Notenbank: China will mit Zinssenkung Wirtschaft stützen, aber nicht den Immobilienmarkt
Die Zentralbank will mit ihrer Entscheidung offenbar die Kreditvergabe an Firmen stützen.
Foto: APPeking. Um die schwache Konjunktur anzuschieben, haben führende chinesische Banken die Kreditzinsen gesenkt. Wie erwartet, gab die Zentralbank People’s Bank of China (PBoC) eine Senkung des Referenzzinssatzes für einjährige Kredite bekannt; der Satz für fünfjährige Kredite blieb jedoch überraschend unverändert. Die Investoren hatten mehr erwartet, auch Experten zeigten sich überrascht.
Durch die Senkung des Satzes für einjährige Kredite soll es für Unternehmen günstiger werden, Kredite aufzunehmen. Die Behörden hoffen, dass die Firmen auf diese Weise mehr investieren und so die schwächelnde Wirtschaft stützen. Allerdings war die Nachfrage nach Krediten aufgrund der eingetrübten Wachstumsaussichten zuletzt sehr schwach.
Die Referenzzinssätze werden monatlich von der PBoC veröffentlicht. Dabei handelt es sich um Zinssätze für Kredite mit kurzer und mittelfristiger Laufzeit, die die 18 führenden Banken ihren solventesten Kunden anbieten. Sie orientieren sich am Leitzins der PBoC, der vergangene Woche überraschend so stark gesenkt wurde wie seit 2020 nicht.
Die meisten Kredite basieren auf dem einjährigen Referenzzins. Der Zinssatz für fünfjährige Kredite beeinflusst unter anderem Hypotheken. Von den Informationsdiensten Bloomberg und Reuters im Vorfeld befragte Volkswirte hatten unisono mit der Senkung beider Zinssätze gerechnet. Die Experten der US-Bank Goldman Sachs sprachen von einer „ziemlich überraschenden“ und „verblüffenden“ Entscheidung.
Die Verunsicherung der Investoren über die Zinsentscheidung ließ sich an den Börsen ablesen. Der Hang-Seng-China-Enterprises-Index, der an der Hongkonger Börse gehandelte chinesische Unternehmen abbildet, verlor 1,9 Prozent und fiel damit auf den tiefsten Stand seit November. Es war der siebte Verlusttag in Folge. Der chinesische Leitindex CSI 300 gab 1,4 Prozent nach, womit sich das Minus in diesem Monat auf über sieben Prozent summiert.
Dass lediglich der Referenzzins für einjährige Kredite gesenkt wurde, spricht dafür, dass zwar die Kreditvergabe an Unternehmen angekurbelt werden soll, nicht jedoch die Nachfrage nach Immobilienkrediten. Die Zinsschritte seien ein Signal, dass die Behörden nicht wollen, „dass der Immobilienmarkt überhitzt“, sagte Bruce Pang, China-Chefökonom bei Jones Lang LaSalle Bloomberg. Trotz der wachsenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten vor allem aufgrund der anhaltenden Immobilienkrise forciert die Staatsführung offenbar weiterhin eine Abkehr vom bisherigen investitionsgetriebenen Wachstumsmodell.
Der Referenzzins für einjährige Kredite (LPR) liegt nun um zehn Basispunkte niedriger bei 3,45 Prozent, der fünfjährige LPR weiterhin bei 4,20 Prozent. Zuletzt hatte China im Juni beide LPR reduziert, um die Kreditvergabe anzukurbeln, was jedoch kaum Wirkung zeigte.
Politisch gewollte Abkühlung der Immobilienwirtschaft
Zuletzt mehrten sich die negativen Nachrichten aus Chinas Wirtschaft. Diese erholt sich deutlich langsamer vom Corona-Einbruch des vergangenen Jahres als von vielen erhofft. Konsumenten und Unternehmen sparen, die Exporte brachen ein. Doch vor allem die anhaltende Immobilienkrise und ihre Folgen bereiten Experten Sorgen. Denn die Bauwirtschaft hat bislang direkt und indirekt bis zu ein Viertel zur Wirtschaftsleistung beigetragen.
Um eine Überhitzung zu vermeiden, hat die Staatsführung vor zwei Jahren begonnen, den Sektor stärker zu regulieren. Die Abkühlung sorgt jedoch auch dafür, dass einige Entwickler in Zahlungsschwierigkeiten geraten. So musste das Unternehmen Country Garden vor zwei Wochen einräumen, Zinsen auf einige Finanzprodukte nicht rechtzeitig zahlen zu können.
Die Währungshüter haben den einjährigen Leitzins angepasst.
Foto: dpaIn der vergangenen Woche hatten Zentralbank und Finanzaufsicht Vertreter der Finanzindustrie einbestellt und diese erneut aufgefordert, die Kreditvergabe zu erhöhen, um die Erholung anzukurbeln. Allerdings fragen die Unternehmen derzeit wenig Kredite nach. Aufgrund der eingetrübten wirtschaftlichen Aussichten im In- und Ausland halten sie sich mit Investitionen zurück.
Nach dem Treffen mit den Finanzaufsehern kündigten einige der größten chinesischen Investmentfondsgesellschaften einen Rückkauf eigener Finanzprodukte an, um den Markt angesichts des anhaltenden Ausverkaufs zu stützen, berichtet die Nachrichtenagentur Bloomberg. Demnach verpflichten sich mindestens sechs große Finanzkonzerne, darunter E-Fund Management und China Asset Management, dazu, umgerechnet jeweils 6,8 Millionen Dollar in den Rückkauf zu investieren. Der Vermögensverwalter Guotai Junan will sogar fast 28 Millionen Dollar aufbringen.
Zudem stützen Staatsbanken mithilfe von Devisenverkäufen die chinesische Währung. Da der Yuan nicht frei konvertierbar ist, wird der Wechselkurs durch Käufe und Verkäufe kontrolliert. Infolge der Zinserhöhungen in den USA hat der Yuan im Jahresverlauf um sechs Prozent gegenüber dem Dollar abgewertet.
Banken senken Wachstumsprognosen
Aufgrund der Wachstumsschwäche der chinesischen Wirtschaft und der Probleme auf dem Immobilienmarkt haben einige Investmentbanken zuletzt ihre Wachstumsprognosen für China fürs Gesamtjahr gesenkt. Die Schweizer UBS reduzierte am Montag ihren Ausblick auf 4,8 Prozent. Ein Großteil der Herabstufung sei auf eine „Neubewertung der Entwicklung des Immobiliensektors und der Auswirkungen auf andere Bereiche der Wirtschaft zurückzuführen“, betont China-Chefvolkswirtin Wang Tao in einer aktuellen Analyse.
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Eine schwächere Immobilienkonjunktur dürfte die Nachfrage nach Industriegütern und damit auch die Industrieinvestitionen dämpfen. Auch die Ausgaben der Kommunen und die Infrastrukturinvestitionen würden dadurch eingeschränkt, heißt es weiter.
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Denn das langsamere Wachstum verhindere eine Erholung des Arbeitsmarkts. Das führe dazu, dass Verbraucher ihr Geld zusammenhalten, wodurch sich das Konsumwachstum abschwäche. Auch weil schätzungsweise 60 Prozent oder mehr des Vermögens der privaten Haushalte in Immobilien angelegt sind, „dürfte ein schwächerer Immobilienmarkt den Verbrauch der privaten Haushalte durch einen negativen Vermögenseffekt dämpfen“, so Wang.
Bereits in der vergangenen Woche hatte die japanische Bank Nomura ihre Prognose für Chinas BIP-Wachstum auf 4,6 Prozent reduziert. Die chinesische Staatsführung selbst hat sich für 2023 ein Wachstumsziel von rund fünf Prozent gegeben. Viele Experten gehen davon aus, dass dies nur noch mit einer Stützung der Konjunktur erreichbar ist. Zwar haben die Behörden in den vergangenen Wochen zahlreiche Pläne zur Stützung der Wirtschaft vorgestellt, konkrete Maßnahmen gibt es bislang aber kaum.