Norbert Rollinger im Interview: R+V-Chef: „An einer Senkung des Garantiezinses führt kein Weg vorbei“
Der Vorstandsvorsitzende der R+V Versicherung sieht keine Chance, die laufende Garantieverzinsung bei klassischen Lebenspolicen noch lange aufrecht zu erhalten.
Foto: Bernd Roselieb für HandelsblattWiesbaden . Die deutsche Lebensversicherung steht vor einem wichtigen Einschnitt. Obwohl die Bundesregierung eine Entscheidung über eine geplante Senkung des Höchstrechnungszinses vertagt hat, sieht sich die Branche zum Handeln gezwungen – und will das Niveau des meist Garantiezins genannten Satzes freiwillig kippen.
„Ich halte es für wahrscheinlich, dass die Branche den Garantiezins ab 2021 senken wird“, sagte der Vorstandschef des nach Beitragseinnahmen zweitgrößten Lebensversicherers Deutschlands R+V, Norbert Rollinger, dem Handelsblatt. „An einer weiteren Senkung des Garantiezinses führt kein Weg vorbei.“
Die Bundesregierung hatte eine vorgeschlagene Senkung des Höchstrechnungszinses von 0,9 Prozent zum 1. Januar 2021 wegen der Turbulenzen in der Coronakrise vorerst vertagt. Die Deutsche Aktuarvereinigung (DAV), die Gilde der Versicherungsmathematiker, hatte zuvor darauf gedrungen, dass der Höchstrechnungszins auf 0,5 Prozent sinken sollte.
Neukunden der klassischen Lebensversicherung müssen sich damit darauf einstellen, dass sie vielfach nur bis zum Jahresende noch die laufende Verzinsung bei klassischen Policen angeboten bekommen. Für bestehende Verträge ändert sich bei einer Senkung jedoch nichts.
Die genaue Höhe des Höchstzinssatzes sei eine Entscheidung, die jedes Unternehmen allein treffe, betonte Rollinger, der auch im Präsidium des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) sitzt. Der Branchenverband GDV könne da keine Vorgaben machen.
„Ich glaube, dass wir ab dem kommenden Jahr sehr individuelle Garantiezinssätze bei den klassischen Policen sehen werden“, sagte der Vorstandschef der genossenschaftlichen Assekuranz. „Es wäre vielleicht komfortabler für die Branche gewesen, wenn die Politik eine Richtlinie gegeben hätte.“ Aber jedes Management werde auf anhaltend niedrige Zinsen am Kapitalmarkt reagieren müssen.
„Ich frage mich, welches Versicherungsunternehmen künftig noch einen Garantiezins von 0,9 Prozent für wesentliche Produkte seines Neugeschäfts anbieten will“, betonte Rollinger. Die Finanzaufsicht Bafin hatte bereits appelliert, dass die Versicherer keine Produkte mit einer garantierten Verzinsung von 0,9 Prozent auf den Sparanteil mehr entwickeln sollten. Die Versicherer wollen dieser Empfehlung nun offensichtlich folgen – auf freiwilliger Basis.
Der Höchstrechnungszins wird von der Bundesregierung in Absprache mit den Aktuaren und der Bafin festgelegt und behält normalerweise mehrere Jahre Gültigkeit. Versicherer dürfen ihren Kunden zwar eine geringere, aber keine höhere Verzinsung fest zusagen.
Faktisch unterbietet aber bisher kaum ein Unternehmen trotz der Niedrigzinsen die staatliche Vorgabe, obwohl die finanzielle Situation der Lebensversicherer angespannt ist. Eine freiwillige Senkung unter den Garantiezins von einem Großteil der deutschen Versicherer wäre insofern ein Novum in der Branche.
Seit 2017 liegt der Garantiezins für klassische Lebensversicherungen bei 0,9 Prozent. Der Garantiezins ist dabei Teil der für Kunden wichtigen laufenden Verzinsung. Hinzu kommt die Überschussbeteiligung. Über deren Höhe entscheiden die Versicherer je nach Wirtschaftslage und Erfolg ihrer Anlagestrategie jedes Jahr neu.
Lesen Sie hier das komplette Interview:
Herr Rollinger, Deutschland ist aus dem Urlaub zurückgekehrt. Wo waren Sie in den Ferien: brav im Inland oder in einem Risikogebiet im Ausland?
Weder noch. Wir sind mit dem Auto nach Norditalien gefahren und waren am Lago Maggiore und am Comer See.
Die Versicherer hat es dagegen nicht so gut getroffen. Lloyd’s of London schätzt, dass die Schäden für die Branche sich auf 200 Milliarden Dollar summieren werden. Stellt Corona alles in Schatten?
Ja, ich glaube, Corona ist ein Jahrhundertereignis für die Branche, weil es nicht nur zu massiven Schäden führt, sondern unsere gesamte Arbeitsweise, Nachfrage und Zusammenarbeit verändern wird. Covid-19 könnte eine Zeitenwende einläuten, um es mal ganz hoch aufzuhängen. Viele Einstellungen ändern sich jedenfalls – sowohl bei Kunden als auch bei Mitarbeitern.
Nichts passiert ist jedoch in Berlin beim Höchstrechnungszins. So ist die gewünschte Senkung in Berlin vorerst vom Tisch. Werden Sie jetzt freiwillig keine Produkte mehr mit einer garantierten Verzinsung von 0,9 Prozent auf den Sparanteil mehr anbieten?
Ja, ich halte es für wahrscheinlich, dass die Branche den Garantiezins ab 2021 senken wird. Ich frage mich, welches Versicherungsunternehmen künftig noch einen Garantiezins von 0,9 Prozent für wesentliche Produkte seines Neugeschäfts anbieten will. Natürlich ist die Festlegung Sache jedes einzelnen Unternehmens, und der Branchenverband GDV kann dazu keine Vorgaben machen. Aber auch die Bafin hat bereits angeregt, dass die Branche den Garantiezins deutlich senkt.
Wie tief wird der Zins sinken? Werden wir Ziffern sehen, die sogar unter den vorgeschlagenen 0,5 Prozent liegen?
Die Zinsen am Kapitalmarkt werden wegen der Coronakrise sicher länger als gedacht sehr niedrig bleiben. Darauf wird jedes Management reagieren müssen, aber das ist eine Entscheidung, die jedes Unternehmen allein trifft. Ich glaube, dass wir ab dem kommenden Jahr sehr individuelle Garantiezinssätze bei den klassischen Policen sehen werden.
Es wäre vielleicht komfortabler für die Branche gewesen, wenn die Politik eine Richtlinie gegeben hätte. Aber an einer weiteren Senkung des Garantiezinses führt kein Weg vorbei. Wir sehen bei unseren Kunden, dass Renditeaspekte stärker in den Vordergrund rücken. Vor allem Mischprodukte mit Garantie- und Fondsanteilen sind gefragt.
Werden als Konsequenz sich nun mehr Versicherer von Altbeständen in der Lebensversicherung trennen und diese in einen externen Run-off schicken, also an Drittfirmen verkaufen?
Ja, ich glaube, dass wir durch den steigenden Druck in der Branche in den kommenden Jahren mehr sogenannte externe Run-offs bei Lebensversicherungen sehen werden. Zumal sich die schlimmsten Befürchtungen der Verbraucherschützer bisher nicht bewahrheitet haben. Es hat sich eher zu einem normalen Geschäft entwickelt. Wir als R+V Versicherung haben weiter nicht vor, diesen Weg zu gehen. Aber natürlich wäre es fahrlässig, einen solchen Schritt für alle Zeiten auszuschließen. Aber wie gesagt: Wir planen da aktuell nichts.
Die Versicherer haben in Berlin auch einen branchenübergreifenden Pandemie-Pool ins Gespräch gebracht, an dem sich auch der Staat beteiligen soll. Warum findet der Vorschlag so wenig Resonanz?
Ich denke, man muss Verständnis dafür haben, dass die Politik andere Themen vordringlich beschäftigen. Aber es ist wohl klar, dass das Risiko einer flächendeckenden Pandemie-Versicherung nur unter staatlicher Beteiligung denkbar ist. Wir haben branchenweit in der Schaden-/Unfallversicherung jährliche Beitragseinnahmen von 73 Milliarden Euro – die Maßnahmen und Hilfspakete liegen dagegen im dreistelligen Milliardenbereich. Die gesamten Einnahmen der Branche können also niemals reichen, um die Pandemiefolgen abzudecken – da brauchen wir die Politik.
Wie sehr trifft Corona wirtschaftlich die R+V Versicherung?
Was die Beitragsentwicklung angeht, sind wir mit dem bisherigen Jahresverlauf ganz zufrieden. Bei den Lebenspolicen und bei Schaden-/Unfall-Versicherungen liegen wir beim Wachstum auf Vorjahresniveau oder sogar darüber. In der Krankenversicherung sind wir dagegen bisher etwas schwächer unterwegs. Aber wir haben natürlich erhebliche Schäden zu beklagen, sowohl in der Erstversicherung als auch in der Rückversicherung. Das wird sich insgesamt voraussichtlich auf rund 300 Millionen Euro summieren.
Inzwischen steigen die Infiziertenzahlen in Deutschland wieder, und die Politik wappnet sich für eine zweite Welle der Pandemie. Wie gefährlich kann das für die deutschen Firmen werden?
Sehr gefährlich. Eine zweite Welle wäre fatal für die kulturelle und wirtschaftliche Vielfalt in Deutschland. Gerade in Branchen wie Tourismus, Hotellerie oder Gastronomie würde sie vielen Firmen den Todesstoß versetzen. Noch hat die Regierung die Insolvenzmeldepflicht bis Ende des Jahres ausgesetzt. Erst Anfang 2021 werden viele Firmen deshalb die Karten auf den Tisch legen.
Beim Thema Betriebsschließungs-Policen hat die Branche in den letzten Wochen keine Sympathiepunkte gesammelt. Viele Gastwirte sind verärgert, und erste Gerichte urteilten bereits gegen die Branche. Warum gibt sich die Branche so stur?
Lassen Sie uns auf die Fakten schauen: Die Betriebsschließungsversicherung war vor Corona mit deutschlandweit lediglich 25 Millionen Euro Prämieneinnahmen eher eine Randsparte. Schon daraus ergibt sich, dass sie nie als breite Pandemiedeckung gedacht war, sondern beispielsweise für den Fall, dass das Gesundheitsamt ein einzelnes Restaurant wegen aktueller Hygieneprobleme schließt. Keiner war auf die Idee gekommen, dass es eine präventive Schließung von allen Restaurants in Deutschland geben könnte…
Aber ist das nicht vor allem das Problem der Versicherer?
Natürlich müssen einige Versicherer bei der Definition des Versicherungsschutzes und der Beschreibung der Fälle, die den Schutz auslösen, in Zukunft noch präziser formulieren. Aber ehrlich gesagt, wer von uns hat eine Pandemie wie diese jemals erlebt? Der Verband wird jetzt aber unverbindliche Musterbedingungen für diese Sparte entwickeln.
Corona ist dabei, den Büroalltag in der Wirtschaft zu verändern. Siemens und Allianz visieren an, auch nach der Pandemie viel mehr Homeoffice anzubieten. Wie ist das bei Ihnen?
Wir bereiten uns auch auf die neue Normalität vor. Sicher ist, dass die alten Bürozeiten nicht mehr zurückkommen werden – das Homeoffice hat große Vorteile. Aber es hat auch Nachteile, weil es so schwieriger wird, eine Gemeinschaft zu bilden. Wir wollen aber keine Söldner als Mitarbeiter, sondern überzeugte Beschäftigte.
Wir planen deshalb eine kleine Revolution – und unsere Büroflächen völlig neu zu verteilen. Ab dem kommenden Jahr wollen wir deutlich mehr Gemeinschaftsflächen haben, die den Austausch fördern. Wie das genau aussieht, wissen wir noch nicht, das wird gerade in einem großen Projekt erarbeitet.
Verzichten Sie im Gegenzug künftig auf manche geplante neue Bürofläche?
Das muss sich zeigen. Natürlich wäre es schön, wenn wir dann auch mit weniger Fläche auskommen würden. Ich finde es aber noch verfrüht, darüber zu spekulieren. Die klassischen Arbeitsplätze werden wir aber weniger brauchen.
Und wird man auch den Vorstandschef seltener in Wiesbaden sehen?
Ja, eindeutig. Früher habe ich mich ja fast geschämt, wenn ich mal ein paar Stunden von daheim gearbeitet habe. Aber inzwischen haben wir alle gelernt, dass das sehr gut geht – und dass wir alle dabei nicht unproduktiver sind.
2022 wird die R+V Versicherung 100 Jahre alt. Bis dahin sollen die Beitragseinnahmen auf rund 20 Milliarden Euro gestiegen sein. Bringt Corona diesen Plan ins Wanken?
Ich bin zuversichtlich, dass wir trotz Corona unsere Ziele 2022 schaffen werden. Wenn wir an der einen oder anderen Stelle leicht vom ursprünglichen Plan abweichen sollten, wird uns das wohl auch niemand übelnehmen.
Alles hat man auch nicht selbst in der Hand. Herr Rollinger, Sie sind Rheinländer und R+V ist Schalke-Sponsor. Was würde Sie härter treffen: eine Absage des Karnevals oder ein Abstieg der Gelsenkirchener?
Also, Schalke wird nicht absteigen, da bin ich ganz zuversichtlich – und das sage ich als Fan des 1. FC Köln. Und was Karneval angeht, muss ich leider dem nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Armin Laschet recht geben: So wie wir den Karneval lieben, werden wir ihn dieses Jahr nicht feiern können. Ich habe also Verständnis dafür, wenn wir die Feiern für ein Jahr ausfallen lassen. Mir als Kölner blutet da zwar das Herz – meine Frau wäre aber wohl erleichtert.
Herr Rollinger, vielen Dank für das Interview.