Anlagestrategien: Rotation an der Börse: Experten erwarten einen neuen Aktientrend
Der französische Luxuskonzern LVMH, zu dem die Marke gehört, ist ein Börsenschwergewicht im Euro-Raum.
Foto: BloombergDie Experten der US-Bank Goldman Sachs erkennen eine „europäische Renaissance“. Nachdem die Börse in den USA in der Breite alle Verluste durch die Coronakrise mehr als aufgeholt hat und die Tech-Titel sogar neue Rekorde gestreift haben, stellt sich die Frage: Was kommt als Nächstes? Erlebt Europa eine ähnliche Wiedergeburt? Es geht aber nicht nur um Regionen, sondern auch um den Mix der Branchen.
„Rotation“ heißt das Zauberwort der Analysten. Die Experten wollen damit aber weniger andeuten, dass sich etwas drehen wird. Es geht vielmehr um einen Wechsel der bisherigen Favoriten. Favorisiert waren über die vergangenen Jahre Anlagen an der Wall Street und Technologieaktien.
Doch jeder Boom ist einmal erschöpft, ein Wechsel der Investorenvorlieben daher sehr wahrscheinlich. Auch aktuell spekulieren deshalb viele Marktbeobachter, auf welche anderen Länder und Branchen sich die internationalen Finanzströme demnächst konzentrieren könnten.
Und das ist eher ein taktisches als ein strategisches Thema. Die kommenden Wochen oder Monate sind dabei entscheidender als die ganz lange Frist. Und es ist ein schwieriges Thema. Innerhalb der US-Börse schien es eine Weile, als holten die traditionellen Aktien gegenüber den Tech-Titeln auf.
Die Logik dahinter: Tech-Titel entwickeln sich auch in der Krise gut, wenn die Leute zu Hause sitzen, traditionelle Unternehmen sollten dagegen stärker von der vorsichtigen Öffnung der meisten Volkswirtschaften profitieren. Doch bis zuletzt hatten in Amerika trotzdem die Tech-Titel den besseren Lauf.
Goldman Sachs macht aber darauf aufmerksam, dass der Euro Stoxx 50, der die wichtigsten Aktien im Euro-Raum abbildet, zuletzt besser gelaufen ist als die meisten anderen Aktien. „Der EU-Wiederaufbaufonds, weiterer fiskalischer Stimulus in Deutschland und die Unterstützung der Europäischen Zentralbank (EZB) haben zum Vertrauen der Investoren in eine deutlichere Erholung beigetragen“, heißt es.
Dies sei im Optionsmarkt noch deutlicher als direkt bei den Aktienkursen zu erkennen: Die Anzahl der Kaufoptionen sei im Vergleich zu der der Verkaufsoptionen stark gestiegen. Erstere, auch „Calls“ genannt, sichern den Erwerb der Papiere zu einem bestimmten Preis und legen bei steigenden Kursen überproportional zu. Das Gegenstück, „Puts“ genannt, sichert Verkaufspreise ab und schützt damit dagegen fallende Kurse.
Die große Rotation
Nur in Großbritannien sei die generelle „Rotation“ etwas verzögert, stellen die Analysten von Goldman fest. Darin komme die langsamere Öffnung der Wirtschaft zum Ausdruck, außerdem drohten Risiken im Zusammenhang mit dem Brexit, dem Ausstieg des Landes aus der Europäischen Union (EU).
Und sie nennen noch einen speziellen Grund dafür, dass europäische Titel attraktiver gegenüber amerikanischen werden: In den USA wächst die Sorge oder Hoffnung, dass der Demokrat Joe Biden den bisherigen Präsidenten Donald Trump bei der Wahl im kommenden Herbst ablösen könnte.
Biden gilt zwar als politisch moderat und seine Wahl allein würde noch nicht die Machtverhältnisse im Kongress verändern. Aber Goldman hat schon häufiger gewarnt, dass die Demokraten Steuererhöhungen fordern, die die Gewinne je Aktie in den USA erheblich belasten würden.
Beim Vergleich der Bewertungen zieht Goldman für Europa den breiten Aktienindex Stoxx 600 heran, für die USA den S&P 500 und für Japan den Topix. Dabei sehen sie für die USA ein Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von knapp 23, also der Kurs ist 23-mal so hoch wie der Gewinn je Aktie.
In Europa liegt dieses KGV bei 18, in Japan bei knapp 16. Gemessen an historischen Werten sind diese Bewertungen überall relativ hoch. Die Dividendenrendite liegt in den USA bei knapp zwei Prozent, in Europa bei gut drei Prozent und in Japan bei zweieinhalb Prozent.
Banken der nächste „Trade"
Ganz ähnlich glaubt das Researchhaus KBW, das auf Finanzwerte spezialisiert ist, dass die europäischen Banken der nächste „Value-Trade“ seien, also dass sie mit ihrer relativ günstigen Bewertung Investoren anziehen werden. Dabei sehen die Experten dort unter anderem die Schweizer UBS und die französische BNP als aussichtsreich an, dagegen sind sie zum Beispiel gegenüber ABN Amro und Deutscher Bank eher skeptisch.
Stefan Kreuzkamp, Chefanlagestratege der Fondsgesellschaft DWS, warnt dagegen: „Banken in der EU sollten Anleger neben extrem vom Abschwung betroffenen Firmen etwa aus den Sparten wie Konsum, Tourismus, Industrie, Luftfahrt meiden.“ Er kann sich eher mit den Sparten Verbrauchsgüter, IT, Telekom und Versorger anfreunden. Er bleibt auch insgesamt auf Abstand gegenüber Europa.
Nach Regionen gewichtet der Stratege Asien außer Japan aktuell am höchsten vor den USA, Europa und Japan. Asien sei als erste Region in die Coronakrise hineingeraten und finde am schnellsten wieder hinaus, meint er.
Effiziente politische Maßnahmen und weniger stark eingebrochene Firmengewinne hätten die Region nicht so stark leiden lassen. Die USA, wie Europa stark getroffen von der Pandemie, erholten sich relativ rasch durch ihren gewichtigen Anteil junger und gesunder Firmen aus den wirtschaftlich bedeutenden Sektoren Technologie, Gesundheit und Kommunikation.
Doch auch Europas Wirtschaft hat seiner Ansicht nach gutes Erholungspotenzial: Das Gewinnwachstum je Aktie fällt in diesem Jahr gegenüber 2019 zwar auf 70 Prozent, nähert sich aber bis 2022 wieder fast dem Niveau vor der Krise an. Im Fokus seines globalen Aktienportfolios stehen Technologietitel mit ihrem strukturellen Wachstumspotenzial, das durch aktuelle Entwicklungen wie soziale Distanz und Heimarbeit verstärkt wird.
Immerhin findet auch der DWS-Stratege, es sei „Zeit, wieder etwas zyklischer zu werden“. Einige konjunktursensible Branchen wie Grundstoffe profitierten bereits von einer beginnenden Erholung.
Auf die Branchengewichtung achten
Wer eine breite Risikostreuung liebt, kann die bekanntesten Indizes leicht über börsengehandelte Fonds (ETFs) kaufen, die ganze Indizes abbilden. Dabei ist in den USA der S&P 500 besonders populär, der mit 500 Titeln ein sehr breiter Index ist. Im Euro-Raum ist der Euro Stoxx 50 mit 50 Titeln gefragt, in Deutschland der Dax mit 30 Titeln. Eine interessante Variante ist der Stoxx Europe 50, der auch europäische Titel außerhalb des Euro-Raums, etwa aus der Schweiz und Großbritannien, enthält.
Vergleicht man die Indizes, so zeigen sich sehr unterschiedliche Profile. Die größten Unternehmen im Euro Stoxx 50 sind mit LVMH und L’Oréal Beispiele aus der französischen Luxusbranche. LVMH bringt rund 200 Milliarden Euro an Marktkapitalisierung auf die Waagschale, L’Oréal etwa 150 Milliarden.
Auf Platz drei folgt mit knapp 150 Milliarden SAP als größter deutscher Wert, kurz dahinter mit dem Chip-Konzern ASML noch ein Tech-Wert. Danach folgen aber traditionelle Unternehmen wie Unilever, Sanofi, Total, Linde und Siemens. Insgesamt stehen die französischen Werte mit über 35 Prozent weit im Vordergrund, und mit fast 15 Prozent dominiert die Finanzbranche knapp vor zyklischen Konsumwerten, IT und Industrie.
Ganz anders der Stoxx Europe 50. Dort liegen Großbritannien und die Schweiz vorn vor Frankreich. Nestlé und Roche sind die größten Positionen. Bei den Branchen liegt „Gesundheit“ mit den Schwergewichten der europäischen Pharmaindustrie vorn, danach kommen die Konsumgüter des täglichen Gebrauchs, wo allein schon Nestlé einen starken Akzent setzt. Im Dax wiederum liegen SAP, Linde, Siemens, Allianz und Volkswagen vorn.
Von den Branchen her dominieren die Finanzwerte mit rund 17 Prozent. Nimmt man aber die Positionen Grundstoffe, wozu etwa chemische Produkte gehören, „Industrie“ und „zyklische Konsumgüter“ zusammen, dann ist man nicht mehr weit von 40 Prozent entfernt. Das heißt: Die klassische Industrie und verwandte Bereiche beherrschen den Index.
Zum Vergleich: Im S&P 500 stehen Apple mit 1,4 Billionen Dollar, Amazon, Microsoft, Alphabet (Google) und Facebook mit gut einer halben Billion Dollar Marktwert an der Spitze. IT macht rund ein Viertel des Indexes aus, danach folgt Gesundheit mit 15 Prozent und dann kommen mit je rund zehn Prozent Kommunikation, Finanzwerte und zyklische Konsumartikel.
Dax „überschossen“?
Rotation ist also ein wichtiges Thema. Die Frage ist nur: Wie weit wird sie gehen? Oder ist sie vielleicht schon zu weit gegangen? Kreuzkamp ist deutlich vorsichtiger als seine Kollegen bei Goldman. Nach dem rasanten Anstieg der Aktienkurse seit dem Tief Mitte März um rund 50 Prozent sieht er das Kurspotenzial in diesem Jahr als ausgereizt an.
Beim wichtigsten US-Index S&P 500 sei das Ziel von 3200 Punkten nahezu erreicht. Der Dax habe das Kursziel von 12.000 Zählern sogar klar „überschossen“, meint er. So rechnet der Stratege international „mit temporären Rücksetzern“ bei den Aktienkursen, die die DWS-Fondsmanager aber zum Nachkaufen nutzen wollen.