Ukraine: Die neue Normalität in Russland – ausgelöst durch den Krieg
Die Bücher geben Einblicke in das Leben der Menschen in Russland.
Foto: HandelsblattRiga. Fast zwei Jahre sind seit Russlands groß angelegter Invasion der Ukraine im Februar 2022 vergangen. Die Auswirkungen in der Ukraine sind katastrophal. Aber auch das Land, von dem die Aggression weiterhin ausgeht, ist heute ein anderes als vor dem großflächigen Überfall: Das Maß an Repression, Unterdrückung, Verfolgung und Gewalt ist zu neuen Extremen angewachsen, Hunderttausende haben Russland verlassen, doch Millionen sind geblieben.
Warum bleiben manche, warum verlassen andere das Land? Wie können jene, die weiterhin im Land arbeiten, ihre Einblicke mit der Außenwelt teilen, ohne ihre eigene Sicherheit zu gefährden? Welche Grundsteine für Russlands Angriffskrieg wurden in der Vergangenheit gelegt, welche Kontinuitäten erlauben die Aggressionen im Nachbarland? Fünf aktuelle Bücher erlauben eine Annäherung an diese Fragen.
1. Russland von innen. Leben in Zeiten des Krieges
„Auch Russland selbst wird durch den Krieg unumkehrbar verändert. In kürzester Zeit schlittert das Land an den Rand des Totalitarismus“, schreiben Miriam Beller und Paul Krisai, Korrespondenten des Österreichischen Rundfunks. Anschaulich und aus nächster Nähe zeichnen die beiden Journalisten die Entwicklung des Land ab 2022 nach. „Wie so oft in der Geschichte ist Moskau Schauplatz historischer Umwälzungen“, urteilen sie.
Krisai und Beller nehmen ihre Leser mit auf eine Reise zurück zu den Anfängen der groß angelegten Invasion der Ukraine – und auf eine Reise durch Russland und einige angrenzende Staaten. Anhand von Geschichten über Russinnen und Russen veranschaulichen sie, wie die Staatspropaganda wirkt, welche Auswirkungen auf die Gesellschaft die Mobilmachung im September 2022 hatte, wie Repression und Verfolgung Andersdenkender die Gesellschaft zersetzt und der Kreml immer repressivere Gesetze erlässt.
Sie berichten von Menschen, die das Land verlassen, und von denen, die bleiben. „In der Gesellschaft brechen tiefe Gräben auf: Hunderte Kriegsgegner und -gegnerinnen landen für ihre Proteste hinter Gittern, Millionen andere schweigen.“
In diesem Kontext gewährt das Buch auch besondere Einblicke in ihre journalistische Arbeit vor Ort. Vor allem seit der Verhaftung des US-Journalisten Evan Gershkovich ist auch in Europa bekannt, welche Risiken ausländische Journalistinnen und Journalisten mit ihrer Arbeit vor Ort eingehen.
Krisai resümiert: „Dieses Land von innen zu sehen, zu erleben, wie sich diese Gesellschaft verändert, während der Kreml Krieg gegen das Nachbarland führt – das ist meine journalistische Motivation, die mich in Moskau bleiben lässt. Trotz Zensur.“
2. Das Land, das ich liebe. Wie es wirklich ist, in Russland zu leben
Die russische Investigativ-Journalistin Jelena Kostjutschenko wurde für ihre Arbeit in Russland beleidigt, körperlich angegriffen, später selbst im Ausland offenbar vergiftet, dennoch trägt ihr Werk den Titel: „Das Land, das ich liebe“.
„Ich denke, jetzt, in Zeiten des Krieges, müssen wir uns dringend darüber klar werden, was wir fühlen und warum. Was unsere Gefühle sind und was die Dinge, die uns zu diesen Gefühlen verpflichten“, schreibt sie im Vorwort zur deutschen Ausgabe. Kostjutschenko schrieb 17 Jahre lang für die unabhängige Zeitung „Nowaja Gaseta“, die in Russland nicht mehr erscheinen darf, und lebt nun in Berlin.
Auf beeindruckende Weise, trotzdem mit enormer Leichtigkeit in der Sprache, erklärt die Autorin, wie Russland zu jenem Staat wurde, der es jetzt ist. Ihr Buch ist intim und persönlich, Kostjutschenko schreibt über Kindheitserinnerungen, frühe Gespräche mit ihrer Mutter über Politik, ihre erste Zeitungslektüre, ihre Bewunderung für die Investigativjournalistin Anna Politkowskaja.
Doch vor allem fasst sie die Härte und Brutalität des Regimes in Worte, die repressive Gesetzgebung und aggressive Umsetzung, schreibt über Sexarbeiterinnen, die Verfolgung queerer Menschen, später über Ärzte in der Ukraine, in die sie kurz nach Beginn der groß angelegten Invasion als Reporterin reist.
Immer wieder schafft sie Verbindungen zwischen der Aggression nach außen und dem Umgang mit der Gesellschaft im Innern: „Im Jahr 2021 haben russische Gerichte über das Schicksal von 783.000 Menschen entschieden. Es gab genau 2190 Freisprüche. Zweitausendeinhundertneunzig. Die Chancen, freigesprochen zu werden, liegen bei 0,28 Prozent.“
3. Meine Mutter hätte es Krieg genannt
Die Journalistin Anna Politkowskaja war die wohl berühmteste Reporterin Russlands und eine der bedeutendsten Kritikerinnen Putins. Vor ihrer Ermordung 2006 berichtete sie unnachgiebig über das Versagen russischer Behörden, über Korruption im Verteidigungsministerium, über den Krieg in Tschetschenien. Wie erschreckend aktuell ihre Geschichte ist, zeigt der Band „Meine Mutter hätte es Krieg genannt“, verfasst von ihrer Tochter Vera Politkowskaja und der italienischen Journalistin Sara Giudice.
Vera Politkowskaja, ausgebildete Musikerin, schildert aus einer bisher wenig bekannten Perspektive, was ihre Mutter antrieb, wie die Drohungen gegen sie die Erziehung und das Familienleben beeinflussten und wie ihre Arbeit noch heute nachwirkt. „Von klein auf habe ich mit den Drohungen gelebt, die aus unterschiedlichen Richtungen gegen meine Eltern oder auch die ganze Familie gerichtet wurden“, beschreibt sie. „Mein Bruder und ich wussten, wie wir uns in diversen Gefahrensituationen zu verhalten hatten.“
Zum Zeitpunkt der Ermordung ihrer Mutter ist Vera Politkowskaja selbst schwanger. Doch auch nach dem Tod der Mutter stellt das Erbe der Reporterin für Putins Unterstützer offensichtlich eine Bedrohung dar – vor allem seit Beginn der Invasion in der Ukraine.
Nach Morddrohungen gegen die eigene Tochter flieht sie aus Russland und lebt nun an einem unbekannten Ort. „Seit man in der Schule angefangen hatte, über den Konflikt in der Ukraine zu reden, war sie den Anfeindungen ihrer Klassenkameraden ausgesetzt.“ Politkowskaja kommt zu dem Schluss: „Nichts hat sich geändert. Die Männer, die meine Mutter allein mit der Kraft ihrer Worte bekämpfte, sind noch immer da.“
4. Nimm meinen Schmerz. Geschichten aus dem Krieg
Auch die bekannte russische Journalistin Katerina Gordeeva lebt im Exil. Für ihr Buch „Nimm meinen Schmerz“ traf sie Ukrainerinnen und Ukrainer, die ihre Erlebnisse im Krieg beschreiben: Mütter, die ihre Kinder sterben sahen, junge Männer, die Gliedmaßen verloren, Menschen, die als einzige ihrer Familien noch am Leben sind.
Die Geschichten zu lesen ist schmerzlich, Gordeeva erzählt sie ungeschönt und detailreich. Wie im Falle von Tania, die bei Kiew lebte und von ihrer Rettung unter Beschuss berichtet. Ein Auto sei aufgetaucht. „Wir krochen auf allen vieren hin, kletterten rein: meine Mutter, ihre Schwester, ich, die Kinder. Und er trat aufs Gas. Ich schaute zurück und sah meinen Mann und meine älteste Tochter im Straßengraben stehen, im Kugelhagel, während ich wegfuhr. Das war der schlimmste Moment meines Lebens.“
Gordeeva schreibt über Frauen, die von russischen Soldaten vergewaltigt wurden, über Mütter, die sich selbst verletzen, aber auch über russische Frauen, deren Partner nach der Rückkehr von der Front in der Ukraine Suizid begehen.
Die Gespräche, die Gordeeva in Deutschland, Polen, Italien und auch in Russland selbst dokumentiert, offenbaren die tiefen Abgründe zwischen Ukrainern und Russen: den Schmerz, das Leid, die Trauer der Ukrainerinnen und Ukrainer auf der einen Seite. Die Schuld der Russinnen und Russen auf der anderen, die Sprachlosigkeit und Scham der Autorin selbst.
Gordeeva schreibt aus einer bemerkenswerten Perspektive, weil sie sowohl in der EU als auch in Russland selbst recherchieren kann. Dass die Behörden sie dabei gewähren lassen, wundere sie selbst am meisten, sagte sie jüngst in einem Interview.
5. Die chauvinistische Bedrohung
Herausragend ist auch Sabine Fischers Buch „Die chauvinistische Bedrohung“, das verdeutlicht, dass die Dynamiken und Schicksale der oben genannten Bücher keinesfalls Resultat zufälliger Ereignissen sind. Zur Einordnung vieler aktueller Neuerscheinungen zu Russland ist Fischers Buch unerlässlich.
Die Politikwissenschaftlerin verknüpft gekonnt Beobachtungen aus ihren Aufenthalten in Russland mit einer tief greifenden Analyse des russischen Machtapparats und dessen Wirkung auf die Gesellschaft. Anhand des Begriffs „Chauvinismus“, den sie als „übersteigertes Überlegenheitsgefühl einer Gruppe“ beschreibt, „verbunden mit Verachtung, Feindseligkeit und aggressivem Dominanzverhalten gegenüber Personen außerhalb dieser Gruppe“, analysiert sie, wie Nationalismus, Sexismus und Autokratie als Mechanismen hinter Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine zu verstehen sind.
Am Beispiel von häuslicher Gewalt macht Fischer deutlich, dass Opfer durch das Gesetz kaum geschützt werden und das Recht des Stärkeren gilt. Diese Legitimation von Gewalt im Kleinen, so Fischers Analyse, prägt nicht nur das Verhältnis der Staatsorgane zu den eigenen Bürgerinnen und Bürgern, sondern auch das Auftreten des Staates im Internationalen.
„Chauvinismus führt zur Entgrenzung von Gewalt. Chauvinistische Gewalt beginnt in der Privatsphäre, setzt sich im öffentlichen Raum und auf der internationalen Ebene fort und wirkt von dort in die Privatsphäre zurück“, so Fischer.
Fischer legt in ihrem Buch Wert darauf, auch auf Europa und Deutschland zu schauen: „Auch wo liberale Demokratien erodieren, können sich chauvinistische Gewalt, Nationalismus und Sexismus ausbreiten. Demokratien können so zu Autokratien werden.“ Was schützt? „Freiheits-, Menschen- und Minderheitenrechte, Gewaltenteilung und freie Wahlen, Rechtsstaatlichkeit, Pluralismus, Geschlechtergerechtigkeit und Diversität.“