Bilanzskandal: Wirecard schrieb seit 2015 rote Zahlen – Drei neue Haftbefehle gegen Ex-Vorstände
München. Im Betrugsskandal beim Dax-Konzern Wirecard hat die Münchener Staatsanwaltschaft drei Haftbefehle gegen frühere Führungskräfte gestellt. Dabei gehe es unter anderem um gewerbsmäßigen Bandenbetrug und Marktmanipulation in mehreren Fällen, sagte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft an diesem Mittwoch in München.
Ein Kronzeuge und weitere Unterlagen hätten den Ermittlern zudem weitergeholfen: Demnach sollen die Betroffenen schon seit 2015 beschlossen haben, die Wirecard-Bilanz und das Umsatzvolumen „aufzublähen“. Das soll vor allem durch das Vortäuschen von Einnahmen aus dem Geschäft mit sogenannten Drittpartnern passiert sein. Über sie wickelte Wirecard Geschäfte in Ländern ab, in denen der Konzern über keine eigenen Lizenzen verfügte. Das war vor allem in Ländern außerhalb Europas der Fall.
Das Unternehmen sollte dadurch laut Staatsanwaltschaft finanzkräftiger und für Investoren und Kunden attraktiver dargestellt werden, um so regelmäßig Kredite von Banken und sonstigen Investoren zu erlangen und daraus fortwährend eigene Einkünfte zu generieren. Banken in Deutschland und Japan sowie sonstige Investoren stellten nach Angaben der Staatsanwaltschaft Gelder in Höhe von rund 3,2 Milliarden Euro bereit, die aufgrund der Insolvenz der Wirecard AG höchstwahrscheinlich verloren sind.
Den Beschuldigten sei auch seit spätestens Ende 2015 klar gewesen, dass der Wirecard-Konzern mit den tatsächlichen Geschäften insgesamt Verluste erzielte. Sollte sich das bestätigen, könnte Wirecard zum größten Betrugsfall der deutschen Nachkriegsgeschichte werden. Bisheriger Spitzenreiter ist das badische Unternehmen Flowtex, das in den 1990er-Jahren mit dem Verkauf nicht existenter Spezialbohrmaschinen einen Schaden von gut zwei Milliarden Euro angerichtet hatte.
Die neuen Haftbefehle richten sich unter anderem auch erneut gegen Ex-Vorstandschef Markus Braun. Er war vor wenigen Wochen bereits festgenommen und kurz darauf gegen Kaution und Meldeauflagen wieder entlassen worden. Als er sich nun im Rahmen dieser Auflagen meldete, wurde Braun erneut verhaftet, teilte die Staatsanwaltschaft München I an diesem Mittwochnachmittag mit. Verhaftet wurden auch der frühere CFO Burkhard Ley sowie der ehemalige Head of Accounting. „Mein Mandant hat sich dem Verfahren gestellt und tut dies weiterhin. Er weist gegen ihn gerichtete Vorwürfe zurück“, kommentierte der Verteidiger von Ley auf Nachfrage. Zudem habe Ley „in jüngster Zeit bereits freiwillig im Rahmen einer Vernehmung bei der Staatsanwaltschaft ausgesagt. Der Haftbefehl ist deshalb nicht nachvollziehbar.“
In allen Fällen sei die Haftfortdauer angeordnet worden, sagte die Sprecherin. Die drei Beschuldigten seien in München festgenommen worden, sie hätten sich nicht selbst gestellt. Außerdem in Untersuchungshaft befindet sich der frühere Chef der Wirecard-Tochtergesellschaft Cardsystems Middle East in Dubai. „Die sehr intensiven Ermittlungen der Staatsanwaltschaft München I haben ergeben, dass der den Beschuldigten zur Last gelegte Sachverhalt noch einmal ganz erheblich erweitert werden muss“, sagte Oberstaatsanwältin Anne Leiding, die Sprecherin der Behörde. „Wir haben ganz umfassende Aussagen eines Kronzeugen.“ Wer der Kronzeuge ist, enthüllten die Ermittler nicht, doch hatte der ehemalige Cardsystems-Geschäftsführer seine Kooperation zugesagt.
Die Staatsanwaltschaft teilte außerdem mit, dass in Vernehmungen von einem streng hierarchischen System bei Wirecard berichtet werde. Es habe einen starken Korpsgeist sowie Treueschwüre gegenüber dem Vorstandsvorsitzenden als Führungsperson gegeben.
Wirecard mit Sitz in Aschheim bei München hatte vor dem Insolvenzantrag eingeräumt, dass 1,9 Milliarden Euro, die angeblich auf philippinischen Treuhandkonten verbucht waren, mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht existieren.
Drittpartnergeschäft wohl zum allergrößten Teil erdichtet
Bei diesen 1,9 Milliarden Euro handelte es sich um die angeblichen Erträge von Geschäften mit Subunternehmern, die für Wirecard Kreditkartenzahlungen in Südostasien und im Mittleren Osten abwickelten. Nach derzeitigem Stand war dieses Drittpartnergeschäft entweder in Gänze oder zum allergrößten Teil erdichtet.
Von den insgesamt 45 Tochtergesellschaften der Muttergesellschaft Wirecard gab es überhaupt nur drei, die nennenswert profitabel waren. Über die Cardsystems in Dubai liefen die mutmaßlichen Scheingeschäfte, diese Firma steuerte 2018 mit 237 Millionen Euro einen großen Anteil des Wirecard-Gewinns bei.
Auch für die Bundesregierung wird der Skandal immer ungemütlicher. Kanzlerin Merkel warb 2019 in China noch für Wirecard, als bei der Finanzaufsicht Bafin die Vorwürfe gegen das Unternehmen längst bekannt waren. Als Fürsprecher von Wirecard betätigte sich auch der Ex-Geheimdienstkoordinator der Regierungszentrale. Ein Untersuchungsausschuss des Bundestags rückt näher. Innerhalb der Koalition ist ein Streit über Verantwortlichkeiten ausgebrochen.
Das Bundeskanzleramt bestätigte, dass es seit Ende 2018 mehrmals Kontakt mit Wirecard-Managern und Beratern gab. Unter anderem wandte sich der von 2014 bis zum Frühjahr 2018 für die Geheimdienste zuständige Ex-Staatssekretär Klaus-Dieter Fritsche an das Kanzleramt und bat um einen Gesprächstermin für die Wirecard AG. Zur Vorbereitung bat das Kanzleramt beim Finanzministerium um Informationen zum Unternehmen. Das Finanzressort schickte dann „öffentlich verfügbare Informationen“ ans Kanzleramt – darunter Antworten der Regierung auf Anfragen der Opposition, bei denen es um Vorwürfe gegen Wirecard ging, etwa zu Unregelmäßigkeiten bei der Rechnungslegung.
Auf ihrer Chinareise im September 2019 sprach Merkel bei der Pekinger Führung das Thema der geplanten Übernahme des chinesischen Unternehmens AllScore Financial durch Wirecard an. Merkel habe zum Zeitpunkt der Reise „keine Kenntnis von möglichen schwerwiegenden Unregelmäßigkeiten bei Wirecard“ gehabt, so der Sprecher. Dass deutsche Spitzenpolitiker einschließlich der Kanzlerin auf Auslandsreisen für deutsche Firmen werben, ist Usus.
Laut Kanzleramt hat Ex-Vorstandschef Braun auch bei diesen Kontakten in die deutsche Regierungszentrale noch die Fälschungsvorwürfe bestritten. Linken-Fraktionsvize Fabio De Masi sagte zu den neuen Details: „Die Affäre Wirecard wird immer undurchsichtiger.“
Mit Agenturmaterial.