Geldautomaten: Weniger Sprengungen von Geldautomaten in vielen Bundesländern
Frankfurt. Die Zahl der Angriffe auf Geldautomaten ist im bisherigen Verlauf des Jahres in großen Teilen Deutschlands zurückgegangen. Besonders deutlich ist die Entwicklung in Nordrhein-Westfalen (NRW), das lange am stärksten von Geldautomatensprengungen betroffen war. In den ersten neun Monaten 2024 gab es dort laut dem NRW-Innenministerium 24 Angriffe. Im selben Zeitraum 2023 waren es noch 124, im Gesamtjahr 153.
NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) begründet den Erfolg mit dem Einsatz der Polizei. „Dass die Sprenger immer öfter einen großen Bogen um NRW machen, ist keine glückliche Fügung, sondern auf die gute Arbeit der Polizei zurückzuführen“, erklärte er gegenüber dem Handelsblatt. „Mit kluger Analyse und noch klügeren Maßnahmen haben wir es geschafft, unsere Geldautomaten besser vor Angriffen zu schützen.“
Reul betonte, die Polizei kooperiere dabei eng mit den Banken. „Ohne die geht es nicht.“ So haben die Geldhäuser mittlerweile vielfach die Sicherung von Geldautomaten erhöht.
Von einer endgültigen Wende wollte Reul noch nicht sprechen, gleichwohl zeigte er sich optimistisch. „Dass die Zahlen immer so bleiben, kann ich nicht versprechen, aber die Weichen sind gestellt.“
Seit mehreren Jahren werden beständig Geldautomaten in Deutschland gesprengt. In den vergangenen fünf Jahren gab es insgesamt mehr als 2100 Fälle, wie Daten des Bundeskriminalamts zeigen. Das waren im Schnitt täglich 1,16 Sprengungen oder Sprengversuche.
Allein 2022 wurden 30 Millionen Euro erbeutet
Allein im Jahr 2022 registrierten die Polizeibehörden fast 500 Angriffe, die Täter erbeuteten damals rund 30 Millionen Euro Bargeld. Der Gesamtschaden lag laut Bundesinnenministerium im „deutlich dreistelligen Millionenbereich“. Zwischenzeitlich wurde darüber diskutiert, die Banken gesetzlich zu Sicherheitsmaßnahmen zu verpflichten.
Im laufenden Jahr sind die Zahlen in den meisten Bundesländern erheblich zurückgegangen. Bis zum 30. September zählten die Landeskriminalämter (LKA) insgesamt knapp 200 Fälle, wie eine Umfrage des Handelsblatts ergab. Im selben Zeitraum 2023 waren es rund 350 Angriffe.
Die Polizei geht davon aus, dass die meisten Taten eine kriminelle Szene aus den Niederlanden verübt, deren Mitglieder häufig einen marokkanischen Migrationshintergrund haben. In den Niederlanden ereigneten sich vor einigen Jahren ebenfalls zahlreiche Sprengungen, ihre Zahl wurde durch größere Sicherheitsmaßnahmen eingedämmt. Zudem gibt es dort nur rund 5000 Geldautomaten, in Deutschland, wo Bargeld noch weitaus mehr genutzt wird, sind es knapp 50.000 Geräte.
Die meist nächtlichen Sprengungen richten großen Sachschaden an. Die Gebäude, in denen sich Filialen und Geldautomaten-Standorte befinden, werden durch die Explosionen beschädigt. Dass bei den Attacken trotz umherfliegender Trümmerteile und Splitter bisher kein Unbeteiligter ernsthaft verletzt wurde, halten Experten für einen glücklichen Zufall.
Die Täter sprengen die Tresore der Geldautomaten innerhalb weniger Minuten und fliehen dann per Auto mit bis zu 300 Stundenkilometern. Bei einem solchen Tempo können Streifenwagen nicht mithalten, aber auch die nächtliche Verfolgung per Polizeihubschrauber ist bei dieser Geschwindigkeit kaum möglich. Die kriminellen Raser, die teilweise entgegen den Fahrtrichtungen unterwegs sind, haben bereits mehrfach schwere Unfälle verursacht. Ein Unfallbeteiligter kam dabei ums Leben.
Deutlich mehr Angriffe in Berlin
Auch in Niedersachen, Rheinland-Pfalz und Hessen, wo es zeitweise viele Sprengungen gab, gehen die Angriffe erheblich zurück. Dafür steigen die Zahlen in Bayern sowie Baden-Württemberg – die Täter aus den Niederlanden scheuen nicht davor zurück, bis nach Süddeutschland zu fahren, wie aus Angaben der Landeskriminalämter hervorgeht. Vor allem aber die Hauptstadt wird von ihnen derzeit heimgesucht. Das Berliner LKA registrierte in den ersten neun Monaten dieses Jahres 31 Fälle und damit bereits mehr als im Gesamtjahr 2023.
Die Banken selbst sehen die insgesamt sinkenden Zahlen vor allem als ihren Verdienst an. Die Deutsche Kreditwirtschaft, die mehrere Lobbyverbände der Finanzbranche vertritt, begründet den Rückgang der Sprengungen besonders mit den verstärkten Sicherheitsmaßnahmen der Geldhäuser. Dazu gehörten neben technischen Aufrüstungen verschiedene bauliche Maßnahmen, „die die Täter abschrecken oder den Taterfolg verhindern“. Auch die gute Zusammenarbeit mit den Polizeibehörden vor Ort habe maßgeblich zum Erfolg beigetragen.
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Viele Geldhäuser haben zum einen den Zugang zu Geldautomaten besser gesichert, beispielsweise durch spezielle Rollläden oder Gitter sowie Nebelsysteme, die auslösen, wenn sich jemand an den Geräten zu schaffen macht. Zum anderen setzen die Banken auf Abschreckung durch Verfärbetechniken. Dabei wird im Fall einer Explosion Tinte auf den Geldscheinen verteilt, die sich nicht beseitigen lässt.
Obendrein gab es eine Reihe von Festnahmen in den Niederlanden, teils auch in Deutschland direkt nach der Tat. Zudem will die Bundesregierung, dass Strafverfolgungsbehörden künftig mehr Befugnisse haben und beispielsweise bei bestimmten Straftaten nach dem Sprengstoffgesetz Telekommunikationsüberwachung einsetzen können. Der Gesetzesentwurf sieht weiter vor, dass die Mindeststrafen bei Geldautomatensprengungen steigen.