Islam-Investments: Anlegen mit Allahs Segen
Dubai: Der Staatsfonds der International Petroleum Investment Company in den Vereinigten Arabischen Emiraten verfügt über ein Vermögen von 65,3 Milliarden US-Dollar.
Foto: dpaBeim Blick auf die 15 größten Staatsfonds der Welt nach Anlagevolumen fällt vor allem eines auf: Neben den Fondsriesen aus Fernost – allem voran China – dominiert die Gruppe der islamischen Staaten. Allein die sechs größten arabischen Staatsfonds aus Abu Dhabi, Saudi-Arabien, Kuwait und Co. verfügen über ein Anlagevolumen von rund 1700 Milliarden Dollar. In den vergangenen Jahren sind sie hierzulande immer wieder durch hohe Beteiligungen an westlichen Unternehmen und Konzernen aufgefallen. Auch große deutsche Konzerne wie Volkswagen oder Daimler begrüßten die Geldgeber als Großaktionäre.
Islamische Investitionen spielen eine immer größere Rolle in der Finanzwelt. Weltweit wird die Zahl der Muslime auf mehr als 1,6 Milliarden Menschen geschätzt, so die Zahlen des World Muslim Population Report der Universität von Puerto Rico für das Jahr 2010. Rund ein Viertel der Weltbevölkerung gehört damit dem Islam an. Und damit ist auch klar, dass der Markt für Geldanlagen, die dem islamischen Recht – der Scharia – entsprechen, immens groß ist. Das Global Islamic Finance Magazine zitiert den Politiker und Finanzbotschafter Nazrin Shah aus Malaysia– dem führenden Finanzzentrum für Islamic Banking – mit der Schätzung, dass das global verwaltete Vermögen in diesem Bereich inzwischen rund 1,2 Billionen Dollar betrage. Nazrin erinnerte aber daran, dass der Markt noch einen weiten Weg vor sich hat: "Wir sollten nicht vergessen, dass trotz des sehr starken Starts das islamische Finanzsystem noch immer ‘work-in-progress‘ ist."
Denn der Markt für Islam-konformes Investieren ist noch vergleichsweise jung. Erst in den 70er Jahren entstand die erste Islam-Bank. Heute sind es nach Schätzungen immerhin mehr als 300 islamische Finanzinstitute in 75 Ländern. Auch internationale Banken wie HSBC, Citibank, Standard Chartered, Deutsche Bank, BNP Paribas oder ABN Amro mischen bei Islamic Finance mit.
Abseits der ausgetretenen Pfade der klassischen Finanzwelt hat sich so ein Markt für einen alternativen Umgang mit Geld entwickelt. Denn unabhängig vom religiösen Hintergrund dieser Finanzwelt, hat Islamic Finance durchaus ihren eigenen Charme. Das liegt in seinen Regeln begründet, die vor allem sagen, was nicht erlaubt ist.
Damit ein Investment als Scharia-konform gilt, müssen anerkannte Islam-Gelehrte jedem Finanzprodukt oder Finanzdienstleistung die Einhaltung strenger Regeln attestieren und sie als „halal“, also erlaubt, einstufen. Zu diesen Regeln gehört in erster Linie das Zinsverbot des Koran. Gemäß der zweiten Sure des Koran ist es Muslimen verboten, Zinsen zu erheben oder zu bezahlen. Außerdem dürfen keine Geschäfte getätigt werden mit Unternehmen, die ihr Geschäft mit Alkohol, Tabak, Waffen, Schweinefleisch, Glückspiel oder Pornografie bestreiten.
Es gibt noch weitere Einschränkungen: Im islamischen Finanzmodell gilt das Gebot der Risikoteilung. Deshalb müssen die Finanzprodukte und -dienstleistungen im Islamic Banking so konzipiert sein, dass es einen Gewinn für die Übernahme eines finanziellen Risikos gibt. Hohe Verschuldung ist ebenso verpönt wie Spekulation, Investitionen sollen der Gemeinschaft dienen.
Diese Grundsätze haben weitreichende Folgen: Muslime, die sich daran halten wollen, dürfen ebenso wenig in Aktien von Rüstungskonzernen investieren, wie in Banktitel, die von guten Zinsgeschäften profitieren. Selbst die hierzulande so beliebten sicheren verzinsten Sparkonten, gängige Anleihen-Investments oder die Aufnahme von verzinsten Krediten bleiben praktizierenden Moslems wegen des Zinsverbots verwehrt. Sogar Versicherungen und Immobilienfinanzierungen sind unter diesen Vorgaben problematisch.
Darüber hinaus leitet sich aus dem Zinsverbot auch das Gebot ab, dass jedem Geldgeschäft ein realwirtschaftlicher Wert – also ein Sachwert oder eine Dienstleistung – zugrunde liegen muss. Nach all den schlechten Erfahrungen mit verbrieften Ramschhypotheken, wertlosen Lehman-Zertifikaten und riskanten Kreditderivaten ist das ein Grundsatz, der wie Musik in den Ohren von nachhaltig orientierten Anlegern klingen muss. Die Regeln des Islamic Finance treffen durchaus einen Nerv, auch bei Nicht-Muslimen und insbesondere vor dem Hintergrund der Erfahrungen aus der Finanz- und Schuldenkrise während der vergangenen fünf Jahre.
Islam-Banken und spezialisierte Finanzdienstleister haben Wege gefunden, eine Vielzahl von Produkten anzubieten, die zwar Scharia-konform sind, aber im Ergebnis den gängigen Anlageprodukten nahekommen. Der Markt steckt allerdings noch in den Kinderschuhen: Erst seit etwa 20 Jahren wächst der Bereich der Islamic Finance um ein größeres Dienstleistungs- und Produktspektrum, das beispielsweise auch die Hypothekenfinanzierung, Liquiditätsmanagement und so etwas wie festverzinsliche Instrumente umfasst.
In Deutschland fehlt bislang eine islamisch geprägte Bank, die all dies anbietet. Deshalb behelfen sich interessierte Anleger und Sparer mit den Angeboten wie myislamicbanking.de oder dem von Taoufik Bouhmidi, Chef des spezialisierten Finanzdienstleisters FMF aus Frankfurt und Betreiber von zinsfrei.de. Bouhmidi bietet Muslimen wie Nicht-Muslimen scharia-konforme Finanzierungs-, Spar- und Anlageinstrumente vermittelt und eine vierstellige Kundenzahl betreut. „Wir verzeichnen eine hohe Nachfrage vor allem nach Immobilienfinanzierungen, Altersvorsorgelösungen und Sparinstrumenten. Das ist grundsätzlich auch mit den konventionellen Banken möglich, aber aufwändiger. Denn die Bank muss dann als Händler und nicht als Geldverleiher agieren“, sagt Bouhmidi.
Immobilienfinanzierungen nach den Regeln der Muslime stellen in Deutschland noch ein besondere Herausforderung dar. Wegen des Zinsverbots sind etwa die üblichen Annuitätendarlehen mit einem festen Kreditzins nicht erlaubt. Statt dem Kunden einen Kredit zu gewähren, kauft die spezialisierte Bank die Immobilie und verkauft sie gegen Ratenzahlung an den Kunden weiter. Die Bank erhält bei dem Weiterverkauf einen höheren Preis. Damit zahlt der Kunde keine Zinsen, sondern eine Prämie an die Bank. Dieser Umweg hat für den Hauskäufer allerdings oftmals den gravierenden Nachteil, dass in Deutschland die Grunderwerbsteuer zweifach anfällt – was die Finanzierung spürbar verteuert. Andere Länder wie Großbritannien und Frankreich haben deshalb für islamkonforme Finanzgeschäfte die Gesetze und Steuerregeln angepasst. Damit wollen sie dem Markt für Islamic Banking auf die Sprünge helfen.
Echtes Islamic Banking gibt es in der Europäischen Union bislang nur Großbritannien. Die Islamic Bank of Britain im Finanzzentrums London war die erste islamische Bank Europas, die das komplette Servicespektrum für Privatkunden anbot. Nur drei Jahre nach ihrem Start im Jahr 2004 konnte die Bank schon mehr als 60.000 Konten vorweisen.
Allerdings schrieb die Bank anhaltend Verluste und entging 2011 der Pleite nur durch die Unterstützung einer Bank aus Katar. Immerhin zeigt die Zahl der eröffneten Konten, das grundsätzlich Nachfrage da ist. Inzwischen gibt es in Großbritannien fünf islamische Vollbanken und mehr als ein Dutzend spezialisierte Abteilungen in den traditionellen Bankhäusern.
Doch trotz eines in Europa und insbesondere in Deutschland sowie Frankreich relativ hohen Anteils von Moslems an der Bevölkerung tut sich der Markt für Islamic Finance hierzulande noch schwer. Dabei leben allein in Deutschland schätzungsweise 4,3 Millionen Muslime, darunter allein etwa 2,7 Millionen mit türkischen Wurzeln. In Frankreich ist der Anteil der islamischen Bevölkerung mit rund sechs Millionen noch höher. Allerdings machen die praktizierenden Muslime gemeinhin nur etwa 20 Prozent dieser Gruppe aus. In der Finanzwelt ist das dennoch ein nicht zu vernachlässigendes Potenzial.
Die Versuche, Muslime als Kunden zu gewinnen, waren bislang eher beklagenswert. Bis heute gibt in Deutschland es erst eine Bank, die nach islamischen Recht operiert, die Kuveyt Türk Bank in Mannheim. Allerdings verfügt die Zweigstelle der kuwaitisch-türkischen Bank nicht über eine Vollbanklizenz und darf daher nicht das komplette Angebotsspektrum einer Bank – etwa Wertpapiergeschäfte oder Kredite - anbieten.
Deshalb hat die Kuveyt Türk bereits im Oktober 2012 eine Vollbanklizenz bei der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) beantragt. Derzeit laufen die Gespräche zwischen Bank und Aufsichtsbehörde. Ob und wann die Lizenz erteilt wird, ist offen. Immerhin zeigte sich die BaFin bereits mehrfach offen für Islamic Banking in Deutschland. Im vorigen Sommer richtete sie bereits zum zweiten Mal eine hochkarätig besetzte Konferenz zum Thema aus und zeigte sich interessiert an Vorschlägen, wie ein Scharia-konformes Finanzwesen mit den deutschen Vorschriften – beispielsweise zur Einlagensicherung, die die Aufteilung des Risikos behindert – zu harmonisieren ist.
Finanzvermittler Bouhmidi würde die Erteilung der Lizenz an die Kuveyt Türk Bank begrüßen: „Es wäre ein wichtiger Schritt für die praktizierenden Muslime in Deutschland. Das würde einiges vereinfachen und dem Markt neuen Schub geben.“
Die private Geldanlage gemäß Scharia ist jedoch unterentwickelt. Investmentprodukte sind nach wie vor rar gesät. „Das Thema Aktien und Aktienfonds spielt bei den deutschen Muslimen nur eine nachrangige Rolle, die Prioritäten liegen woanders“, weiß Bouhmidi aus Erfahrung. Aber wer wolle, könne natürlich auch unter Einhaltung der Vorschriften des Islam Aktien kaufen. „Damit eine Aktie islamkonform ist, müssen die Regeln eingehalten werden. Beispielsweise sollte das Unternehmen nicht mehr als 33 Prozent Verbindlichkeiten haben und darf nicht in der Waffenindustrie tätig sein. Noch einfacher ist es, sich Aktien aus einem spezialisierten Index auszusuchen, etwa dem Dow Jones Islamic Index. Dann ist der Aktionär auf der sicheren Seite.“
Der Börsendienst Dow Jones bietet verschiedene Indizes zum Thema an, etwa den Dow Jones Islamic Marktet Titans 100. Der schaffte in den vergangenen drei Jahren ein jährliches Plus von knapp zehn Prozent. In ihm sind scharia-konforme Aktien wie etwa Apple, Exxon, IBM oder Microsoft gelistet.
Islamische Fondsprodukte bleiben leider Mangelware. Mit geeigneten Aktienfonds scheiterte die Finanzbranche bereits mehrfach. So schloss erst Ende 2012 die Allianz Global Investors, die Anlagetochter des Versicherungsriesen, zwei islamische Investmentfonds, die Gelder muslimischer Anleger im In- und Ausland gewinnen sollten. Die Fonds hätten einfach nicht die erwarteten Zuflüsse erreicht, hieß es bei AGI auf Nachfrage.
Die Fonds hatten seit 2008 lediglich Volumina zwischen 15 und 19 Millionen Dollar erreicht – trotz internationaler Vermarktung, auch in den arabischen Ländern. „Die Scharia-konformen Fonds sind alle klein“, sagte ein Sprecher von AGI gegenüber WirtschaftsWoche Online. In den vorangegangen Jahren waren auch andere wie die Commerzbank oder die Kölner Vermögensverwaltung Meridio mit ähnlichen Angeboten gescheitert und stampften ihre Fonds wieder ein.
Laut Bouhmidi liegt das neben der relativ geringen Nachfrage vor allem an Vorurteilen gegenüber dem Islam: „Noch herrscht viel Ablehnung, wenn die Begriffe Islam oder Scharia fallen. Da fürchten konventionelle Banken, dass ihnen Kunden davonlaufen.“
Gut laufen hingegen die Geschäfte mit Anleihen, sogenannten Sukuk. Bei letzteren handelt es sich um Anleihen, bei der anstelle des festen Couponzinses für das verliehene Geld ein „Gewinnsatz“ gezahlt wird. Dem Grundsatz folgend, dass jedem Geschäft ein Sachwert zugrunde liegen muss, erwirbt der Käufer eines Sukuk eine Beteiligung des Schuldners und wird für sein Risiko mit einem Gewinnanteil belohnt. Der Anleger erhält somit eine Prämie anstelle eines Zinses.
Sukuk erfreuen sich so großer Beliebtheit bei muslimischen Investoren, zielen jedoch aufgrund der meist hohen Mindestanlagesummen eher auf Großinvestoren ab. Das Angebot wächst. Anfang 2012 legte Saudi-Arabien erfolgreich die erste staatlich garantierte Sukuk zur Finanzierung des Flughafens in Jeddah auf – die größte Schwellenländer-Anleihe dieser Art seit zehn Jahren. Stephen Dover und Mohjeddine Kronfol von Franklin Templeton Investments sehen darin Potenzial: Schließlich hätten Finanzkrise und Schulden die Risiken herkömmlicher Anleihen aufgedeckt. „Deshalb hat sich das Interesse an Produkten wie Sukuk erhöht, die durch wirkliche Vermögenswerte gedeckt sind und einer übermäßigen Fremdkapitalaufnahme entgegenwirken“, schreiben die beiden Experten in ihrem jüngsten Newsletter.
Tatsächlich haben Sukuk nach Untersuchungen von Franklin Templeton in den Krisen ihre Stärken ausgespielt. Gegenüber herkömmlichen Anleihen erzielten Sukuk im Index-Vergleich in den vergangenen Jahren stabilere und sogar höhere Gewinne. Während konventionelle Bonds in den vergangenen drei Jahren unter hohen Schwankungen etwa zehn Prozent zulegen konnten, gewannen Sukuk ungefähr 25 Prozent – mit weit geringeren Ausschlägen nach oben und unten.
Kein Wunder, dass sich das Ausgabevolumen der „Global Sukuk“ seit 2008 ungefähr vervierfacht hat. Franklin Templeton arbeitet darüber hinaus an der Zulassung neuer islam-konformer Fonds. Ob die aber auf Großinvestoren oder auf den Privatanleger abzielen, ist noch nicht bekannt.