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ZahlungsdienstleisterWirecard droht eine Klagewelle – Vorstandsmitglied mit sofortiger Wirkung freigestellt

Während die Finanzaufsicht Bafin und die Münchener Staatsanwaltschaft die Vorgänge bei Wirecard unter die Lupe nehmen, planen Aktionärsvereinigungen rechtliche Schritte. Felix Holtermann, Yasmin Osman, Anke Rezmer 18.06.2020 - 18:36 Uhr aktualisiert

Beim Dax-Konzern fehlen Nachweise über Bankguthaben auf Treuhandkonten in Höhe von 1,9 Milliarden Euro.

Foto: dpa

Frankfurt. Aus den Manipulationsvorwürfen gegen den Dax-Konzern Wirecard ist ein handfester Bilanzskandal geworden – mit personellen Konsequenzen. An diesem Donnerstag hat der Aufsichtsrat Vorstandsmitglied Jan Marsalek mit sofortiger Wirkung freigestellt. Zudem wird James Freis ab sofort – und nicht erst Anfang Juli – als Compliance-Vorstand anfangen. Er wird das neu geschaffene Ressort „Integrity, Legal and Compliance“ verantworten.

Schwer wiegen die neuen rechtliche Auseinandersetzungen, die auf Wirecard zukommen, nachdem Wirtschaftsprüfer Hinweise auf aufgeblähte Bilanzen gefunden haben: Dem Zahlungsdienstleister droht nun eine Klagewelle enttäuschter Investoren.

Die Anwaltskanzlei Tilp, die bereits im Mai Klage gegen Wirecard eingereicht hatte, erklärte am Donnerstag, sie sehe sich in ihrer Auffassung bestätigt, dass Wirecard „mehrfach erheblich gegen deutsches und europäisches Kapitalmarktrecht verstoßen und sich damit gegenüber Anlegern und Investoren schadensersatzpflichtig gemacht hat“. Das beantragte Musterverfahren gegen Wirecard sei nun um weitere Gesichtspunkte zu erweitern.

Auch die Aktionärsvereinigung SdK lässt sich aktuell von einer Anwaltskanzlei „eine rechtliche Einschätzung bezüglich möglicher Pflichtverletzungen der Organe und Dritter anfertigen“, wie sie der Nachrichtenagentur Reuters erklärte. Die SdK plane, ein gemeinsames Vorgehen geschädigter Aktionäre und Inhaber von Anleihen zu organisieren: „Es ist unter anderem geplant, mögliche Ansprüche zusammen mit einer Prozessfinanzierungsgesellschaft zu verfolgen.“

Zudem will die Deutsche-Bank-Tochter DWS die Einleitung rechtlicher Schritte prüfen, wie sie am Donnerstagnachmittag mitteilte. Per Marktschluss am Mittwoch hat die Fondsgesellschaft nach eigenen Angaben ihre Position um circa 60 Prozent reduziert. Der Rest sei im Laufe des Tages verkauft worden. „Aktuell halten wir keine materiellen Positionen in aktiv gemanagten Fonds mehr.“

Die DWS hatte wie die Konkurrentin Union Investment eine Zeitlang zu den größten Wirecard-Aktionären gehört. Union Investment hat ihre Wirecard-Anteile mittlerweile ebenfalls abgestoßen, wie ein Sprecher sagte. „Schon vor dem heutigen Tag lag er bei unter 0,1 Prozent der ausstehenden Wirecard-Aktien.“ Unklar blieb, ob die Union ebenfalls eine Klage anstrebt.

Vonseiten der Behörden droht Wirecard ebenfalls Ärger. Eine Sprecherin der Finanzaufsicht Bafin erklärte gegenüber dem Handelsblatt mit Blick auf die heutigen Vorgänge: „Wir beziehen das in unsere laufenden Prüfungen ein.“

Die Bafin ist seit vergangenem Jahr mit Wirecard beschäftigt. Die Finanzaufsicht prüft sowohl, ob Spekulanten den Markt zulasten von Wirecard manipulierten, als auch, ob der Wirecard-Vorstand Investoren mit zwei irreführenden Börsenpflicht-Meldungen falsch informiert hat.

Der Finanzexperte der Linken-Bundestagsfraktion, Fabio De Masi, nahm dagegen die Bafin selbst in die Pflicht. Er sieht das Handeln der Aufsicht auch aufgrund ihrer Anzeigen gegen kritische Journalisten der britischen Zeitung „Financial Times“ kritisch: „Die Finanzaufsicht Bafin hat viel zu lange zugeschaut, und stattdessen Journalisten der ,Financial Times’ der Marktmanipulation bezichtigt. Den Schaden haben nun auch etliche Kleinanleger. Die Bafin muss ihre Aufsichtskultur radikal ändern.“

Münchener Staatsanwaltschaft prüft Vorgang

Neben der Bafin will auch die Münchener Staatsanwaltschaft den Bilanzskandal bei Wirecard unter die Lupe nehmen. Die Behörde stehe mit dem Unternehmen in Kontakt und prüfe auch diesen Vorgang, erklärte eine Sprecherin der Ermittlungsbehörde am Donnerstag auf Anfrage.

Die Münchener Staatsanwaltschaft ist bereits in doppelter Hinsicht mit Wirecard befasst: Einerseits wird ermittelt, ob Spekulanten das Unternehmen mit illegalen Kursmanövern attackiert haben. Andererseits wird gegen Vorstandschef Markus Braun und seine Kollegen in der Unternehmensspitze wegen des Verdachts ermittelt, zweimal für die Anleger irreführende Informationen veröffentlicht zu haben. Die jetzige Prüfung der Ungereimtheiten in der Bilanz bedeutet nicht, dass nun auch in dieser Hinsicht ein formales Ermittlungsverfahren gegen konkrete Beschuldigte eingeleitet wird.

Darüber hinaus ist auch die Bundesregierung Informationen des Handelsblatts zufolge „beunruhigt“ über die Vorgänge in Aschheim.

Wirtschaftsprüfer von EY hatten bei der Durchsicht der Bilanzen für das Jahr 2019 Hinweise auf falsche Angaben zu Täuschungszwecken gefunden, wie der Dax-Konzern am Vormittag bekanntgab. Konkret fehlten Nachweise über Bankguthaben auf Treuhandkonten in Höhe von 1,9 Milliarden Euro. Die Summe entspreche etwa einem Viertel der Konzernbilanzsumme.

Ein großer internationaler Investor bezeichnete die Neuigkeiten als „absolute Katastrophe“. Dies sei „schlecht für den deutschen Kapitalmarkt, für den Finanzplatz Deutschland und für das Vertrauen von Investoren in die Kapitalmärkte überhaupt“. Er begrüßt daher die Untersuchungen der Bafin. Weiterhin meinte er: „Der Druck auf Wirecard-Chef Braun steigt.“

Von mehreren Seiten wurde am Donnerstag neue Kritik an Braun laut. Die Initiative Minderheitsaktionäre forderte gegenüber Reuters personelle Konsequenzen an der Wirecard-Spitze. Ziehe Firmenchef Markus Braun nicht „selbst den notwendigen Schluss, zurückzutreten und den Weg für eine umfassende Aufklärung frei zu machen, muss der Aufsichtsrat hier nun klare Entscheidungen (...) treffen“, erklärte der Chef der Initiative, Robert Peres.

Rücktrittsforderung an Braun

Personelle Konsequenzen – die mutmaßlich über Vorstandsmitglied Marsalek hinausgehen – fordert auch Ingo Speich, Leiter Nachhaltigkeit und Corporate Governance bei Deka Investment: „Wir sind fassungslos. Auch hier hat sich wieder gezeigt, dass den Ankündigungen von Wirecard keine Taten folgen. Ein personeller Neuanfang ist dringender denn je. Wir hoffen, dass der erneute Vertrauensentzug am Kapitalmarkt nicht doch noch Auswirkungen auf das operative Geschäft hat.“ Speich hatte bereits zuvor den Rücktritt von Wirecard-Chef Markus Braun gefordert.

Marc Tüngler, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), sagte mit Blick auf die Zukunft des Topmanagements: „Wirecard steht vor der Frage, ob es personell so weitergehen kann.“ Man könne nicht mit den Leuten, die aus einem System kommen, dieses System ändern. Den Sturz der Wirecard-Aktie um bis zu 71 Prozent auf zeitweise nur noch 30 Euro bezeichnete Tüngler als „weiteren Schlag ins Kontor für die Wirecard-Aktionäre“.

Der Kurssturz könnte für Wirecard weitere Konsequenzen haben. Denn sollte sich die Aktie bis September nicht nachhaltig erholen, droht laut Index-Experten der Rauswurf aus der ersten Börsenliga.

Die nächste Indexüberprüfung der Deutschen Börse steht am 3. September dieses Jahres an. Umgesetzt werden etwaige Änderungen dann zum 21. September. Wichtig sind Indexänderungen vor allem für Fonds, die Indizes exakt nachbilden. Dort muss dann entsprechend umgestellt werden, was Einfluss auf die Aktienkurse haben kann.

Analysten zeigten sich am Donnerstag in ersten Reaktionen bezüglich der Wirecard-Aktie skeptisch. Die Experten von Baader Helvea setzten ihr Rating der Aktien aus und gaben auch ihr Kursziel auf. Es sei schwer, eine Basis für die Bewertung von Wirecard zu finden, bis der Fall gelöst sei, schreibt Analyst Knut Woller. Die Experten von Independent Research stuften die Papiere auf „verkaufen“ von „kaufen“ herab und senkten ihr Kursziel auf 40 von 120 Euro. „Wirecard hat aus unserer Sicht nun endgültig das Vertrauen bei den Investoren verspielt“, schreibt Analyst Markus Jost.

Turbulenzen am Anleihemarkt

Aber nicht nur an den Aktienbörsen, sondern auch am Anleihemarkt gerieten Papiere von Wirecard in heftige Turbulenzen: Der Kurs einer bis 2024 laufenden Anleihe stürzte in der Spitze um mehr als 40 Prozent ab – ein ungewöhnlich großer Kursverfall für ein Unternehmen, das von der Ratingagentur Moody’s nach wie vor als „investierbar“ (Investmentgrade) bewertet wird. Die Anleihe wird nur noch mit 48 Cent pro Euro gehandelt. Das bedeutet, dass die Investoren davon ausgehen, dass die Wahrscheinlichkeit, dass die Anleihe nicht zurückgezahlt werden kann, bei rund 50 Prozent liegt.

Im Gegenzug kletterte die Rendite des Bonds auf 19 Prozent. Zum Vergleich: Im Schnitt liegt die Rendite für Anleihen von europäischen Unternehmen, die wie Wirecard ein Dreifach-B-Rating haben, bei 1,1 Prozent. Auch im Vergleich zu Unternehmen, die als „spekulativ“ eingestuft werden, ist die Rendite der Wirecard-Anleihe extrem hoch. Europäische Hochzinsanleihen werfen im Schnitt derzeit eine Rendite von rund 4,4 Prozent ab.

Mit Agenturmaterial.

Mitarbeit: Jakob Blume.

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