Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Interview Lebensversicherungsexperte: „Der Garantiezins muss auf 0,5 Prozent sinken – vielleicht sogar noch tiefer“

Guido Bader ist Vorstand der Stuttgarter Lebensversicherung und Vorsitzender der Aktuare. Beim Handelsblatt-Strategiemeeting spricht er über den Wandel der Lebenspolicen.
20.10.2020 - 15:07 Uhr Kommentieren
Die klassische Police mit jährlich garantiertem Zins wird immer mehr zum Nischenprodukt. Quelle: dpa
Lebensversicherung

Die klassische Police mit jährlich garantiertem Zins wird immer mehr zum Nischenprodukt.

(Foto: dpa)

Frankfurt, München Die deutsche Lebensversicherung steht an einem Wendepunkt. Obwohl die Bundesregierung eine Entscheidung über eine geplante Senkung des Höchstrechnungszinses vertagt hat, sieht sich die Branche außerstande, die bisherige Höhe des meist Garantiezins genannten Satzes weiterhin zu halten.

„Wir werden im Dezember einen neuen Vorschlag für den Höchstrechnungszins ab 2022 unterbreiten“, kündigt Guido Bader, Vorsitzender der Deutschen Aktuarvereinigung und Vorstand der Stuttgarter Versicherung, an.

Der Verband, der die Versicherungsmathematiker in Deutschland vertritt, appelliere dringend an den Gesetzgeber, ein Paket aus einer Reform der Riester-Rente und der Beitragszusage mit Mindestleistung in der betrieblichen Altersvorsorge sowie einer Absenkung des Höchstrechnungszinses und einer Abkehr vom garantierten Beitragserhalt zu schnüren. „Die Zeit drängt: Der Höchstrechnungszins muss mindestens auf 0,5 Prozent sinken – vielleicht sogar noch tiefer“, findet der Topmanager.

Die Bundesregierung hatte eine vorgeschlagene Senkung des Höchstrechnungszinses von 0,9 Prozent zum 1. Januar 2021 wegen der Turbulenzen in der Coronakrise vorerst vertagt. Die Deutsche Aktuarvereinigung (DAV) hatte zuvor darauf gedrungen, dass der Höchstrechnungszins angesichts der anhaltenden Niedrigzinsen auf 0,5 Prozent sinken sollte.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Neukunden der klassischen Lebensversicherung müssen sich damit darauf einstellen, dass sie vielfach nur bis zum Jahresende noch die laufende Verzinsung bei klassischen Policen angeboten bekommen. Für bestehende Verträge ändert sich bei einer Senkung jedoch nichts.

    Deutschlands größte Lebensversicherung, die Allianz Leben, hat die 100-prozentige Beitragsgarantie ab 2021 bereits gekippt. Bader geht davon aus, dass weitere Versicherer folgen werden.

    Der Höchstrechnungszins wird von der Bundesregierung in Absprache mit den Aktuaren und der Bafin festgelegt und behält normalerweise mehrere Jahre Gültigkeit. Versicherer dürfen ihren Kunden zwar eine geringere, aber keine höhere Verzinsung fest zusagen.

    Lesen Sie hier das ganze Interview:

    Herr Bader, die Coronakrise lässt die Notenbanken noch länger als gedacht an den Niedrigzinsen festhalten. Wie sehr tut das den Lebensversicherern weh?
    Die Situation war schon vor Corona schwierig. Seitdem sind die Zinsen weiter gesunken. Wir bewegen uns inzwischen in einem Bereich, da tut jeder Basispunkt abwärts der Branche weh. Auch für die Kunden ist das eine schlechte Nachricht: Die Anlagemöglichkeiten der Versicherer sind noch einmal schlechter geworden.

    Große Anbieter ziehen bereits Konsequenzen: Die Allianz verabschiedet sich 2021 komplett von der festen Beitragsgarantie in der Lebensversicherung. Werden weitere Firmen folgen?
    Ich denke, wir werden weitere Anbieter sehen, die diesen Weg einschlagen. Produkte mit einer 100-Prozent-Beitragsgarantie sind in einer Negativzinswelt aus Sicht des Aktuars nicht mehr sinnvoll. Denn jede Garantie kostet Rendite – das macht aber angesichts der niedrigen und teils negativen Zinsen das Produkt letztlich unattraktiv. Aus meiner Sicht ist der Schritt der Allianz deshalb nur konsequent.

    Sie hatten bereits im letzten Herbst eine Senkung des Höchstrechnungszinses gefordert. Unternehmen Sie bald einen neuen Anlauf?
    Ja, wir werden im Dezember einen neuen Vorschlag für den Höchstrechnungszins ab 2022 unterbreiten. Details kann ich noch nicht nennen. Aber wir appellieren dringend an den Gesetzgeber, ein Paket aus einer Reform der Riester-Rente und der Beitragszusage mit Mindestleistung in der betrieblichen Altersvorsorge sowie einer Absenkung des Höchstrechnungszinses und einer Abkehr vom garantierten Beitragserhalt zu schnüren. Die Zeit drängt: Der Höchstrechnungszins muss mindestens auf 0,5 Prozent sinken – vielleicht sogar noch tiefer.

    Der Bund der Versicherten spricht von einer Bankrotterklärung, weil die Branche sich nicht mehr in der Lage sieht, das eingezahlte Geld zu garantieren. Verstehen Sie Ihren Job nicht?
    Wir kommen an den Realitäten leider nicht vorbei. Wenn Sie heute eine deutsche Staatsanleihe kaufen, bekommen Sie auch nicht mehr das Geld zurück, das Sie einzahlen. Viele festverzinsliche Bankeinlagen garantieren ebenfalls nicht mehr die Höhe der Einzahlungen. Wir sind in einer Welt angekommen, in der der sichere Zins negativ ist – darauf müssen sich auch die Verbraucher einstellen. Wenn Sie wollen, ist das eine Bankrotterklärung der ganzen Welt!

    Der Vorstand der Stuttgarter Lebensversicherung und Vorsitzende der Aktuarvereinigung glaubt, dass sich weitere Anbieter von festen Beitragsgarantien in der Lebensversicherung verabschieden werden. Quelle: Uta Wagner für Handelsblatt
    Guido Bader

    Der Vorstand der Stuttgarter Lebensversicherung und Vorsitzende der Aktuarvereinigung glaubt, dass sich weitere Anbieter von festen Beitragsgarantien in der Lebensversicherung verabschieden werden.

    (Foto: Uta Wagner für Handelsblatt)

    Ist die Ära der klassischen Policen beendet?
    Ich denke: ja. Nur bei Riester und bei der Beitragszusage mit Mindestleistung sind noch 100 Prozent Beitragsgarantie vorgeschrieben. Aber auch das sollte der Gesetzgeber rasch ändern. Wir drängen darauf, dass – wenn wir die neue Empfehlung im Dezember abgeben –, dann auch für den 1. Januar 2022 tatsächlich ein neues Gesamtpaket aus Riester und dem Höchstrechnungszins vorliegt. Und das wäre auch kein Entgegenkommen gegenüber der Versicherungsbranche, sondern ist aktuariell sachgerecht und geboten, um die Anlagespielräume im Sinne der Versicherten zu vergrößern.

    Berlin hat aber eine Entscheidung über den Höchstrechnungszins vorerst vertagt. Wird die Branche freiwillig den Zins ab 2021 senken?
    Ich glaube, dass es Anbieter geben wird, die darauf bereits ab dem nächsten Jahr reagieren werden. Natürlich ist es auch eine Frage der Zeit. Viele Versicherer haben gewartet, ob das Finanzministerium doch noch einen neuen Zins benennt. Für einige Firmen ist es jetzt vielleicht zu spät, mit Blick auf Anfang 2021 noch ihre Produkte neu zu kalkulieren.

    Derzeit bieten noch rund 30 Firmen klassische Policen an. Wie viele werden es Ende 2021 sein?
    Ich habe natürlich keine Glaskugel. Aber ich erwarte, dass bei Neuverträgen die klassischen Policen mit jährlicher Garantie bis Ende nächsten Jahres zum Nischenprodukt werden. Wer sie trotzdem mit einem Garantiezins von 0,9 Prozent anbietet, muss der Bafin dafür wahrscheinlich eine ziemlich gute Begründung vorlegen.

    Bei der Riester-Rente und Teilen der betrieblichen Altersvorsorge schreibt der Gesetzgeber weiter die hundertprozentige Absicherung vor. Werden diese Produkte profitieren?
    Ich glaube nein. Das Thema Riester ist aus Sicht der Öffentlichkeit leider negativ belegt. Das wird sich erst mit einem neuen großen Wurf ändern.

    Herr Bader, vielen Dank für das Interview.

    Mehr: Allianz baut die Lebensversicherung um – 100-Prozent-Beitragsgarantie bei Neuverträgen wird abgeschafft

    Startseite
    Mehr zu: Interview - Lebensversicherungsexperte: „Der Garantiezins muss auf 0,5 Prozent sinken – vielleicht sogar noch tiefer“
    0 Kommentare zu "Interview: Lebensversicherungsexperte: „Der Garantiezins muss auf 0,5 Prozent sinken – vielleicht sogar noch tiefer“"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%