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VersicherungAllianz kontert Preissteigerungen der Rückversicherer

Für Versicherer wird es immer teurer, sich selbst gegen Großrisiken wie Sturmschäden abzusichern. Nun geht die Allianz einen besonderen Weg. Ozan Demircan, Susanne Schier 22.12.2023 - 12:22 Uhr

Frankfurt. Der Versicherer Allianz kontert die Preissteigerungen bei den Rückversicherungen, um Großrisiken abzusichern, mit einem bislang selten angewandten Finanzierungsmittel: Zum ersten Mal seit zehn Jahren hat der Dax-Konzern aus München eine sogenannte Katastrophenanleihe begeben.

Professionelle Investoren können damit auf die Wahrscheinlichkeit einer Naturkatastrophe in einem bestimmten Zeitraum wetten. Sie gehen ein hohes Risiko ein, aber erhalten dafür die Chance auf eine hohe Rendite. Diese wird fällig, wenn alles ruhig bleibt. Im Katastrophenfall geht der Einsatz allerdings komplett verloren.

Mit der Anleihe im Volumen von 250 Millionen Euro sichert die Allianz im Zeitraum von Januar 2024 bis Dezember 2026 Windsturmrisiken in Europa ab. Die Absicherung solcher Großrisiken über eine Katastrophenanleihe sei inzwischen teilweise günstiger als der klassische Rückversicherungsschutz durch Firmen wie Munich Re oder Swiss Re, heißt es in der Branche.

Kampfansage der Allianz

Die Bekanntgabe der Allianz kurz vor Jahresende, wenn Versicherer und Rückversicherer über ihre Verträge verhandeln, ist daher eine Kampfansage – und wohl auch ein Schritt, die zuletzt gute Entwicklung der Aktie weiter zu fördern. Nach Bekanntgabe legten die Anteilsscheine um rund ein Prozent zu.

Hintergrund ist ein Preiskampf zwischen Endkundenversicherern wie Allianz oder Axa und den Rückversicherern, zu denen etwa Munich Re gehört. Letztere sind immer dann in der Pflicht, wenn Allianz und Co. nach einer Naturkatastrophe mehr versicherte Schäden begleichen müssen, als sie vorab gemessen am normalerweise üblichen Schadenmaß kalkuliert haben. Der Klimawandel macht zudem Naturkatastrophen, auch in Europa, immer wahrscheinlicher.

Zur Verdeutlichung dient folgendes Beispiel: Ein Versicherer rechnet damit, dass durch Autounfälle normalerweise in einer Stadt X eine relativ geringe Anzahl von Unfällen im Jahr geschieht und als Schaden gemeldet wird. Ein Hagelunwetter oder ein Sturm führt nun dazu, dass binnen kürzester Zeit nahezu alle Autos einen versicherten Schaden aufweisen. Damit wäre der Versicherer überfordert.

Da die Schäden den vorab kalkulierten Wert übersteigen, übernimmt der Rückversicherer die Auszahlung der Schäden. Im Gegenzug erhält er für diese Leistung einen Teil der Kundengelder.

Klimawandel: Für Versicherer wird es oft teuer

Genau diese Konstellation führt dazu, dass die Rückversicherer derzeit die Preise praktisch diktieren können. Berenberg-Analyst Michael Huttner geht davon aus, dass diese Situation – im Fachjargon als „harter Markt“ bezeichnet – auch 2024 anhalten wird. Die Gewinner seien die Rückversicherer, die Verlierer in erster Linie die kleineren, lokal tätigen Erstversicherer, die gegen den starken Kostenanstieg relativ wenig ausrichten könnten.

Gothaer-Vorstandsmitglied Thomas Bischof hatte in diesem Monat erklärt: „Die Preisgestaltung der Rückversicherer hat einen großen Teil unserer sonst guten Ertragslage aufgezehrt.“ Auch der Kölner Versicherer legte damit offen, unter den hohen Preisen für Rückversicherungsschutz zu leiden.

Neben dieser Entwicklung haben die Versicherer mit der nach wie vor hohen Inflation zu kämpfen. Dadurch steigen die Kosten der zu begleichenden Schäden, während die Beitragszahlungen der Endkunden oft erst nachträglich angehoben werden. 

Die Allianz wählt mit der Katastrophenanleihe nun einen besonderen Weg, um den Preiskampf mit den Rückversicherern zu kontern. Mit der Anleihe überträgt sie das Risiko eines Großschadens durch Stürme in Europa auf den Kapitalmarkt.

Und so funktioniert es: Institutionelle Investoren können die Anleihe über eine eigens gegründete Zweckgesellschaft kaufen. Sofern die vorher definierte Katastrophe nicht eintritt, erhalten die Investoren während der Laufzeit der Anleihe die versprochenen Zinsen und am Ende der Laufzeit das investierte Kapital zurück. Tritt eine solche Katastrophe ein, verlieren Anleger ihren gesamten Einsatz.

Laut dem Branchendienst Artemis liegt der Zins für die Katastrophenanleihe der Allianz bei 5,75 Prozent pro Jahr, bereinigt um die Wahrscheinlichkeit eines Totalausfalls. Privatanleger können sich an solchen Geschäften nicht beteiligen. 

Doch für institutionelle Anleger sind „Cat Bonds“, wie Katastrophenanleihen auch genannt werden, eine hochverzinste, aber riskante Beimischung für das Großdepot.

Ob der Ausgabe der Katastrophenanleihe gescheiterte Verhandlungen zwischen Allianz und Rückversicherern vorausgegangen sind, möchte das Unternehmen auf Anfrage nicht kommentieren. Aus dem Umfeld des Unternehmens heißt es, dass die Allianz bei diesem Geschäft günstiger weggekommen sei im Vergleich zur klassischen Absicherung über einen Rückversicherer.

Die Munich Re als weltweit größter Rückversicherer glaubt jedoch nicht an eine wirkliche Konkurrenz in ihrem Kerngeschäft. "Munich Re sieht ausreichend profitables Marktpotenzial im klassischen Rückversicherungsgeschäft", erklärte ein Sprecher auf Anfrage.

Versicherer suchen nach Alternativen

Unabhängig davon wird die Tatsache, dass der Allianz-Konzern in seinem Kerngeschäft in Europa auf ein solches Konstrukt zurückgreift, in der Branche als Kampfansage gesehen.

„Rückversicherer haben in diesem Jahr mit hohen Gewinnen geprahlt und trotz geringer Schadenbelastung die Preise angehoben“, erzählt ein Insider, der regelmäßig zwischen Erst- und Rückversicherern verhandelt. Dies führe zwangsläufig dazu, dass Versicherer nach Alternativen suchten.

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Artemis berichtete auch über eine Katastrophenanleihe der Versicherungskammer Bayern (VKB), mit der sich der öffentliche Versicherer gegen Großschäden durch Erdbeben, Flut, Hagel und Stürme in Deutschland absichern will. Die VKB selbst hat sich dazu bisher nicht geäußert.

Erstpublikation: 21.12.2023, 04:22 Uhr.

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