Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

US-Staatsanleihen Realzinsen in den USA erreichen Rekordtief: Die Gefahr der Stagflation steigt

In den Vereinigten Staaten ziehen die Inflationserwartungen an. In der Folge sacken die Realzinsen auf ein Allzeittief. Droht nun eine Stagflation?
06.08.2020 - 19:16 Uhr 1 Kommentar
Der US-Kongress ringt um neue Rettungspakete für die Corona-geschwächte Wirtschaft. Quelle: ddp images/Steve Heap
Lincoln Memorial in Washington, D.C.:

Der US-Kongress ringt um neue Rettungspakete für die Corona-geschwächte Wirtschaft.

(Foto: ddp images/Steve Heap)

Frankfurt Bereits am Freitag könnte es in Washington zum Showdown kommen: Dann wollen sich die Verhandlungsführer von Republikanern und Demokraten im US-Kongress noch einmal treffen, um über ein neues Rettungspaket für die amerikanische Wirtschaft zu beraten. 

Klar ist schon jetzt: Es ist viel Geld nötig. Steigende Covid-19-Infektionen haben die Hoffnung zunichtegemacht, dass die USA die Pandemie schnell hinter sich lassen können. Peter Hooper, Chefökonom der Deutschen Bank in den USA erwartet daher, dass die US-Regierung weitere 1,5 bis zwei Billionen Dollar in die Wirtschaft pumpen könnte, nachdem sie Ende März bereits ein zwei Billionen schweres Programm auf den Weg gebracht hat.

Die beispiellosen Hilfsmaßnahmen hinterlassen ihre Spuren auch an den Finanzmärkten. Die mauen Konjunkturaussichten und die Kaufprogramme der US-Notenbank Federal Reserve (Fed) haben die Renditen für US-Staatsanleihen über alle Laufzeiten hinweg auf historische Tiefststände gedrückt. Die zehnjährige US-Staatsanleihe wirft nur noch 0,5 Prozent Rendite ab. Anfang des Jahres waren es noch knapp zwei Prozent. 

Gleichzeitig schüren der rasante Anstieg der Staatsverschuldung und die Aussicht auf Leitzinsen an der Nulllinie die Furcht vor Geldentwertung. Die Fünf-Jahres-Inflationserwartungen liegen mit 1,7 Prozent bereits wieder auf dem Niveau von vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Für Anleger sind fallende Nominalzinsen bei steigenden Inflationserwartungen eine toxische Mischung: Die reale Verzinsung von zehnjährigen US-Staatsanleihen beträgt minus 1,1 Prozent. Damit haben die Realzinsen in den USA am Donnerstag ein neues Allzeittief markiert. Noch schlimmer könnte es kommen, sollte die Rezession länger andauern und die Inflation dennoch merklich anziehen. Ökonomen bezeichnen dieses Szenario als Stagflation.

    Grafik

    Sonal Desai, Chefanlagestrategin für Anleihen beim Vermögensverwalter Franklin Templeton, hält eine „milde Form der Stagflation“ für möglich. Voraussetzung dafür sei, dass die USA die Ansteckungsraten in den Griff bekommen und die Nachfrage der Konsumenten wieder anzieht. 

    Gleichzeitig jedoch hat sich die US-Wirtschaft in diesem Szenario noch nicht vollständig von der Pandemie erholt, Insolvenzen und niedrige Investitionen lähmen die Angebotsseite. „In diesem Fall könnten wir in eine Phase eintreten, in der die Inflation höher ist, als wir es gewohnt sind, während das Wirtschaftswachstum weiter gedämpft bleibt.“

    Auch Daniel Hartmann, Chefvolkswirt beim Vermögensverwalter Bantleon erwartet eine erhöhte Geldentwertung: „Der Inflationstrend wird sich im Verlauf der nächsten Jahre umkehren“, schreibt er in einer Analyse, die dem Handelsblatt vorab vorliegt. 

    Zu den Faktoren, die steigende Inflationsraten in Zukunft begünstigen, zählt Hartmann den „Vormarsch der Fiskalpolitik“ sowie „die Abschwächung der Globalisierung“. Die Notenbanken in den USA und in Europa würden zunächst einen Anstieg der Inflation über das Zweiprozentziel hinaus tolerieren, so Hartmann. Inflationsraten von 2,5 Prozent oder drei Prozent seien kein Problem, sagt der Bantleon-Ökonom. „Aber darüber hinaus wird es schnell unangenehm und schadet der Wirtschaft.“

    Spiel mit dem Feuer

    Am Ende dieser Entwicklung könnten die westlichen Volkswirtschaften mit niedrigem Wachstum und erhöhter Inflation zu kämpfen haben und zu schmerzhaften Zinsanhebungen gezwungen sein. „Das kann sich jetzt noch keiner vorstellen, aber das ist das Feuer, mit dem die Notenbanken spielen“, warnt Hartmann.

    Grafik

    Eine ausgewachsene Stagflation, wie sie die Vereinigte Staaten Ende der 1970er-Jahre heimsuchte, befürchten allerdings im Moment noch die wenigsten Kapitalmarktexperten. So sagt Gurpreet Gill von Goldman Sachs Asset Management: „Wir gehen grundsätzlich nicht von einem Stagflationsszenario für die US-Wirtschaft aus.“ 

    Die zuletzt gestiegenen Inflationserwartungen in den USA seien vielmehr Ausdruck der Erholung des Landes nach dem Corona-Lockdown. „Die Inflationserwartungen sind im zweiten Quartal eingebrochen als Reaktion auf den doppelten Virus-Öl-Schock. Sie haben sich erholt, nachdem sich die Wirtschaft wieder geöffnet hat“, erläutert Gill.

    Aber die Anzeichen für eine zumindest etwas höhere Teuerungsrate mehren sich. Immer mehr Anleger erwarten, dass die Fed ihr hartes Zweiprozentziel für die Preissteigerung aufweicht und stattdessen diese Marke nur noch über eine längere Frist anpeilt. 

    Die Notenbank könne „für einen gewissen Zeitraum eine Inflation über der Zielmarke tolerieren, als Ausgleich für die Zeit, in der die Inflation unter der Zweiprozentmarke gelegen hat“, so Gill. Diese mögliche Änderung der Fed-Strategie „könnte am Markt ebenfalls zu strafferen Inflationserwartungen beigetragen haben“, glaubt die Goldman-Sachs-Expertin.

    Grafik

    Franklin-Templeton-Strategin Desai ergänzt, dass nicht nur die Investoren, sondern auch die US-Konsumenten eine erhöhte Teuerung befürchten: So seien die Lebensmittelpreise im Juni im Vergleich zum Vorjahresmonat um rund sechs Prozent gestiegen, das schnellste Wachstum seit fast zehn Jahren. „Sowohl Konsumenten als auch Investoren preisen das Risiko ein, dass die Krise das Angebot einschränkt.

    Kaufhausketten könnten in die Pleite rutschen, Restaurants nur eine begrenzte Zahl von Kunden bedienen. „US-Haushalte häufen derzeit Erspartes an. Wenn die Konsumlaune wieder anzieht, könnten Einschränkungen beim Angebot die Inflation etwas erhöhen“, glaubt Desai.

    Und dann ist da noch der schwache Dollar: Gegenüber dem Euro hat die US-Währung zuletzt deutlich an Wert verloren. Zwar ist eine große Volkswirtschaft wie die der Vereinigten Staaten nicht in gleichem Maße auf Importe angewiesen wie viele Schwellenländer. Dennoch verteuert ein schwacher Dollar die Einfuhren und wirkt tendenziell inflationär.

    Bantleon-Ökonom Hartmann hat zudem langfristige Trends ausgemacht, die eine erhöhte Inflation nahelegen. „Die ultraexpansive Geldpolitik wird von einer ultraexpansiven Fiskalpolitik ergänzt“, erläutert der Experte. Die USA seien das Paradebeispiel für diese Entwicklung. „Fed-Bilanz und Staatsausgaben sind zuletzt gleichermaßen explodiert.“ Viele Staatsausgaben seien langfristig angelegt und würden ihre Wirkung erst entfalten, wenn die Wirtschaft ohnehin wieder läuft.

    Grafik

    Zudem glaubt Hartmann, dass die „Globalisierung ihren Zenit überschritten hat. „Die Verlagerung von Arbeitsplätzen in Billiglohnländer habe maßgeblich die Inflation in der vergangenen Dekade gedämpft. Doch in der Coronakrise sei die Globalisierung an ihre Grenzen gekommen. „Das Virus hat eine Entwicklung beschleunigt, die ohnehin bereits im Gang war: den Rückbau der Lieferketten.“ Das führe zu höheren Produktionskosten und geringerem globalem Preisdruck – und damit zu Inflation. 

    Allerdings gibt Goldman-Sachs-Strategin Gill zu bedenken, dass die Coronakrise auch eine Reihe von inflationshemmenden Kräften freisetzt, etwa im Onlinehandel oder in der Automatisierung der Industrie.

    Prominente Hedgefonds-Manager stimmen ihre Kundschaft inzwischen ebenfalls auf steigende Inflationsraten ein. So schrieb David Einhorn, milliardenschwerer Chef von Greenlight Capital dem Fernsehsender CNBC zufolge an seine Investoren, er gehe davon aus, dass die Fed die Teuerungsrate über zwei Prozent steigen lässt. 

    Der Investor warnt in dem Schreiben davor, dass die Inflation auch die Luft aus Wachstumsaktien nehmen könnte, die trotz Verlusten astronomisch hoch bewertet seien, auf der Basis extrem niedriger US-Zinsen.

    Investoren unter Zugzwang

    Selbst wenn die Teuerungsrate weiter moderat bleibt: In Kombination mit den niedrigen Nominalzinsen ist sie für Anleger bereits heute ein Problem. „Deutlich negative Realzinsen bedeuten niedrigere Erträge über alle Vermögensklassen hinweg“, warnt Desai. Institutionelle Anleger wie Versicherungen oder Pensionskassen, die ihren Kunden eine bestimmte Rendite liefern müssen, stünden unter zusätzlichem Druck. 

    „Historisch gesehen waren Sachwerte wie Rohstoffe eine gute Absicherung in Zeiten von Stagflation“, sagt Desai. Das könnte auch ein Grund für die jüngste Gold-Rally sein, so die Franklin-Templeton-Expertin.

    Die negativen Realzinsen setzen Anleihe-Investoren unter Zugzwang, meint Bantleon-Experte Hartmann. Denn die Coronakrise habe gezeigt, dass bei den Renditen etwa für Staatsanleihen der absolute Tiefpunkt erreicht sei. 

    Das bedeutet aber auch: Die Aussicht auf weitere Kursgewinne ist begrenzt. Angesichts negativer Realzinsen in den USA sowie sogar negativer Nominalzinsen in Europa bringen Investments in sichere Staatsanleihen weltweit garantierte Verluste. 

    Hartmann rät daher zu Zinspapieren, die noch einen Risikoaufschlag bieten, etwa Unternehmensanleihen oder Staatsanleihen von Euro-Peripheriestaaten. Das bedeutet zwar mehr Risiko. Doch das müssten Anleger eingehen, wenn sie ihr Vermögen vor der befürchteten Geldentwertung schützen wollen.

    Mehr: Lange Zeit galt es als Tabu, dass EZB, Fed und Co. die Renditen für Staatsanleihen vorgeben. Infolge der Coronakrise könnte sich dies  bald ändern.

    Startseite
    Mehr zu: US-Staatsanleihen - Realzinsen in den USA erreichen Rekordtief: Die Gefahr der Stagflation steigt
    1 Kommentar zu "US-Staatsanleihen: Realzinsen in den USA erreichen Rekordtief: Die Gefahr der Stagflation steigt"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Benutzt man die alten Formeln für die Inflationsberechnung kommt zu etwa 8% p.a. Inflation für die letzten Jahre. Daraus folgt bei etwa 1,5% Wachstum des BIP ein inflationsbereinigtes BIP von minus 6,5%, wonach Stagflation schon seit Jahren Faktum wäre.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%