1. Startseite
  2. Finanzen
  3. Geldpolitik
  4. Reaktionen auf EZB-Entscheid: „Nichts weniger als Regimewechsel“

ZinsentscheidReaktionen auf historische Wende der EZB: „Das ist nichts weniger als Regimewechsel“

Unternehmen und Ökonomen nehmen die deutliche Zinserhöhung der EZB überwiegend positiv auf. In die Erleichterung mischt sich aber auch Ungeduld. 21.07.2022 - 16:30 Uhr Artikel anhören

Viel Zustimmung, aber auch kritische Töne.

Foto: dpa

Düsseldorf. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat erstmals seit mehr als einem Jahrzehnt den Leitzins erhöht. Die Währungshüter um EZB-Chefin Christine Lagarde beschlossen am Donnerstag, den sogenannten Hauptrefinanzierungssatz überraschend deutlich um einen halben Punkt auf 0,50 Prozent zu erhöhen.

Zuletzt hatte die EZB den Preis des Geldes im Jahr 2011 verteuert. Analysten und Wirtschaftsvertreter äußerten in ersten Reaktionen überwiegend Zustimmung für die historische Zinswende. Das Handelsblatt gibt eine Übersicht:

Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank:

„Es ist gut, dass sich die EZB heute zu einem großen Zinsschritt von einem halben Prozentpunkt durchgerungen hat. Aber das kann nur ein Anfang sein. Der Euroraum mit seinem tiefgreifenden Inflationsproblem braucht eine Serie großer Zinsschritte, um den Leitzins rasch über das sogenannte neutrale Niveau zu bringen, das wir bei knapp drei Prozent sehen. Nur dann würde die EZB die Konjunktur nicht mehr anfachen, so dass die Inflation mittelfristig wieder sinken würde.

Aber die EZB schielt auf die hoch verschuldeten Länder wie Italien, die weiter auf niedrige Leitzinsen drängen dürften, obwohl die EZB heute ein Hilfsprogramm für diese Länder beschlossen hat. Die Inflation dürfte noch viele Jahre deutlich über den versprochenen zwei Prozent liegen.“

Iris Bethge-Krauß, Chefin des Bundesverbands Öffentlicher Banken Deutschlands (VÖB):

„Die EZB hat heute eine richtige Entscheidung getroffen. Der große Zinsschritt seit elf Jahren signalisiert, dass die Währungshüter mittelfristig die rekordhohe Inflation in den Griff bekommen wollen. Gleichzeitig ist es ein erster Schritt auf einem geldpolitisch langen Weg.

Die EZB steht weiterhin vor der großen Herausforderung, die Erwartungen von Unternehmen und Verbrauchern hinsichtlich der Teuerungsraten einzuhegen. Wir werden die EZB auf ihrem Kurs unterstützen.“

Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Dekabank:

„Die Zinsen müssen jetzt zügig Richtung 1,5 Prozent angehoben werden. Ein guter Teil hiervon sollte passieren, solange die Wirtschaftsdaten im Sommer und Herbst noch einigermaßen gut sind. Wenn die Wirtschaft im Winterhalbjahr wegen Energieproblemen stagniert, sind Zinserhöhungen schwierig.

„Das monetäre Schlaraffenland hat geschlossen.“
Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Dekabank

Obwohl die EZB die weiteren Zinsschritte von den künftigen Wirtschaftsdaten abhängig gemacht hat, ist ein weiterer großer Zinsschritt von 0,5 Prozentpunkten im September wahrscheinlich.

Chefvolkswirt der Dekabank

Foto: DekaBank

Mit diesem Einstieg in eine straffere Geldpolitik ist das Zeitalter der Null- und Negativzinsen vorbei. Das monetäre Schlaraffenland hat geschlossen. Die Finanzmärkte haben sich schon in den vergangenen Monaten darauf eingestellt, daher gab es auf die heutigen Beschlüsse der EZB keine große Reaktion mehr an Aktien- und Rentenmärkten.“

Martin Wansleben, Hauptgeschäftsführer Deutscher Industrie- und Handelskammertag (DIHK):

„Zu hohe Inflationsraten und zu hohe Zinsen sind beides Gift für die Wirtschaft. Sie schüren Unsicherheit und erhöhen die Finanzierungskosten der Unternehmen. In der aktuellen Lage ist eine klare Positionierung der EZB wichtig, um die Inflationserwartungen zu dämpfen.

Deshalb gibt es derzeit keine bessere Option als die Zinsen zu erhöhen, auch wenn das für sich genommen die Konjunktur belastet. Weitere wohldosierte Zinsschritte müssen folgen.“

Michael Heise, Chefökonom HQ Trust:

Es werden weitere Zinsschritte folgen, die den Leitzins der EZB zum Jahresende auf 1,0 Prozent und den Einlagensatz wohl auf 0,5 Prozent bringen werden. Eine einigermaßen neutrale Geldpolitik dürfte allerdings erst bei einem Zinsniveau um die zwei Prozent erreicht sein. Die in den vergangenen Jahren beliebten Modellberechnungen, die das inflationsstabile Zinsniveau im negativen Bereich verortet haben, haben sich als Irrlichter für die Zentralbanken erwiesen.

Dass die Ankündigungen der EZB zum Anti-Fragmentierungsinstrument einigermaßen vage geblieben sind, ist der Lage angemessen. Anleihekäufe zur Kontrolle von Risikoprämien für hoch verschuldete Länder stünden sehr schnell im Konflikt mit dem Verbot der Staatsfinanzierung und mit der Einhaltung der länderspezifischen Quoten bei Anleihebestand. Ökonomisch bedeuten Anleihekäufe eine Ausweitung der Geldmenge, die die Inflation weiter verstärken könnten.“

Mehr zur historischen Zinswende der EZB:

Jens-Oliver Niklasch, Senior Economist, Landesbank Baden-Württemberg

„Das ist nichts weniger als Regimewechsel. Je nach Position könnte man sagen, dass die EZB den Panikknopf gedrückt hat oder damit ihrem Mandat gerecht wird.

Zugleich verabschiedet sich die EZB von der Forward Guidance, die als untauglich in der Rumpelkammer verschwindet. Die EZB entscheidet jetzt von Sitzung zu Sitzung über den Zins.

Neu ist das TPI. Auf die Details müssen wir noch warten, aber nach Lage der Dinge kann es sich dabei nur um Käufe von Staatsanleihen im großen Stil handeln. Ob dieses Instrument konform mit den Europäischen Verträgen ist, werden wohl die Gerichte zu klären haben.

Aus Marktsicht positiv ist, dass die EZB ex ante kein Limit nennt. Damit sollen Spekulationen gegen den Euro abgeschreckt werden. Im Idealfall bleibt das TPI ähnlich wie das OMT eine glaubwürdige Abschreckung und muss gar nicht aktiviert werden.

Die Politik der EZB wird schwerer berechenbar und die Prämie auf richtige Prognosen zur EZB steigt erheblich.“

Christian Ossig, Hauptgeschäftsführer Bundesverband Deutscher Banken (BDB):

„Mit der Erhöhung der Leitzinsen um 50 Basispunkte stellt sich die EZB der Inflation entschlossen entgegen. Damit beenden die europäischen Währungshüter endlich nach acht Jahren die Phase der Negativzinspolitik. Sie zeigen damit, dass sie die hohe Inflation nicht dauerhaft hinnehmen wollen. Das ist auch ein wichtiges Signal an die Tarifparteien.“

Helmut Schleweis, Präsident Deutscher Sparkassen- und Giroverband (DSGV):

„Die heutige Entscheidung für eine echte Zinswende war überfällig angesichts der galoppierenden Inflation. Wir haben schon lange darauf hingewiesen, dass die EZB geldpolitisch umso härter gegensteuern muss, je länger sie ihren Kurswechsel hinauszögert.

Durch den verbrecherischen Angriffskrieg auf die Ukraine und den drohenden Gas-Lieferstopp hat sich das Zeitfenster für den Beginn signifikanter Zinserhöhungen noch schneller geschlossen, als wir alle das vorhersehen konnten. Die heutige Entscheidung der EZB muss der Startschuss für eine Reihe weiterer Zinserhöhungen sein.“

Michael Holstein, Chefvolkswirt der DZ Bank

„Also doch der große Zinsschritt, um den es in den letzten Tagen bereits Spekulationen gegeben hatte. Offenbar war der Druck von Seiten der “Falken” doch etwas zu groß geworden, entschlossener gegen die enorm hohen Inflationsraten vorzugehen.

Die Entscheidung könnte auch ein Kompromiss sein: Es kommt der große Zinsschritt, aber gleichzeitig mit dem TPI auch ein relativ großzügiges neues Instrument zur Unterstützung der hochverschuldeten Staaten. Vor dem Hintergrund der Regierungskrise in Italien muss die EZB hier eine schwierige Abwägung treffen: Die Märkte nicht zu sehr zu beunruhigen, aber sich auch politisch und juristisch nicht angreifbar zu machen.“

Jörg Asmussen, Hauptgeschäftsführer Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV):

„Die erste Zinserhöhung seit 2011 ist zweifellos ein besonderer Moment. Sie kommt spät, ist aber richtig. Die Kapitalmärkte haben die Zinswende seit längerem eingepreist.

Die heutige Zinserhöhung kann nur ein erster Schritt in einer Reihe gewesen sein.
Jörg Asmussen, GDV

Die heutige Erhöhung um 50 Basispunkte ist – trotz der Vorankündigung einer Zinserhöhung um 25 Basispunkte – durch die Datenlage für die Eurozone gerechtfertigt. Zugleich ist sie ein symbolträchtiger Schritt, der die Negativzinsphase beendet. Dennoch kann die heutige Zinserhöhung nur ein erster Schritt in einer Reihe gewesen sein.“

Friedrich Heinemann, Ökonom am Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW):

Verwandte Themen
EZB
Christine Lagarde
Italien
Helmut Schleweis
Ukraine

„Es ist gut, dass sich der EZB-Rat zu einem großen Zinsschritt durchgerungen hat. Die Rückkehr der Inflation in den Zielbereich ist nicht absehbar. Noch dazu wird die sehr hohe Konsumentenpreisinflation allmählich auch zur Lohninflation, damit kommt die Lohn-Preis-Spirale in Schwung. Der EZB-Rat musste in dieser Lage endlich Entschlossenheit signalisieren, um die Inflationserwartungen einzudämmen.

Während die Zinsentscheidung somit zu begrüßen ist, birgt das neue Transmissionsschutz-Instrument große Gefahren. Die EZB wird damit immer mehr zur Instanz, die über die Finanzierbarkeit hoher Staatsschulden und damit auch über das Schicksal von Regierungen entscheidet. Das ist nicht mit der geldpolitischen Aufgabe einer unabhängigen Zentralbank vereinbar.“

Bloo, rtr
Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
remind.me
Jetziges Strom-/Gaspreistief nutzen, bevor die Preise wieder steigen
Anzeige
Homeday
Immobilienbewertung von Homeday - kostenlos, unverbindlich & schnell
Anzeige
IT Boltwise
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Presseportal
Direkt hier lesen!
Anzeige
STELLENMARKT
Mit unserem Karriere-Portal den Traumjob finden
Anzeige
Expertentesten.de
Produktvergleich - schnell zum besten Produkt