Nachhaltiges Bauen: Ideen für die Zukunft des Wohnens in Hamburg-Wilhelmsburg
Köln. Die Treppen werden der Hingucker im neuen Quartier an der Reichsstraße: Sie sollen vor den Gebäuden stehen, im Innenhof, umhüllt von Glas. Und das ist keineswegs nur ein architektonischer Kniff.
Maria Hirnsperger und Angie Müller-Puch vom Architekturbüro Behnisch Architekten haben aus mehreren Gründen so geplant: Die Bewohner sind mehr an der frischen Luft, sie treffen sich draußen und das Gebäude wird günstiger und nachhaltiger. Für Freilufttreppenhäuser fallen etliche Sicherheitsvorschriften weg - also braucht es weniger Material. Die Glashülle soll aus alten, wiederverwerteten Fenstern bestehen.
Betrachtet man den Lebenszyklus herkömmlicher Neubauten, gehen 80 Prozent des CO? auf sogenannte graue Emissionen zurück. Diese entstehen beim Herstellen des Baumaterials. Zusätzlich ist der Bausektor für etwa 60 Prozent des Abfallaufkommens in Deutschland verantwortlich. In dem neuen Quartier wird das dank Recyclingmaterial und ganzheitlicher Planung anders.
Der Stadtteil Wilhelmsburg liegt rund sechs Kilometer südlich des Stadtzentrums zwischen zwei Elbarmen. Die Wohnungspreise liegen dort zurzeit bei 4600 Euro pro Quadratmeter, was für Hamburger Verhältnisse relativ günstig ist.
Insgesamt sollen im Wilhelmsburger Rathausviertel auf 32 Hektar Fläche etwa 1600 Wohnungen entstehen. Der Bau soll im Jahr 2027 beginnen. 185 dieser Wohnungen baut das Bauunternehmen Otto Wulff nach Plänen von Behnisch Architekten. Sie haben mit ihrem Konzept eines Kreislauf-Viertels den Wettbewerb der Stadt Hamburg für ressourcenschonendes und zukunftsfähiges Bauen gewonnen, wie die „Immobilien Zeitung“ berichtet.
Das Bauvorhaben ist zudem eins der Pilotprojekte der EU-Förderung „Kreislaufwirtschaft in regenerativen Städten“ (CIRCuIT), die in den kommenden Jahren in Hamburg, Kopenhagen, Helsinki und London entstehen. Das Projekt nutzt zirkuläre, das heißt wiederverwendete oder nachwachsende Rohstoffe. Zum Beispiel die alten Fenster für die Treppenhäuser.
Oder einen Recyclingbeton, den Otto Wulff im Rahmen des Projekts mit Hamburger Partnern entwickelt hat, denn das Team möchte so wenig neue Bausubstanz verwenden wie möglich. Deshalb besteht der Neubau aus einem „flexiblen Skelett“, in das Otto Wulff dann einbauen soll, was beim Abbruch anderer Häuser an Material anfällt. Architektin Hirnsperger ist es zudem wichtig, lange Transportwege zu vermeiden.
Die Architektinnen wollen besonders vorausschauend planen. Etwa mit ihrem Konzept der sogenannten „Switch-Wohnungen“. Die Grundrisse sind so konzipiert, dass sich Wohnungen über einen Verbindungsgang zusammenschließen lassen, „ohne etwas umbauen zu müssen“, betont Müller-Puch. Umgekehrt können Bewohner und Bewohnerinnen ihre Wohnungen im Alter verkleinern. Vorteil: Sie bleiben im Quartier, während Wohnraum für zukünftige Generationen frei wird.
„Dadurch ergibt sich auch für die Stadt Hamburg die Möglichkeit, den Quadratmeterverbrauch pro Person zu reduzieren“, ergänzt Hirnsperger. Dass die „Switch-Wohnungen“ sich umbauen lassen, bringe Flexibilität, „da der Wohnungsmix nicht bereits zu Beginn des Projektes fixiert ist, sondern sich an die aktuellen Bedürfnisse des Marktes anpasst“, sagt die Architektin. „Nachhaltiges Bauen und bezahlbarer Wohnraum sind keine Gegensätze“, findet Hirnsperger.
„Es geht bei dem Projekt weniger um teure Konstruktionen, Technik und Materialien, sondern um gute Planung“, sagt sie. „Ein besonders robustes Gebäude mag anfangs teurer sein - dafür ist es langlebiger und leichter zu reparieren“, so Hirnsperger. „Billiger muss nicht gleich wirtschaftlicher bedeuten.“ Für Investoren sind Projekte wie dieses auch interessant, weil die Gebäude zum „Materiallager“ werden, so Müller-Puch. „Werden derzeit Gebäude rückgebaut, sind große Teile davon oft nur noch Abfall oder schlimmstenfalls Sondermüll“, erklärt sie.
Im Kreislaufviertel hingegen werden die Gebäude selbst zur Ressource. Denn bei jeder Wand und jedem Träger ist von Beginn an geplant, sie wiederzuverwenden. Vorgesehen sind zudem Parks, begrünte Fassaden und Dachgärten. „Das schafft ein gutes Mikroklima“, sagt Müller-Puch. „Und wer sich wohlfühlt, geht besser mit seinem Zuhause um“, glaubt sie. So bleibt die Bausubstanz in Schuss und muss nicht ständig renoviert werden - auch das ist nachhaltig.