Bankenaufsicht: EZB empfiehlt längeren Dividendenstopp – und verärgert damit die Banken
Bislang hatte die EZB an Banken appelliert, mindestens bis zum 1. Oktober dieses Jahres keine Dividenden an ihre Aktionäre auszuzahlen.
Foto: dpaFrankfurt. Kredite statt Dividenden: Die Bankenaufseher der Europäischen Zentralbank (EZB) haben die europäischen Kreditinstitute dazu aufgefordert, bis mindestens Januar 2021 auf Dividenden und Aktienrückkäufe zu verzichten. Damit verlängert sich das bestehende Quasi-Verbot für Dividenden um drei Monate. Die EZB will damit verhindern, dass Banken in der Coronakrise zu wenig Kredite vergeben, um sich eine Ausschüttung an Aktionäre leisten zu können.
Bei den Betroffenen stieß die Maßnahme auf Kritik. „Ein generelles Ausschüttungsverbot für alle Banken ist aus unserer Sicht nicht sinnvoll. Die EZB hat alle erforderlichen Informationen, um einzelne Banken zu einem Ausschüttungsverzicht aufzufordern“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands deutscher Banken, Christian Ossig. Mit einer pauschalen Verlängerung und der möglichen Ausweitung in das Jahr 2021 würden Investoren „unnötig verunsichert“. Das erschwere und verteuere die Refinanzierung der Banken.
Auch die Genossenschaftsbanken sind verärgert. „Aus unserer Sicht ist die Vorgabe der EZB zu undifferenziert, da sie de facto allen Banken unabhängig von ihrer Ertrags- und Eigenkapitalsituation verbieten möchte, Dividenden zu zahlen oder eigene Aktien zurückzukaufen“, sagte der Vorstand des Bundesverbands deutscher Volks- und Raiffeisenbanken (BVR), Gerhard Hofmann. Der BVR halte „einen solchen generellen Eingriff“ in den Markt „auch wegen der fehlenden Rechtsgrundlage“ für zu weitgehend.
Das sieht die EZB anders. „Wir haben die rechtliche Grundlage, um verpflichtende Anforderungen an eine Bank bezüglich der Dividende zu stellen, und wir werden nicht zögern, sie anzuwenden, wenn Banken unserer Empfehlung nicht folgen“, sagte der Chef der EZB-Bankenaufsicht, Andrea Enria.
Enria betonte, er verstehe, dass insbesondere gut kapitalisierte Banken nun unzufrieden seien. Doch wenn es eine bestimmte Schwelle bei der Eigenkapitalquote gebe, ab der Dividenden ausgeschüttet werden dürften, bestehe die Gefahr, dass Banken alles dafür tun würden, um über dieser Schwelle zu bleiben – schlimmstenfalls zulasten der Kreditvergabe.
EZB analysiert Effekte der Coronakrise
Hintergrund ist die Art, wie die aufsichtsrechtlichen Kapitalquoten bei Banken berechnet werden: Das Eigenkapital wird dabei in Relation zur Menge und zum Risikogehalt von Krediten gesetzt. Je größer das Kreditbuch wird, desto mehr sinkt bei gleicher Kapitalbasis die risikoadjustierte Eigenkapitalquote. Fallen vergebene Kredite aus, weil ein Unternehmen pleitegeht, schrumpft die Kapitalbasis zusätzlich.
Enria verwies außerdem darauf, dass die Coronakrise mit einer „radikalen Unsicherheit“ einhergehe. Auch die Kapitalbasis gut ausgestatteter Banken könne sehr schnell erodieren, wenn eine Bank stark in Branchen engagiert sei, die von der Coronakrise wirtschaftlich hart getroffen seien.
Der Chef der EZB-Bankenaufsicht hat schlechte Nachrichten für die Banken.
Foto: ReutersHinzu komme die Notwendigkeit, jeden Anreiz für Banken zu vermeiden, die ihre Kreditvergabe bremsen könne. Vor diesem Hintergrund sei eine Empfehlung, die alle gleichermaßen treffe, zu diesem Zeitpunkt angemessen.
Wie hart die durch Corona ausgelöste Rezession die Banken noch treffen könnte, hat die EZB in einer weiteren Analyse abgeschätzt. In ihrem Basisszenario dürfte die Wirtschaft im Euro-Raum in diesem Jahr um 8,7 Prozent schrumpfen. Das würde die wichtige Kernkapitalquote der Institute bis Ende 2022 um 1,9 Prozentpunkte auf 12,6 Prozent sinken lassen – ein vergleichsweise verkraftbarer Wert.
In einem härteren Szenario, das mit einem Einbruch der Wirtschaftsleistung um 12,6 Prozent kalkuliert, würde diese wichtige Kennziffer sogar um 5,7 Prozentpunkte auf 8,8 Prozent schrumpfen.
Diese Ergebnisse zeigten, dass Behörden bereit sein müssten, zusätzliche Schritte einzuleiten, falls sich die wirtschaftliche Lage verschlimmere, erklärte Enria. Und sie erklären, warum die EZB-Aufseher beim Thema Dividende so zurückhaltend agieren.
Die EZB steht mit ihrer vorsichtigen Haltung nicht allein. Auch die Bank von England kündigte an, sie werde untersuchen, ob die Aussetzung von Aktienrückkäufen und Dividendenzahlungen über das Jahresende hinaus verlängert werden soll.