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Buchtipp Zwei Sprachprofiler helfen Unternehmen im Kampf gegen Kriminelle

Ein Ex-Verfassungsschützer und ein Datenanalyst jagen Erpresser und vermeintliche Whistleblower. Ein neues Buch gibt Einblick in ihre Arbeit.
25.06.2020 - 14:53 Uhr Kommentieren
Nicht immer bleibt der Verfasser anonym: Rechtschreibung oder verwendete Sonderzeichen können ihn verraten. Quelle: Lucas23/Pixabay
Anonymes Schreiben unter der Lupe

Nicht immer bleibt der Verfasser anonym: Rechtschreibung oder verwendete Sonderzeichen können ihn verraten.

(Foto: Lucas23/Pixabay)

Düsseldorf Der neue Vertriebsleiter des Pharmakonzerns hatte noch nicht alle Kartons ausgepackt, als das anonyme Schreiben mit Vorwürfen gegen ihn die Compliance-Stelle erreichte. Er war gerade von seinem Arbeitgeber befördert worden und frisch von Zürich nach Düsseldorf gezogen.

Nun warnten offenbar mehrere ehemalige Mitarbeiter vor ihm: Der Manager sei bekannt für sein „übergriffiges Verhalten“, habe eine Auszubildende im Fahrstuhl bedrängt, eine andere zum Schwangerschaftsabbruch getrieben. „Auch wenn wir Schweizer gerne neutral sind“, hieß es in dem Schreiben weiter, „Unrecht darf sich nicht durchsetzen!“

Schreiben wie dieses liegen regelmäßig bei Ex-Verfassungsschützer Leo Martin und Datenanalyst Patrick Rottler auf dem Schreibtisch. Die beiden führen in München eine Art Sprachdetektei, analysieren Erpresserbriefe, Bekennerschreiben und andere Schriften, um anonymen Autoren ein Gesicht zu geben.

Zwei bis drei Aufträge bekommen sie laut eigenen Angaben pro Woche, meistens von Unternehmen. Ihre Methoden und spannendsten Fälle beschreiben Martin und Rottler in ihrem neuen Buch „Die geheimen Muster der Sprache“.

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    Auf etwas mehr als 200 Seiten zeigen sie, wie sie aus Wörtern Täterprofile formen: Regional gefärbte Begriffe lassen etwa Rückschlüsse auf die Herkunft des Schreibers zu, elaborierte Formulierungen auf den Bildungsgrad und die Verwendung der alten Rechtschreibung auf das Alter.

    Meistens geht es um Briefe, manchmal auch um Chatverläufe oder Bewertungen im Internet. Jeden Text lesen die Münchner bis zu 50 mal. Bis sie ihre Gutachten erstellt haben, dauere es bei einem einfachen Fall 30 bis 40 Stunden.

    Patrick Rottler, Leo Martin: Die geheimen Muster der Sprache.
    Münchner Verlagsgruppe
    240 Seiten
    14,99 Euro

    Dass es Martin und Rottler gelingt, trotz des eher trockenen Themas und der zumindest stellenweise banalen Analysen Spannung aufzubauen, liegt vor allem an ihrer Erzählweise. Sie verweben die trockene Theorie mit echten Fällen und beziehen den Leser so in die Täterjagd mit ein. Der Diebstahl des goldenen Kekses, der die Fassade des Hannoveraner Unternehmens Bahlsen schmückte, ist dabei noch der harmloseste Fall.

    Im Buch geht es beispielsweise um einen Hacker, der eine große Kanzlei in den letzten Stunden einer Übernahmeverhandlung lahmgelegt hat. In einem anderen Fall drohte ein frustrierter Mitarbeiter damit, sensible Geschäftsgeheimnisse zu veröffentlichen, um eine geplante Fusion in der Halbleiter-Branche zu torpedieren.

    Und dann sind da noch die vermeintlichen Whistleblower, die interne Beschwerdesysteme missbrauchen, um Kollegen anzuschwärzen. Etwas, das laut den Autoren immer häufiger vorkommt.

    Im Fall des beschuldigten Vertriebsleiters nahm das Pharmaunternehmen die Vorwürfe ernst und befragte in den folgenden Wochen alle ehemaligen Mitarbeiterinnen – selbst jene, die den Konzern schon vor Jahren verlassen hatten. Die Frauen teilten mit, dass der Manager zwar für seine direkte Kommunikation und sein forsches Auftreten bekannt sei. Von einem sexuellen Übergriff erzählten sie aber nicht. Das Unternehmen bat daraufhin Martin und Rottler um Hilfe.

    Firmen, die sich wie der Pharmakonzern an die beiden Autoren wenden, wollen in der Regel keine Ermittler im Haus, keine Staatsanwaltschaft und vor allem: keine Öffentlichkeit. Deshalb engagieren sie lieber Martin und Rottler als das Bundeskriminalamt einzuschalten, das ebenfalls eine Abteilung für forensische Linguistik eingerichtet hat.

    Das Buch profitiert von diesen geheimen und internen Geschichten, wenngleich die Autoren die Namen und andere Details in den meisten Fällen ändern mussten. Es sind die Wirtschaftsintrigen, die „Die geheimen Muster der Sprache“ auch für Nicht-Linguisten lesenswert machen.

    Cyberkriminalität, Attacken aus dem eigenen Haus und die Frage, wie Unternehmen mit anonymen Bedrohungen umgehen sollten, gehören zum Alltag großer Unternehmen. Trotzdem werden sie sonst nur selten in der Öffentlichkeit thematisiert.

    Im Fall des Pharmamanagers konnten Martin und Rottler den Schreiber der Vorwürfe zunächst nicht identifizieren. Sie stellten zwar fest, dass er anders als behauptet vermutlich kein Schweizer war. Verraten hatte ihn ein Buchstabe: Das ß, das es auf Schweizer Tastaturen gar nicht gibt.

    Zudem fanden sie mit der Formulierung „Es bleibt nur mehr wenig Zeit“ ein Merkmal, das auf einen Österreicher hindeutete. Doch dem neuen Vertriebsleiter fiel niemand ein, der zu dem Profil passte und dem er zugetraut hätte, ihn mit einem solchen Schreiben anzuschwärzen.

    Einige Wochen später konnte der Autor dann doch noch überführt werden. Der nationale Vertriebsleiter aus Wien hatte sich bei der Beförderung des Managers übergangen gefühlt. Deshalb plante er heimlich den Wechsel zum größten Konkurrenten und wollte Wettbewerbsregeln umgehen.

    Sein Plan flog auf, er wurde freigestellt. In seinem Büro fand eine Mitarbeiterin später einen abgerissenen Zettel: die Vorlage für das Schreiben an die Compliance-Stelle.

    Mehr: Unternehmen sehen Cyberkriminalität laut einer Studie als größtes Risiko

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