Edelmetall: In Gold we trust
Lüneburg. Keine andere Anlageklasse führt unter Investoren und Finanzexperten zu so emotionalen und kontroversen Debatten wie Gold. Für die einen ist das Edelmetall als Baustein im Portfolio unverzichtbar, als Stabilisator und Versicherung gegen Krisen nicht wegzudenken. Für die anderen dagegen ist ein Investment in Gold schlicht unattraktiv – schließlich bringt Gold weder Zinsen noch Dividenden, außerdem ist die Lagerung relativ teuer.
Trotz der vermeintlichen Nachteile können sich auch die Skeptiker der Faszination des Edelmetalls nicht völlig entziehen, zumal der Preis während der Coronakrise fast stetig steigt. Schon 2019 hatte sich Gold in Dollar um 18 Prozent verteuert. In diesem Jahr setzt sich der Trend fort. In einigen anderen Währungen, auch dem Euro, notiert Gold wegen des starken Dollars nahe dem Allzeithoch.
So kostete eine Feinunze, also 31,1 Gramm, des Edelmetalls in Euro zuletzt etwas mehr als 1600 Euro und damit so viel wie noch nie, gemessen am Preis in Euro. Das Rekordhoch von 1 917 Dollar, erreicht im Jahr 2011, ist aber noch ein gutes Stück entfernt. Dennoch hält sich der Preis auf einem hohen Niveau.
Wie gefragt Gold derzeit ist, das zeigte sich in den vergangenen Wochen auch durch nahezu leergekaufte Bestände an Münzen und kleinen Goldbarren bei Edelmetallhändlern. Viele von ihnen berichteten zeitweise sogar von Schwierigkeiten beim Nachschub von Goldmünzen und von Goldbarren, weil auch der Handel mit Gold unter den Folgen der Pandemie leidet.
Ein anderes Indiz für das starke Interesse zeigt sich in der massiv erhöhten Nachfrage nach börsengehandelten Goldfonds. So stieg der Goldbestand bei ETFs zuletzt auf einen neuen Rekordwert von 3185 Tonnen, berichtet der World Gold Council, der Weltverband der Goldbranche. Im gesamten ersten Quartal erhöhten sich die Bestände um 298 Tonnen, das ist der größte Anstieg in einem Quartal seit vier Jahren.
„Das anhaltende Rekordwachstum für goldbesicherte ETFs zeigt, dass die Anleger die Rolle von Gold als Wertsicherungsmittel und Quelle von Liquidität und Erträgen schätzen“, kommentiert Juan Carlos Artigas, Leiter Research beim World Gold Council.
Sein Ruf als Krisenwährung bekam jedoch im März einen erheblichen Kratzer. Der Goldpreis fiel – fast parallel zum Aktienmarkt – um 15 Prozent. Die Verluste gingen größtenteils auf das Konto von Investoren, die auch sichere Anlagen verkauften, um liquide zu bleiben. Allerdings fiel der Rückgang beim Goldpreis glimpflich aus. Nach dem kurzen Einbruch steigt der Kurs des gelben Edelmetalls nun wieder und erreichte im April 1720 Dollar pro Feinunze. „Gold konnte den Einbruch im März mehr als kompensieren und hat sich eindeutig als Krisenmetall bestätigt“, sagt Martin Siegel, Edelmetallexperte und Geschäftsführer der Stabilitas GmbH. „Das Edelmetall kompensiert die inflationären Problematiken, die das hohe Liquiditätsniveau im Markt mit sich bringt.“
Zweifel am Papiergeld
Siegel spricht damit auf die Masse an Rettungs-, Hilfs- und Stützpaketen der Regierungen und Zentralbanken an, die viele Investoren am stabilen Wert des Papiergelds zweifeln lässt. Hinzu kommt die rasante Verschuldung auf Staatsebene, die ja eine Folge der Aktivitäten ist, um die Folgen der Coronapandemie zu reduzieren. Nicht wenige Finanzexperten erwarten deshalb mittel- bis langfristig eine deutlich steigende Inflation – wovor Gold das Vermögen der Anleger schützen soll. „Gold hat sich wiederholt als wirksames Absicherungsmittel unter komplexen und schwierigen Marktbedingungen, einschließlich der globalen Finanzkrise und der aktuellen Covid-19-Pandemie, bewährt“, bestätigt Artigas vom World Gold Council.
Die massiven Konjunkturpakete der Regierungen und Zentralbanken sind auch für Ritu Vohora, Investment Director im Aktienteam bei M&G, ein wichtiger Preistreiber: „Da es nicht wie andere Währungen einfach gedruckt werden kann, behält Gold seinen Wert und ist eine Art Gegenpol zu den heutigen gesetzlichen Zahlungsmitteln“, erklärt Vohora. Ihrer Einschätzung nach kann das Edelmetall zum Schutz vor einer Währungsabwertung beitragen, wenn die Zentralbanken die Märkte im Kampf gegen die Corona-Rezession weiterhin mit Liquidität überschwemmen und damit die Inflation möglicherweise anheizen.
Sicherer Hafen
Nach der globalen Finanzkrise 2008 blieb die Inflation, entgegen der Hoffnung vieler Goldinvestoren, zwar aus – doch diesmal könnte es anders kommen. Aus Sicht der M&G-Expertin lohne sich Gold als Teil eines gut diversifizierten Portfolios, da es sowohl knapp als auch äußerst liquide ist und zudem kaum mit anderen Vermögenswerten korreliere. „Das kann Gold nicht nur zu einem Wertspeicher, sondern auch zur Versicherungspolice machen.“ Ihr Fazit: „Gold ist und bleibt der ultimative sichere Hafen für Anleger.“
Doch nicht nur in der aktuellen Coronakrise sind speziell die Notenbanken ein wichtiger Faktor. Sie kaufen im großen Stil Gold auf dem freien Markt. Mit einem höheren Anteil von Goldbeständen an den nationalen Reserven wollen die Zentralbanken von Schwellenländern ihre Abhängigkeit von der Kursentwicklung zum US-Dollar verringern. Nach jüngsten Angaben des World Gold Council wuchsen vor dem Hintergrund einer erhöhten Volatilität und Unsicherheit die globalen Goldreserven im ersten Quartal um 145 Tonnen.
Allerdings habe Russland jetzt angekündigt, sein langfristiges Kaufprogramm auszusetzen. Dies werde voraussichtlich zu einer Verlangsamung des globalen Nettokaufs ab dem zweiten Quartal führen, prognostiziert der Branchenverband.
Auch Lars-Henning Müller, Leiter Funds & Mandats bei Merck Finck Privatbankiers AG, ist positiv gestimmt: „Langfristig gehen wir von einem weiter steigenden Goldpreis aus. Eine Verdoppelung gegenüber dem aktuellen Stand scheint durchaus möglich. Die strukturellen, nachhaltigen Treiber des Goldpreises sind nach wie vor intakt.“
Dazu zählt Müller die anhaltend hohe weltweite Verschuldung sowie die nachlassende Wirtschaftsdynamik, die niedrige Zinsen in allen entwickelten Ländern zementierten. „Fallende Realzinsen sind ein ideales Umfeld für den Goldpreis, weil die Opportunitätskosten eines Goldinvestments sinken“, so Müller.
Und nicht zuletzt hat die Minenproduktion von Gold nach Ansicht des Experten ihren Höhepunkt erreicht und werde bis auf Weiteres sukzessive abnehmen. Das Angebot werde entsprechend knapp. „Gold gehört als strategischer Baustein in jedes breit aufgestellte Portfolio. In Krisenzeiten ist Gold noch immer eine gute Absicherung, und im Gegenteil zu Kryptowährungen auch als sicherer Hafen erprobt“, so Müller. Zudem biete Gold die Aussicht auf langfristig deutliche Kurssteigerungen. Es sei nach wie vor ein guter Zeitpunkt, um eine strategische Goldposition aufzubauen oder die nächste Preisschwäche hierfür zu nutzen.
Die Bank of America geht sogar noch einen Schritt weiter und hat jüngst ihre Goldpreisprognosen drastisch erhöht. Auf Sicht von 18 Monaten sehen die Strategen den Preis jetzt bei 3000 und nicht mehr wie bisher bei 2000 Dollar. Ob es tatsächlich dazu kommt, bleibt abzuwarten.
Starke Schwankungen
Doch Anleger sollten bedenken: Der Preis für das Edelmetall kann durchaus deutlich schwanken. Notierte der Goldpreis während der Finanzkrise im Jahr 2009 noch bei rund 700 Dollar, so erreichte der Kurs im September 2011 einen Höchststand bei mehr als 1900 Dollar. Ein Anstieg um das Zweieinhalbfache. Als sich allerdings abzeichnete, dass sich die Welt langsam aus dem Krisenmodus befreit, kam es zu einer Gegenbewegung. Der Preis brach deutlich ein.
Gold, das vielen Anlegern aus Sicherheitsgründen empfohlen wurde, entpuppte sich plötzlich als riskantes Investment, das starken Preisschwankungen ausgesetzt ist und die Nerven der Investoren strapaziert. Es ist auch deshalb ratsam, nur einen Teil des Vermögens in das Edelmetall zu investieren.
Ein Investment in Gold sollte folglich auch nicht durch die Hoffnung auf spekulative Kursgewinne motiviert sein, sondern als eine Art letzte Versicherung zum Beispiel bei einer schweren Währungskrise oder bei der Pleite einer Industrienation gedacht sein. Schließlich erwarten die Menschen auch von einer Versicherung nicht, dass sie im Wert steigt, sondern dass sie einspringt, wenn es im Ernstfall notwendig ist. Das gilt auch für Gold. Kurz- oder mittelfristige Kursziele sollten deshalb keine Rolle spielen.