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Interview Christl Novakovic „Die Frau auf der Chefetage ist die große Unbekannte“

Die Europachefin von UBS erklärt, warum Männer lieber mit Männern konkurrieren und Frauen sich nicht auf das Macho-Niveau begeben sollten.
11.02.2020 - 18:00 Uhr Kommentieren
UBS: Christine Novakovic neue Europachefin der Schweizer Großbank Quelle: UBS
Christl Novakovic

Die Europachefin der UBS fürchtet, dass Frauen, die bei Banken Karriere machen wollen, noch immer Pionierarbeit leisten müssen.

(Foto: UBS)

Frankfurt Die 55-jährige Südtirolerin ist Europachefin der Schweizer Großbank UBS in Frankfurt und hat im Laufe ihrer Karriere viele Firmenkulturen erlebt. Mit ihrem Mann, ihrer Tochter und zwei Hunden lebt sie in Zürich.

Frau Novakovic, Sie kennen die Finanzszene seit Jahrzehnten, wie groß ist noch die Dominanz der Männer in den Bankentürmen?
Sehr groß. Auf unteren Ebenen hat sich viel getan, aber weiter oben sind die Jungs meist unter sich. Zwar nominieren viele Banken für die Außenwirkung die ein oder andere Frau für den Vorstand, aber meist nicht für Hauptgeschäftsbereiche wie das Investmentbanking oder Wealthmanagement, sondern für Themen wie Personal oder Marketing. Bei der HVB war ich 2005 die einzige Frau in einem Dax-Vorstand, so viel hat sich seitdem leider nicht geändert.

Woran liegt das?
Ein Grund ist sicher, dass in Deutschland immer noch tradierte Rollenbilder vorherrschen. Wenn Männer Karriere machen, übernehmen nach wie vor meist die Frauen die Repräsentationsaufgaben. Und wenn diese selbst Karriere machen, bleibt vieles an ihnen hängen. Wenn die Kinder krank sind, muss sich Mama kümmern. Ich spreche Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch und Deutsch: Das Wort „Rabenmutter“ gibt es nur bei uns.

In manchen Branchen ist fast der komplette Nachwuchs männlich, etwa in der Tech-Industrie. In der Bankenwelt ist das Verhältnis ausgeglichen. Trotzdem schaffen es kaum Frauen nach oben, warum?
Die Karriere in einer Bank wie in jedem internationalen Konzern setzt Flexibilität und Stressresistenz voraus. Seit der Finanzkrise hat die Komplexität noch einmal stark zugenommen. Es kann sein, dass Sie morgen nach New York geschickt werden, egal, ob Sie Kinder betreuen müssen oder nicht. Früher habe ich immer argumentiert, dass jede Frau, die in der Finanzbranche wirklich Karriere machen will, das auch kann. Und sich viele Frauen im Unterschied zu den Männern eben bewusst dagegen entscheiden. Heute bin ich mir da nicht mehr so sicher.

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    Warum?
    Die Frage ist doch, warum die Banken in den vergangenen zehn Jahren keine Fortschritte gemacht haben, obwohl viele junge Frauen besser ausgebildet sind als ihre Kollegen. Ich glaube: Schon die Tatsache, dass kaum Frauen im Top-Management vertreten sind, führt dazu, dass so wenige Frauen nachrücken. Die Frau auf der Chefetage ist die große Unbekannte. Die Männer konkurrieren hier lieber mit Männern, weil sie die gleiche Sprache sprechen und so Waffengleichheit herrscht. Wenn eine Frau dazukommt, ändert sich automatisch die Sprache im Meeting: Es geht weniger um Machogehabe und Rechthaberei, sondern um die Sache.

    Unternehmen mit Frauen in der Führung sind laut Studien erfolgreicher. Dennoch hinken die Banken anderen Branchen hinterher. Braucht es die Quote?
    Ich kämpfe hier selbst mit einer Antwort. Wir haben ja seit 2016 die gesetzliche Zielvorgabe einer 30-Prozent-Quote für Aufsichtsräte. Das ist jedoch die falsche Ebene. Um die Unternehmenskultur wirklich zu verändern, müsste es mehr Frauen im Top-Management geben.

    Brauchen wir also eine Vorstandsquote?
    Das Problem ist, dass eine Quote immer Kompromiss bedeutet. Und Kompromisse kann man sich in der Wirtschaft nicht leisten. Wenn eine Quote dazu führt, dass Frauen, die nicht performen auf Top-Positionen landen, dann hilft das der Frauenbewegung auch nicht. Es gibt überall Nichtperformer, unter Männern, aber auch unter Frauen.

    Also bleibt alles beim Alten.
    Nein. Noch ist es so, dass Frauen, die aufsteigen, Pionierarbeit leisten müssen. Aber der Veränderungsdruck wächst, vor allem, weil die Themen Nachhaltigkeit und gute Unternehmensführung für Investitionsentscheidungen immer wichtiger werden. UBS ist hier ein wenig der Vorreiter, aber auch Blackrock, Goldman Sachs und andere Vermögensverwalter fordern die Unternehmen bereits auf, beim Thema Gender aktiv zu werden. Machen weitere große Häuser die Frauenförderung zur Investmentvoraussetzung, dann habe ich große Hoffnung für die Zukunft.

    Wie viel Zeit bleibt den Banken für den Kulturwandel?
    Weniger als wir und speziell die Männer denken. Die Generation, die nach uns kommt, tritt mit einem ganz anderen Selbstbewusstsein auf, mit sehr viel flexibleren Geschlechterrollen und dem Willen zur Veränderung. Ich sehe das bei meiner 16-jährigen Tochter: Die Jungen sind sehr kritisch, wollen mitgestalten, und sie akzeptieren viele Glaubenssätze, die wir Älteren noch gestützt oder geduldet haben, nicht mehr. Wir müssen uns warm anziehen.

    Und was raten Sie Frauen, die schon heute nach oben kommen wollen?
    Bleiben Sie sachlich und kompetent, und überzeugen Sie die Männer mit Ihrer Intelligenz und Ihrem Charme. Begeben Sie sich nicht auf das Macho-Niveau. Frauen müssen nicht die besseren Männer sein, um Karriere zu machen.

    Frau Novakovic, vielen Dank für das Interview.

    Mehr: Die Finanzbranche braucht dringend kluge Köpfe. In Sonntagsreden betonen die Bankchefs die Diversität. Doch neue Zahlen zeigen: Wer kein Mann ist, hat es beim Aufstieg schwer – und verdient deutlich weniger.

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