Berkshire Hathaway: Coronakrise verhagelt Buffett das Jubiläum
Der Investor wurde mit Berkshire Hathaway zu einem der reichsten Männer der Welt.
Foto: AFPNew York. Es hätte eine große Party werden sollen, ganz nach Warren Buffetts Geschmack. Seit 55 Jahren steht der Star-Investor an der Spitze von Berkshire Hathaway – eine absolute Seltenheit im schnelllebigen Corporate America. Doch statt mit seinen Aktionären auf der Hauptversammlung am Samstag zu feiern, musste Buffett umplanen.
Das Aktionärstreffen, das klassischerweise über zehntausend Anleger aus der ganzen Welt an den Konzernsitz nach Omaha im US-Bundesstaat Nebraska lockt, wird dieses Jahr nur via Livestream stattfinden – zum ersten Mal überhaupt.
Schuld ist die Coronakrise. Großveranstaltungen sind verboten, und in Zeiten einer schweren Rezession wird auch die digitale Übertragung eher nüchtern gehalten werden und kürzer sein als sonst. In den vergangenen Jahren verbrachten Buffett und sein stellvertretender Verwaltungsratschef Charlie Munger jeweils sechs Stunden damit, die Fragen der Aktionäre zu beantworten.
Der 96-jährige Munger werde dieses Mal nicht an der Veranstaltung teilnehmen, teilte Berkshire am Montag mit. Stattdessen werde Greg Abel, der Chef von Berkshires Energiesparte gemeinsam mit Buffett Fragen der Aktionäre beantworten.
Abel wurde vor zwei Jahren ebenfalls in den Verwaltungsrat berufen und ist dort für alle Angelegenheiten außer dem Versicherungsgeschäft verantwortlich. Der langjährige Berkshire-Manager gilt als der wahrscheinliche Nachfolger von Buffett. Mit dem Auftritt am Samstag sollen die Aktionäre einen besseren Eindruck von dem gebürtigen Kanadier bekommen.
In der Coronakrise war Buffett bislang ungewöhnlich still. Dabei wollen viele Anleger gerade jetzt etwas von dem Star-Investor hören, der im Sommer 90 Jahre alt wird. Buffett hat schließlich schon viele Krisen durchgemacht.
In der Finanzkrise ging er als der große Gewinner hervor. Die Beteiligungen an General Electric, Goldman Sachs und der Bank of America waren äußerst lukrativ und gelten an der Wall Street heute als Musterbeispiele profitabler Rettungsaktionen. „Sei gierig, wenn andere Angst haben, und habe Angst, wenn andere gierig sind“, hat der Berkshire-Chef stets propagiert, der von seinen Fans den Spitznamen „Orakel von Omaha“ bekam.
Doch die Coronakrise ist anders – auch für Buffett. „Berkshire ist von dieser Krise genauso betroffen wie alle anderen Unternehmen auch“, gibt Lawrence Cunningham zu bedenken, der an der George Washington University Jura unterrichtet und mehrere Bücher über das Unternehmen geschrieben hat.
In den vergangenen 55 Jahren hat Buffett Berkshire zu einem riesigen Konglomerat gemacht, zu dem neben einer Industrie-, einer Versicherungs- und einer Energiesparte auch milliardenschwere Aktienpakete gehören sowie rund 80 kleine und mittelständische Unternehmen. Berkshire macht den überwiegenden Teil des Umsatzes in den USA und ist damit eng an die Stärken und Schwächen der größten Volkswirtschaft der Welt gebunden, die derzeit besonders stark unter dem Coronavirus leidet.
Die Auswirkungen des Shutdowns ziehen sich durch fast alle Bereiche des Konzerns: Der Süßigkeitenhersteller See’s Candy schickte sein Verkaufspersonal Anfang April in unbezahlten Urlaub, schließlich mussten alle 240 Geschäfte schließen, ebenso wie die Schuh-Kette Justin Brands.
Berkshires Eisenbahntochter BNSF leidet unter dem eingebrochenen Frachtverkehr. Die Industriesparte Precision Castparts, die unter anderem Komponenten für die Flugzeugbauer herstellt, hat ein Werk am Konzernsitz in Portland, Oregon vorübergehend stillgelegt, weil die Kunden ihre Aufträge reduziert haben.
„Es gibt ein paar kleine Unternehmen, die wir nicht wieder aufmachen werden“, sagte Munger dem „Wall Street Journal“. Details wird Buffett am Samstag nennen, wenn Berkshire auch die Zahlen für das erste Quartal veröffentlicht.
Buffett hat Aktien verkauft
Auch Berkshires Aktienpakete haben die Krise zu spüren bekommen. Der Konzern ist an Unternehmen wie Apple, Bank of America, JP Morgan und Coca-Cola beteiligt. Vor allem im März war der Einbruch an den Aktienmärkten deutlich zu spüren, die sich seitdem jedoch wieder etwas erholt haben.
Aktien der Airlines Delta und Southwest hat Berkshire im Zuge der Coronakrise verkauft, wie Buffett im März signalisierte. Wie die Portfoliobewegungen genau aussehen, wird Mitte Mai per Pflichtmitteilung an die US-Börsenaufsicht veröffentlicht.
Angesichts der hohen Cash-Reserven ist der 89-Jährige schon seit Jahren auf der Suche nach großen Übernahmen, hat sich aufgrund der hohen Unternehmensbewertungen jedoch lange zurückgehalten. Munger ließ durchblicken, dass Buffett und er derzeit trotz der Krise nicht in besonders großer Kauflaune seien.
„Wir sind wie die Kapitäne eines Schiffs, das durch den schlimmsten Taifun aller Zeiten steuert“, erklärte Munger. „Wir wollen den Taifun lieber mit jeder Menge Liquidität überstehen und unsere ganzen Reserven für neue Zukäufe verwenden.“
Was jedoch nicht heiße, dass Berkshire in den kommenden Monaten nicht doch ein paar Deals machen könnte, versicherte Munger. Doch die Lenker von Berkshire werden gern gefragt, als dass sie selbst auf Unternehmen zugehen. Und derzeit würden die meisten Firmen noch mit der Regierung um Hilfspakete verhandeln, statt sich außerhalb nach Geldgebern umzusehen. „Es ist nicht so, dass das Telefon ununterbrochen klingeln würde“, räumte er ein.
Das könnte sich in den kommenden Monaten jedoch ändern, erwartet Morningstar-Analyst Greggory Warren. „Wenn sich Berkshire an einem Unternehmen beteiligt, gibt es neben der Kapitalspritze auch ein Gütesiegel von Buffett“, ordnet der Analyst ein. Und das kann in schweren Zeiten viel wert sein.
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