisch?

BuchtippWarum sich beim Thema Rassismus jeder selbst hinterfragen sollte

Ein neues Buch zeigt: Rassismus ist kein US-Phänomen – und es gibt ihn nicht nur am rechten Rand der Gesellschaft. Auch Liberale und Linke sind Teil des Problems.Simone Wermelskirchen 11.06.2020 - 12:47 Uhr

Rassismus ist kein US-Phänomen, er findet auch im deutschen Alltag statt.

Foto: Pierre Adenis/laif

Düsseldorf. Tausende Menschen nehmen Abschied, tragen ihn zu Grabe. Der Tod des Afroamerikaners George Floyd, der bei seiner Festnahme durch die Polizei brutal ums Leben kam, löste in den USA eine Protestbewegung gegen rassistische Diskriminierung aus, wie es sie seit den Sechzigerjahren nicht mehr gegeben hat. „Black lives matter“ heißt die Botschaft, die derzeit um die ganze Welt geht.

„Wir müssen über Rassismus sprechen“, fordert US-Soziologin Robin DiAngelo in ihrem Bestseller „White Fragility“, der bislang nur auf Englisch erschienen ist, aber auch bald in der deutschen Übersetzung herauskommt

Die Rassismusforscherin lehrt an der University of Washington in Seattle und sucht seit mehr als 20 Jahren Antworten auf entscheidende Fragen: Was ist rassistisches Verhalten? Wo und wie äußert es sich? Wie lässt es sich verhindern?

Nach dem Mord an Floyd schlossen sich auch in deutschen Städten viele Menschen den Protesten an. Seitdem wird mit Nachdruck diskutiert: Ist Rassismus in Deutschland nicht ein auf den rechten Rand der Gesellschaft begrenztes Phänomen?

Experten widersprachen wie etwa der Historiker und Migrationsexperte Patrice Poutrus, der an der Uni Erfurt lehrt. Bei Institutionen wie der Polizei, aber auch der Justiz, sagte er, herrsche auch in Deutschland eine „Wagenburgmentalität“. Es werde nicht gefragt, ob Rassismus möglich sei, sondern davon ausgegangen, dass es eben nicht so ist.

Auch in Deutschland erfahren – ganz wie Autorin DiAngelo es definiert – ganze Gruppen der Bevölkerung, dass ihnen im Kollektiv Eigenschaften zugesprochen werden.

Simple Alltagssituationen belegen das: Da muss ein dunkelhäutiger Familienvater immer wieder seinen Personalausweis vorzeigen und ärgert sich. Ein arabischstämmiger Gymnasiast beklagt sich, dass er trotz guter Schulbildung auf dem deutschen Arbeitsmarkt wesentlich länger suchen muss als seine Klassenkameraden. Eine Familie mit Migrationshintergrund räumt resigniert ein, dass sie schon damit gerechnet habe, sehr lange nach einer neuen Wohnung suchen zu müssen.

Nein, Rassismus ist kein US-Phänomen. Das vermittelt DiAngelo den Lesern gleich im Vorwort: „In Wirklichkeit gilt, je weniger über Rassismus gesprochen wird, umso tiefer gründet das Verhalten, das Weiße auf Rassismusdebatten reagieren lässt“, schreibt sie.

Problematische Haltung – auch in linken Kreisen

Unzählige Male hat sie diese ablehnende Haltung, das Leugnen erlebt, unter anderem in vielen Unternehmensworkshops. Das Handlungsmuster definiert sie mit einem festen Begriff: White Fragility – weiße Zerbrechlichkeit.

Diese Haltung findet sich nach Ansicht der Autorin auch, wo niemand sie vermutet: bei Liberalen und Linken. Denn genau dort sei der Glaube tief verwurzelt, man wisse alles über Rassismus und verhalte sich ganz bestimmt nicht so. Vergessen werde dabei, dass es sich um ein von Kindesbeinen an internalisiertes Verhaltensmuster handele. Wer aber rassistisches Verhalten abstreite, mache es den Betroffenen unmöglich über ihre Erfahrungen zu sprechen – sie werden erneut zu Opfern.

Der Wert von DiAngelos Buch liegt darin, ihre Leser zum Nachdenken anzuregen, sich selbst zu hinterfragen und Rückmeldungen auf unbewusst rassistisches Verhalten zuzulassen. Selbst die Autorin räumt ein: „Es ist ein lebenslanger, schwieriger Prozess, meine erklärten Wertvorstellungen mit meinem tatsächlichen Handeln in Einklang zu bringen.“

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