Videoidentifizierung: Wenn der Venen-Scanner grünes Licht gibt
Eine Mitarbeiterin des Anbieters Web ID Solutions.
Foto: PRBerlin. Der Eingang gleicht einem Hochsicherheitstrakt. Wer in das Büro von Web ID Solutions in Solingen kommen will, braucht zunächst einen Sicherheitschip in Verbindung mit einem Pin-Code. Dann öffnet sich die Schleusentür in einem mehrgeschossigen Haus. Am Ziel ist man aber noch nicht. In der Schleuse werden die Venen einer Hand gescannt. Die Hand muss dazu auf eine Glaswand gepresst werden. Parallel wird das Gewicht gecheckt – mit Toleranzgrenzen. Erst wenn der Mitarbeiter eindeutig identifiziert worden ist, kann er die Arbeitsräume betreten.
Die Geheimnistuerei hat ihren Grund: In Solingen haben die Web ID-Mitarbeiter die Aufgabe, Bankkunden live über Video zu identifizieren. Für Kunden, die ein Konto eröffnen wollen, ist das praktisch. Sie müssen nicht mehr in die Filiale gehen oder sich umständlich über die Post legitimieren lassen, sondern können das mit ihrem Personalausweis per Videochat machen. Banken müssen sich darauf verlassen können, dass die Identifizierung allen Sicherheitsanforderungen entspricht. Sonst bekommen die Banken schnell Ärger mit der Finanzaufsicht.
Die Web ID-Gründer Frank S. Jorga und Thomas Fürst nehmen für sich in Anspruch, die ersten in Deutschland gewesen zu sein, die vom Bundesfinanzministerium eine Erlaubnis für die Videoidentifizierung bekommen zu haben. „Das Video-Identifikationsverfahren haben wir erfunden. Das ist eine weltweite Innovation aus Deutschland“, so Jorga. Ende 2014 gab es grünes Licht. Mittlerweile bieten neben Web ID beispielsweise auch die Post, Arvato oder ID now ähnliche Dienste an. Doch Web ID sieht sich in Deutschland als Marktführer und reklamiert einen Anteil von mehr als 60 Prozent für sich.
Kürzlich hat die Finanzaufsicht Bafin die Anforderungen für die Videolegitimierung weiter verschärft – Jorga und Fürst begrüßen das. Die Auslagerung der Identifizierungsaktivitäten an Subunternehmen im Ausland, die die Bafin jetzt untersagt hat, war für sie nie ein Thema. „Wir müssen alles vermeiden, was unsere Reputation beschädigen könnte“, so Fürst. Bisher gelang das gut. Die Firma hat nach eigenen Angaben 1,6 Millionen Identifizierungen durchgeführt. „Wir hatten bei der großen Menge bislang viele abgewehrte Betrugsversuche, jedoch nur einen Betrugsfall, den uns die Banken zurückgemeldet haben“, so Jorga. Das führt er auf die eigenentwickelten Web ID-Technologien und der Expertise seiner Mitarbeiter zurück. Mittlerweile gehören Institute wie die Deutsche Bank, Targobank, DKB oder ING Diba zu ihren Kunden, die harte Auflagen bei der Geldwäschebekämpfung erfüllen müssen.
„Der Ablauf einer Kundenidentifikation ist sowohl aus Sicherheitsgründen als auch in Bezug auf die Nutzerfreundlichkeit ein sehr wichtiger Aspekt im Banking“, heißt es bei der DKB. Die Identifizierung per Video-Konferenz sei ein grundlegender Baustein in der Digitalisierung von Bankdienstleistungen. Dieser Prozess könnte unter Beachtung von Datenschutz und Sicherheit „schnell und ohne Medienbrüche“ vollzogen werden. Das zahlt sich für die Bank aus. Mit der Einführung der Video-Legitimation ist die Anzahl der Abbrüche im Verlauf des Kontoeröffnungsprozesses deutlich gesunken, so eine Sprecherin.
Bei Web ID findet die Identifizierung innerhalb weniger Minuten mittels einer Scorecard mit 30 Punkten statt. Jeder Web ID-Mitarbeiter verfügt über zwei Bildschirme, um das Foto und das Live-Bild schneller abzugleichen. Die Mitarbeiter sind auf Ausweisdokumente aus 60 Ländern geschult. Nicht nur Fakten werden abgefragt, auch psychologische Komponenten spielen eine Rolle. Hier wird das Unternehmen schmallippig und belässt es aus nachvollziehbaren Gründen bei wenigen Beispielen. Potentielle Betrüger würden häufig erst auf den Ausweis schauen, wenn sie nach dem Geburtsdatum gefragt werden. Auffällig wäre weiter, wenn jemand seine Ausweisnummer allzu flüssig vorlesen würde. Ehrliche Kunden würden die nämlich zum ersten Mal sehen und wären sich nicht sicher, ob es sich um eine Null oder ein „O“ handeln würde. Kommt eine kritische Punktzahl zusammen, wird das Gespräch aus „technischen Gründen“ abgebrochen.
Der heimische Markt ist den Gründern, die ihre Mitarbeiterzahl bis Ende des Jahres auf 400 verdoppeln wollen, bereits zu klein geworden. Derzeit sind sie in rund 20 Ländern aktiv – Institute in Australien und Neuseeland sind dabei. Beispielsweise setzt auch die indische Kotak Mahindra Bank auf Videolegitimierung aus Germany. Mit Richard Bransons Virgin Mobile in Dubai hat das Unternehmen eine Lizenzvereinbarung unterzeichnet.
Die Deutsche Post hat das Potential früh erkannt und wollte Web ID, den digitalen Konkurrenten für das eigene Postident-Verfahren, übernehmen. „Thomas Fürst und ich sind Unternehmer. Wir haben nicht vor, nur weil das Unternehmen erfolgreich ist, es zu verkaufen“, sagt Jorga. Mit zehn Prozent und damit zwei Millionen Euro ist der Investor Hannover Finanz bereits seit Anfang 2015 beteiligt. Dahinter stehen Goetz Hertz-Eichenrode, Vorstand der Hannover Finanz, und der Co-Investor Patrick Jacob. „Wenn man am Anfang Gehaltsverzicht geübt hat und das Unternehmen jetzt mit 20 Millionen Euro bewertet wird, ist das schon ein gutes Gefühl“, sagt Fürst.
Und die nächste Auftragswelle ist schon in Sicht: Beim Verkauf von Prepaid-Karten sind Telekomkonzerne künftig im Zuge der Geldwäsche- und Terrorismusbekämpfung angehalten, die Identität ihrer Kunden zu überprüfen. Bislang können diese Karten, mit denen man einen fixen Betrag vertelefonieren kann, anonym genutzt werden. Die Überprüfung der Personalien wird kaum in den Supermärkten oder Drogerieketten passieren. Als Alternative käme für die Käufer eine Videoidentifizierung per Internet in Frage. Derzeit werden jährlich rund acht Millionen Prepaid-Karten im Jahr verkauft. „Wir sind nicht der Billiganbieter, wir setzen klar auf eine Qualitäts- und Wachstumsstrategie“, so Jorga. Gleichzeitig zeigen sich die Unternehme stolz, dass sich mittlerweile 60 Prozent der Telekomanbieter wie Vodafone für eine langfristige Zusammenarbeit mit Web ID entschieden haben.